«Umziehen ist immer anstrengend»

SRF-Direktor Ruedi Matter sagt, bei der möglichen Schliessung des Berner Radiostudios gehe es um mehr als eine Sparübung.

Steht unter Spardruck: SRF-Chef Ruedi Matter. Foto: Reto Oeschger

Steht unter Spardruck: SRF-Chef Ruedi Matter. Foto: Reto Oeschger

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Warum wollen Sie die Journalisten von der Radiosendung «Echo der Zeit» statt wie bisher in Bern näher bei den Maskenbildnerinnen im Fernsehstudio in Zürich haben?
Die Entwicklung des Radios ist jener des Fernsehens sehr ähnlich: Die Nutzung ist rückläufig. Das klassische, lineare ­Radio ist zwar immer noch sehr wichtig, verliert aber Hörer, auch Flaggschiffe wie «Echo der Zeit» und «Rendez-vous am Mittag». Radio SRF 1 hat in den letzten acht Jahren ein Viertel seiner Hörerschaft verloren. Dies vor allem, weil sich die Nutzung verändert. Radio wird heute zunehmend anders, digitaler konsumiert. Diese neuen Angebote werden strategisch und technologisch in Zürich entwickelt. Und weil wir in der Entwicklung gleich lange Spiesse für Radio und TV haben möchten, macht eine engere Anbindung des Radios an diese Ent­wicklungsarbeit Sinn. Nur wenn es uns gelingt, unsere hervorragenden Inhalte auch für ein jüngeres Publikum aufzubereiten, sind wir in zehn Jahren noch relevant. Aber auch im Falle eines Umzugs bleiben die Informationsabteilungen von Radio und Fernsehen unabhängig mit einem eigenen Themensetting und einer eigenen Inhaltsgestaltung.

Könnte man nicht stattdessen die Forschung und Entwicklung nach Bern verlegen, im Sinne der schweizerischen Ausgewogenheit?
Dann müsste man sie an zwei Standorten betreiben, das können wir uns nicht leisten. Unsere Abteilung Technologie und Entwicklung arbeitet in Zürich für alle Standorte und Redaktionen. Neue Projekte kommen oft auch zustande, weil die Leute räumlich beieinander arbeiten. So zeichnen sich im Alltag oft neue Modelle der Zusammenarbeit und auch der Produktion ab. Heute braucht es nicht mehr nur Journalisten, Techniker und Produzenten, sondern eben auch Leute aus dem Forschungs- und Entwicklungsbereich, die schauen, wie eine Geschichte moderner produziert und verbreitet werden kann. Wenn die Radioinformation komplett in Bern bliebe, würde sie entwicklungstechnisch zunehmend isoliert.

Glauben Sie, Leutschenbach sei der Nabel der Welt?
Nein. Aber es gibt historische Gründe, warum dieser Standort gewachsen ist. Es ist interessant, dass alle finden, die SRG müsse sparen, bescheidener werden. Nun machen wir das, optimieren unsere Prozesse, unsere Effizienz, sparen Tausende von Quadratmetern Immobilien. Dass die Betroffenen keine Freude haben an einem Umzug, verstehe ich. Umziehen ist immer anstrengend. Und ich verstehe auch die Berner Stadt- und Kantonsregierung, dass sie keine Freude hat. Aber man kann nicht optimieren und Kosten reduzieren, ohne dass es wehtut. Auch wenn es bei diesem Projekt nicht bloss um Einsparungen geht.

Der Umzug von Bern nach Zürich ist also auch eine Sparmassnahme. Wie viel spart man damit?
Ja, wir müssen sparen. SRG-weit sind es 100 Millionen, auf SRF entfällt rund ein Drittel davon. Mit Optimierungen können bei den Immobilienkosten in Zürich und in Bern über 10 Millionen Franken gespart werden. Und wir sparen lieber bei den Strukturen, der Produktion und bei Immobilien als bei den Menschen. Mit dem Umzug der Berner Kollegen nach Zürich könnten die jährlichen ­Betriebskosten um rund drei Millionen Franken reduziert werden.

Sie gehen nicht auf das Angebot der Stadt Bern ein, die für die SRG günstige Liegenschaften suchen will?
Wir sind natürlich mit den Berner Behörden in Kontakt. Und zu den Verwaltungsgebäuden gibt es laufende Studien. Aber bis heute liegt uns kein entsprechendes Angebot vor. Und es geht uns – wie gesagt – nicht bloss um die Liegenschaft als solche, sondern um eine entwicklungstechnisch und journalistisch bessere Anbindung der heute noch in Bern beheimateten Info-Redaktion. Dies ist wichtig für die langfristige Entwicklung des Radios.

Wie wollen sie das Radio weiterentwickeln?
Die Produktionsweise des Radiomachens verändert sich. Das wird man als Hörer nicht merken, das «Echo der Zeit» kommt für mich als linearen Nutzer immer noch gleich daher. Aber die Produktionsweise wird eine andere sein. Ich kann das am Beispiel des Newsrooms ­erklären, der momentan für TV und Online gebaut wird. Es wird nicht mehr so sein, dass jeder Beitrag vom selben Autor von A bis Z betreut wird. Sondern ein Team kümmert sich um die Nachrichtenversorgung, ein anderes kümmert sich um die Bilder. Wieder andere bereiten den Beitrag für Facebook, Instagram, für TV-Kurznachrichten auf unseren eigenen Plattformen auf. Das sind neue Produktionswege, die der modernen Nutzung entsprechen, die unsere Prozesse optimieren und damit auch mithelfen, Kosten zu sparen.

