Übergriffe in den Nachtstunden

Die Städte Lausanne, Bern und Zürich lancieren breit angelegte Kampagnen gegen sexuelle Belästigungen im öffentlichen Raum. Im Fokus sind Täter und Opfer.

Wenn in Lausanne Nachtschwärmer unterwegs sind, kommt es häufig zu Belästigungen.

Wenn in Lausanne Nachtschwärmer unterwegs sind, kommt es häufig zu Belästigungen. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Anzügliche Bemerkungen, obszöne Pfiffe: Die Lausannerin Léonore Porchet sagt, sie werde jede Woche angemacht. Unbekannte würden ihr mitten auf der Strasse beim Vorbeigehen zweifelhafte Komplimente zuraunen. Mehr noch: Männer fordern die 29-Jährige gelegentlich auch unverhohlen zum Sex auf.

Auch wenn Porchet solche Botschaften ignoriert, daran gewöhnen kann und will sie sich nicht. «Anzüglichkeiten, sexuelle Gewalt und virile Träume von Schwerenötern stören mich seit Jahren», sagt Porchet. Von anderen Frauen weiss sie, dass Männer in der Metro gerne an Hintern oder Brüste greifen. Lesbische Frauen wiederum berichten von Vorfällen, in denen ihnen Männer Sex zu dritt vorschlugen.

Léonore Porchet hat das Thema sexuelle Gewalt unter dem Titel «Harcèlement de rue» (Belästigung auf der Strasse) 2016 auf die politische Agenda der Stadt Lausanne gesetzt. Die ehemalige Gemeinderätin, Präsidentin der Lausanner Grünen und amtierende Waadtländer Kantonsrätin reichte im Stadtparlament mehrere Vorstösse dazu ein und forderte die Stadtregierung zum Handeln auf. Es gehe hier auch um Sicherheitsfragen, argumentierte Porchet.

Tatorte ermittelt

Die Regierung zögerte zunächst, liess die Fakten von unabhängiger Stelle abklären und bekam ein überraschendes Bild. In einer repräsentativen Umfrage gaben 72 Prozent der befragten Frauen zwischen 16 und 25 Jahren an, in den letzten 12 Monaten zumindest einmal auf der Strasse belästigt worden zu sein.

Lausannes Sicherheitsdirektor Pierre-Antoine Hildbrand (FDP) spricht heute von einem «massiven Problem». 32 Prozent der belästigten Frauen gaben in der Umfrage an, Männer hätten sie gegen ihren Willen berührt. 42 Prozent berichteten, Männer seien ihnen gefolgt. In der überwiegenden Mehrheit passierten die Übergriffe während der Nachtstunden.

Vieles passiert am frühen Abend am Bahnhof, dann in der Ausgehmeile und vor der Heimfahrt wieder am Bahnhof.

Auch die «Tatorte» konnten dank der Handy-App Aedilis genau eruiert ­werden. Abseits der Strassen kam es im Allgemeinen in Bars, Restaurants, Diskotheken und im Bahnhof zu Übergriffen. Die Frauen gaben an, die Übergriffe seien von Männern im Alter zwischen 25 und 35 Jahren begangen worden, von denen jeder zweite in einer Gruppe unterwegs war.

Belästigungen im öffentlichen Raum hat nicht nur Lausanne als Problem erkannt. Manuel Willi, Chef der Berner Regionalpolizei, sagt, man habe sich mit Gewalt im öffentlichen Raum befasst und dabei auch Belästigungen örtlich und zeitlich analysiert. Vieles passiert an ­Wochenenden, am frühen Abend am Bahnhof, dann in der Ausgehmeile und vor der Heimfahrt wieder am Bahnhof.

Gerade bei sexuellen Belästigungen sei die Dunkelziffer hoch, weil viele Fälle der Polizei nicht gemeldet würden, sagt Willi. Man habe an den Hotspots bereits die Polizeipräsenz erhöht und wolle die Hemmschwelle senken, damit Betroffene die Polizei öfters kontaktieren.

