Touristenflügen droht das Aus

Hintergrund

Heli-Skiing vom Landeplatz Monte Rosa im Wallis soll künftig untersagt sein. Dies steht in einem geheim gehaltenen Gutachten des Bundes. Alpenschützer wollen das Verbot auf weitere Schutzgebiete ausdehnen.

hero image
Stefan Häne@stefan_haene

Der Start erfolgt westlich der Dufourspitze, auf 4100 Meter Höhe, dann geht es in weiten Schwüngen über Schneeflanken und Gletscher vor die Tore Zermatts. Höhendifferenz: 2500 Meter. Länge: 16 Kilometer – «landschaftlich und skifahrerisch ein gigantisches Erlebnis», wie Air Zermatt sein Heli-Skiing-Angebot vom Gebirgslandeplatz (GLP) Monte Rosa bewirbt. Dank Helikopter gelangten 2011 rund 850 Personen für je 380 Franken binnen weniger Minuten zu diesem Ausgangspunkt, der Bergsteigern einen stundenlangen, harten Aufstieg abverlangt. 2009, im Spitzenjahr, waren es über 2200 Personen.

Diese alpine Exklusivität will die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) verbieten. Dies geht aus einem bislang nicht publizierten Gutachten hervor, das dem «Tages-Anzeiger» vorliegt. Grund ist die Lage des Landeplatzes in einem Schutzgebiet: Die gigantische Gletscherwelt ist seit 1983 im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) verzeichnet. Die Nutzung des GLP Monte Rosa beeinträchtige «schwerwiegend» das Schutzziel, die Ruhe und Stille in dieser «nahezu unbelasteten» Hochgebirgslandschaft zu erhalten respektive wiederherzustellen, heisst es im Gutachten. Ausnahmen sind nach Einschätzung der ENHK nur zulässig, wenn für Flüge ein Interesse von nationaler Bedeutung vorliegt. Dies treffe jedoch nur für Ausbildungsflüge zu, wie bereits das Bundesverwaltungsgericht festgestellt habe. Die ENHK will Flüge zu Ausbildungszwecken von Helikopterpiloten daher weiter zulassen, die Zahl der Flugbewegungen allerdings auf 100 pro Jahr begrenzen, 20 weniger als 2011.

Auch im Aletschgebiet verbieten

Das Gutachten mussten die Fachleute von Verkehrs- und Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) anfertigen lassen – auf Geheiss des Bundesverwaltungsgerichts. Das federführende Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hatte 2007 vom Bundesrat den Auftrag erhalten, die 42 Schweizer Gebirgslandeplätze zu überprüfen. In einer ersten Etappe nahm das Bazl die Region «Wallis Südost» unter die Lupe. Und wollte die touristischen Flüge unter anderem auf dem Landeplatz Monte Rosa in der Zeitspanne zwischen dem 1. Oktober und dem 30. Juni einschränken.

Gegen diese Verfügung von Leuthards Departement, dem Uvek, erhoben unter anderem der Schweizer Alpen-Club (SAC) Beschwerde, dies aus Gründen des Umwelt- und Lärmschutzes, sowie die Gemeinde Zermatt und Air Zermatt, weil sie keine Einschränkungen hinnehmen wollten. Mit Folgen. Die Richter in Bern wiesen Ende 2011 das Bazl an, bei der ENHK ein Gutachten einzuholen, weil es nur ungenügend abgeklärt hatte, inwieweit ein Landeplatz mit dem Schutzstatus eines BLN-Gebiets vereinbar ist. Die Empfehlungen der ENHK sind von einiger Brisanz, liegen doch 15 der 42 Gebirgslandeplätze in der Schweiz in BLN-Gebieten, weitere 6 grenzen daran.

Umweltschützer wittern Morgenluft

Die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness sieht sich durch das Gutachten in seiner Haltung bestätigt. Rolf Meier, Leiter der Kampagne «Stop Heli-Skiing», hofft auf eine Signalwirkung. Er verweist auf die Region Aletsch-Susten, in der als Nächstes eine Überprüfung ansteht. Dort liegen 7 der 9 Landeplätze in BLN-Gebieten und zudem innerhalb des Unesco-Weltnaturerbes Jungfrau-Aletsch, darunter speziell populäre wie der Petersgrat oder die Ebnefluh. «Der Bund muss die Empfehlungen der ENHK sofort umsetzen und das Heli-Skiing in allen BLN-Gebieten verbieten», sagt Meier. Das Gutachten zeige, dass der Schutz der BLN-Gebiete höher zu gewichten sei als die geringe monetäre Wertschöpfung des Heli-Skiing.