«Lokale Verankerung bedeutet nicht, dass wir überall gleich aufgestellt sein müssen.»

Die Redaktoren müssen nicht nur nach Zürich ziehen, sondern sie arbeiten künftig auch total anders?
Selbstverständlich. Ich bin schon seit 45 Jahren im Beruf. Ich erlebte noch, wie man Zeitung mit Blei machte, und beim Fernsehen Filme entwickelt werden mussten. Heute können wir mit dem Handy eine Liveschaltung machen. Aber das gilt für jeden Beruf: Wer weiterkommen will, muss sich technologischen Entwicklungen anpassen und lernen, mit den neuen Methoden und Mitteln zu arbeiten. Ohne die Qualität dadurch zu schwächen. Das halte ich für eine absolute Selbstverständlichkeit, das gilt auch für SRF.

Im No-Billag-Abstimmungskampf ist die lokale Verankerung betont worden. Wie will die SRG diese noch sicherstellen, wenn die Mehrheit der Journalisten in Zürich sitzt?
Lokale Verankerung bedeutet nicht, dass wir überall gleich aufgestellt sein müssen. Verankert sind wir, weil wir im Programm die Vielfalt abbilden. Mit diesem Umzug verstärken wir das noch. Die Inlandredaktion des Radios bliebe ja grösstenteils in Bern, verstärkt von einigen Mitgliedern der TV-Inlandredaktion, die heute noch in Zürich arbeiten, auch das Regionaljournal Bern-Freiburg-Wallis bliebe in Bern, die Bundeshausredaktion, sogar leicht ausgebaut, auch. Und an allen Regionalstandorten erhöhen wir die Zahl der Korrespondenten.

Wären die Umzugspläne vor der No-Billag-Abstimmung bekannt geworden, hätte dies der Initiative nützen können.
Als ich diese Pläne im Regionalvorstand präsentierte, fanden das alle sinnvoll und gut. Ausser den Berner Vertretern, und dafür habe ich Verständnis. Aber letztendlich stärken wir die Regionalstandorte und können künftig mehr ­Beiträge zu regionalen Themen mit überregionalem Interesse für die Newssendungen realisieren. Das hängt auch nicht davon ab, ob die Hauptredaktionen in Zürich oder Bern sind, sondern ob es Korrespondenten gibt, die in der Region verankert sind.

Wir haben ein Déjà-vu: Über die Pläne für Admeira hat die SRG kurz nach der Abstimmung zum neuen Radio- und Fernsehgesetz informiert. Die Umzugspläne für das Radiostudio wurden kurz nach der No-Billag-Abstimmung bekannt.
Wir haben ja auch nicht unendliche ­Managementkapazitäten. Bis 4. März waren alle mit der Abstimmung beschäftigt, hatten Auftritte, Interviews, Podien. Wir haben immer klar gesagt, dass sich die SRG verändern werde, dass wir Reformen umsetzen werden, unsere Effizienz steigern und sparen würden. Und das ist genau das, was wir momentan tun.

Sie gehen Ende Jahr, fällt es Ihnen nun einfacher, unbeliebte Entscheide zu fällen?
Ich bleibe ja, bis eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger eingearbeitet ist. Natürlich überbringe ich den Menschen nicht gerne negative Nachrichten. Aber es ist eben Teil der Führungsverantwortung. Ich habe mir in meinem letzten Jahr aber sicher nicht gewünscht, nochmals eine Restrukturierung durchführen zu müssen. Aufgrund des Spardrucks ist die Dringlichkeit nun aber einfach mal gegeben.

Rund 160 Berner Mitarbeiter haben Ihnen einen Brief zukommen lassen und ihren Unmut über den Entscheid, das Radiostudio zu zügeln, mitgeteilt. Sie haben ihnen nicht geantwortet. Warum?
Der Brief war in erster Linie an Gilles Marchand gerichtet, und er hat ihn nach wenigen Tagen beantwortet.

Der Brief ging an Marchand, den SRG-Generaldirektor, genauso wie an Sie als SRF-Direktor, an den SRG-Verwaltungsrat und an Medienministerin Doris Leuthard.
Gilles Marchand hat ihn im Namen der Geschäftsleitung der SRG beantwortet. Ich bin für alle Gespräche aber jederzeit bereit.

Was stellen Sie für Anforderungen an Ihren Nachfolger?
Es ist nicht meine Aufgabe, das zu definieren. Ich persönlich habe davon profitiert, dass ich eine vielfältige Erfahrung als Produzent und Journalist mitgebracht habe und auch Managementerfahrung vorweisen konnte.

Ständerätin Anita Fetz fordert, an der SRF-Spitze brauche es nun eine Frau. Finden Sie das auch?
Es braucht vor allem jemand, der dem Job gewachsen ist.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.05.2018, 20:03 Uhr

Ruedi Matter

Von der «Tagesschau» ganz nach oben

Ruedi Matter ist seit der Fusion von Radio DRS und dem Schweizer Fernsehen im Jahr 2011 Direktor des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF). Im Oktober wird Matter 65 Jahre alt. Im Frühjahr hatte er seinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt. In den Journalismus eingestiegen ist er 1974 als Lokalredaktor bei der «National-Zeitung» in Basel. Ab 1976 war er Redaktor bei der Nachrichtensen­dung «Tagesschau». In den 1990er-Jahren arbeitete er kurzzeitig für das Beratungsunternehmen McKinsey, bevor er wieder zum Schweizer Fernsehen zurückkehr­te und die Leitung der Sendung «Cash-TV» übernahm. 2006 übernahm er die Chefredaktion beim Schweizer Radio DRS. (sie)

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