Hinschauen und Handeln

Recherchen zeigen: Verschiedene Schweizer Städte kämpfen mit denselben Problemen. Die Kantonspolizei Bern lanciert an der BEA eine Kampagne gegen Gewalt im öffentlichen Raum, in der sie auch das Thema der sexuellen Belästigung aufnimmt.

Die Stadtpolizei Zürich hat vor wenigen Tagen eine auf zwei Jahre angelegte Kampagne mit dem Namen «Heh! – Hinschauen! Einschätzen! Handeln!» gestartet. Diese appelliert an die Zivilcourage der Bürger und ist thematisch breit gefasst. Die Kampagne ruft dazu auf, in Fällen von sexueller Belästigung, häuslicher Gewalt, Diskriminierung, Vandalismus, Cybergewalt und Mobbing einzuschreiten. Die Stadtpolizei Zürich setzt auf einen Online-Selbsttest und ist in den nächsten zwei Jahren mit einem Live-Experience-Projektor unterwegs. In elektronischen Schattenspielen müssen die Teilnehmenden Verantwortung übernehmen und sich in verschiedenen Szenarien zu Handlungen entscheiden.

Achtung Satire! Die Lausanner Kampagne mit Yann Marguet. Video: CommuneLausanne

Die Lausanner Kampagne läuft in den kommenden Wochen und Monaten an. Stadtrat Pierre-Antoine Hildbrand präsentierte gestern das Kampagnenvideo. Darin evoziert der Waadtländer Humorist Yann Marguet, sexuelle Übergriffe stammten aus einer anderen Zeit und gehörten ins Museum. Das Video ist satirisch. Ob das Zielpublikum dessen Botschaft versteht, wird sich weisen.

Lausannes Stadtregierung mag beim Thema ansonsten nicht scherzen. Sie wird ein spezielles Online-Formular für Opfer sexueller Übergriffen einrichten, Ausbildungen für Polizisten anbieten und Lehrmaterial für Lehrer bereitstellen, um im Sexualkundeunterricht über das Thema zu sprechen. Stadtrat Hildbrand sagt: «Wir können viele Dinge unternehmen: Am sichersten ist immer noch, wenn Opfer im Fall eines Übergriffs die Polizeinotrufnummer 117 wählen.»

(Der Bund)

Erstellt: 01.05.2018, 07:47 Uhr

Léonore Porchet hat das Thema sexuelle Gewalt 2016 auf die politische Agenda der Stadt Lausanne gesetzt. (Bild: Keystone )

Die Berner Polizeikampagne

Die Kantonspolizei Bern lanciert am Freitag an der Berner Frühlingsmesse BEA eine Kampagne gegen Belästigungen und Gewalt im öffentlichen Raum und wird sie danach in Schulen und an Open Airs fortsetzen. Besucher können sich eine Brille aufsetzen, mit der sie virtuell in reale Konfliktsituationen gelangen. Der Betrachter entscheidet durch seine Augenbewegungen, welche Lösung ihm in der jeweiligen Situation als die richtige erscheint. Entscheidet er sich für die falsche, können Situation eskalieren. Im schlimmsten Fall wird der Betrachter Opfer von physischer Gewalt und muss gar virtuelle Schläge ein­stecken.

Die Brille sei ein wichtiges pädagogisches Mittel, sagt Manuel Willi, Chef der Berner Regionalpolizei. Die Leute erfahren in reellen Situationen, wie sie sich verhalten sollen. Diese Eindrücke prägen. Die Berner Polizei versucht auf diesem Weg auch das Umfeld der Täter zu sensibilisieren und ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Darüber hinaus wird die Kantonspolizei in den kommenden Wochen und Monaten in den sozialen Medien Botschaften und Tipps gegen Gewalt verbreiten. (phr)

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