Der Bund schätzt den Gesamtumsatz in der Schweiz auf rund 4 Millionen Franken. Die Helikopterfirmen erzielen damit um die fünf Prozent ihrer Einkünfte. Das Gutachten datiert vom 28. November letzten Jahres. Dass das Bazl es bislang nicht veröffentlicht hat, wertet Meier als «Skandal». Das Bazl verwahrt sich mit Nachdruck gegen den Vorwurf, ein kritisches Heli-Skiing-Papier unter Verschluss gehalten zu haben. Das Gutachten zu studieren und daraus die notwendigen Schritte abzuleiten, brauche Zeit, sagt Sprecher Anton Kohler. «Wir müssen über die Bücher.» Das Bazl wird das Objektblatt «Wallis Südost» nun überarbeiten und es abermals dem Bundesrat vorlegen. Gegen Verfügungen auf der Basis der neuen Version sind wieder Beschwerden möglich.

4500 Landungen pro Jahr

Ob das Bazl der Empfehlung der ENHK folgen wird, ist keineswegs sicher. Kohler spricht von einer «Interessenabwägung». Gutachten der ENHK hätten zwar einen hohen Stellenwert, auch bei einer gerichtlichen Beurteilung, wie die Erfahrung zeige. Gleichwohl seien auch andere Aspekte bedeutsam, etwa den Helikopterpiloten genügend Möglichkeiten für Trainings- und Ausbildungsflüge zu gewähren. «Gerade der Gebirgslandeplatz Monte Rosa ist wichtig, da er in grosser Höhe liegt.» Kohler betont, das Bazl habe nur den Auftrag, die 42 Landeplätze zu überprüfen, nicht aber zwingend zu reduzieren. Das Gesetz liesse gar einen Ausbau auf 48 zu.

Ein komplettes Heli-Skiing-Verbot würde die Zahl der Gebirgsflüge in der Schweiz markant reduzieren. 2011 gingen von den rund 27 500 Flugbewegungen auf Gebirgslandeplätzen 10 500 aufs Konto des Heli-Skiing. Seit 2007, dem Beginn der genauen Erfassung durch das Bazl, waren es durchschnittlich knapp 9000, also 4500 Landungen, konzentriert auf die Zeit zwischen März und Mai. Dazu kommen gemäss Schätzung von Mountain Wilderness 1500 Landungen für andere touristische Zwecke, etwa Hochzeiten oder Champagnerfrühstücke. In den Alpen ist die Schweiz damit ein Heli-Skiing-Eldorado. In Frankreich, Deutschland und Liechtenstein ist dieses Vergnügen ganz verboten, von wenigen Regionen abgesehen ebenso in Italien und Österreich.

Wichtige Einkunftsquelle

Ein Verbot des Heli-Skiing lehnen nicht nur die Helikopterfirmen strikt ab. Auch Zermatt liefe es zuwider – aus Furcht vor ausbleibenden Touristen. Der Walliser Ferienort sieht Heli-Skiing als wichtigen Pfeiler in seiner neuen «Strategie Zermatt-Matterhorn 2018», mit der er den Tourismus ankurbeln und dafür in den nächsten Jahren 1,2 Milliarden Franken investieren will. Auch Grindelwald will an den Flügen festhalten. «Wir dürfen es mit dem Heli-Skiing sicher nicht übertreiben», sagt Gemeindepräsident Emanuel Schläppi (FDP). «Das heutige Ausmass im Gebiet Jungfrau-Aletsch ist jedoch vernünftig.» Wirtschaftlich betrachtet, sei das Heli-Skiing für Grindelwald nicht entscheidend, räumt er ein. Als Einkunftsquelle für Bergführer und Helikopterfirmen sei es aber wichtig.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt