Toggulecher und Cholera

Was keltische Gotteszwerge mit dem Walliser Dialekt zu tun haben und warum heute vermehrt gedusselt wird: Die Binntaler «Sprach- und Erlebniswoche» bietet Auswärtigen eine Annäherung ans «Wallissertitsch».

Reich sprudelt der Wortschatz aus dem Wasserbau: Suonen bringen Gletscherwasser auf die Weiden.

Reich sprudelt der Wortschatz aus dem Wasserbau: Suonen bringen Gletscherwasser auf die Weiden. Bild: Gaetan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn einer, der – mit Mühe kaum – gekrochen ist ambrüff, ambri, schon Wallissertitsch zu können meint, dann irrt sich der (ebenso sehr wie jener, der bei Wilhelm Busch auf einen Baum kroch und sich für einen Vogel hielt). Natürlich gehört zum deutschen Dialekt – oder besser zu den Dialekten – des Oberwallis viel mehr als «hinauf» und «hinunter», und doch kommt es nicht von ungefähr, dass Besucher bald auf diese Wörter stossen. Dies nur schon deshalb, weil es hier in den Bergen eben oft ambrüff und ambri geht, oder je nach Ort auch embrüf, imbriin (und weitere Varianten). Die Richtungsangaben fallen aber auch deshalb auf, weil sie einem die Ohren öffnen für ein Idiom, dessen Vielfalt ihresgleichen sucht.

Eine vom Landschaftspark Binntal organisierte «Sprach- und Erlebniswoche» lässt die Verzahnung zwischen Sprache und Land, Leuten sowie Lebensweise spürbar werden. Diese Verzahnung beginnt mit der Einwanderung, besonders jener der Alemannen vom 9. Jahrhundert an. Als höchstalemannischer Dialekt, wie ihn die meisten hiesigen Berggebiete kennen, hat Walliserdeutsch viele Gemeinsamkeiten mit dem Hochalemannischen der übrigen Deutschschweiz und des Schwarzwalds. Sie zeigen sich namentlich in den Unterschieden zum Standarddeutsch, das an dieser Stelle nicht Hochdeutsch genannt wird, um die geografische Bedeutung von «hoch» nicht mit «gehoben» zu vermengen. So sind auch im Wallis Diphthonge (Doppellaute) wie in Di-eb statt Dieb zu finden, und in umgekehrter Abweichung vom Standard: Hüüs statt Haus.Das ü im letzten Beispiel oder auch in güet (für gut) ist eine bekannte Walliser Besonderheit. Im Höchstalemannischen allgemein fehlen zudem manche der Diphthonge, die dem übrigen Schweizer- und dem Standarddeutsch gemein sind: So sagt man in den Bergen meist schnije statt schneie(n). Lange hochalemannische Umlaute werden oft «entrundet». So nennen Linguisten die Umwandlung etwa von Föön zu Feen oder Füür zu Fiir (womit Feuer und Feier lautlich nicht zu unterscheiden sind). Anderseits ist das Wallissertitsch mit dem ungekürzten «ge-» beim Partizip Perfekt (gigangu) näher am Standarddeutsch als andere Schweizer Mundarten. Und «empor» findet sich in der Schweiz nur in ambrüff.

Latein, Keltisch, Deutsch

Die Sprachen, welche die Einwandernden vorfanden, sind bis heute nicht ganz verschwunden. Einzelne Wörter haben sich vor allem in Ortsbezeichnungen erhalten. So steckt im Ortsnamen Grengiols das lateinische granarium (Kornspeicher), und die Stadt Brig fusst auf dem keltischen briga für Hügel(festung). Die Kelten selber haben sich möglicherweise als «Gotteszwerge» im kollektiven Gedächtnis erhalten – in vielen Sagen tauchen die Goggwäärgini auf (mit charakteristischer Pluralform). Sie hausen – wie vielleicht einst verdrängte Kelten – hoch oben in den Bergen und sind hilfsbereit, solange man sie in Ruhe lässt und ihren Ratschlägen folgt, falls man ihnen doch begegnen sollte.

In der – auch sprachlich – überreichen Walliser Sagenwelt mischt sich Heidnisches mit Christlichem, so, wenn unerlöste Seelen als Boozo über die Weiden geistern. Das Schweizerdeutsch-Wörterbuch «Idiotikon» bringt das Wort mit dem Bösen in Verbindung. Weit häufiger als Kelten und Römer haben die Alemannen mit ihrer Landnahme die heutigen geografischen Bezeichnungen geprägt – wie anderswo am auffälligsten mit den Ortsnamen auf -ingen, nach dem Oberhaupt der jeweiligen Siedlersippe.Sehr reichhaltig hat sich, wie in anderen Berggebieten, die alpine Lebensweise im Wortschatz niedergeschlagen, mit Ackerbau im Tal und jahreszeitlichem Weidegang die Bergflanken ambrüff, mit den entsprechenden Tätigkeiten, Gerätschaften und Gebäuden. Typisch fürs Wallis sind die Miischplatta, Plaane, Müüsuplatta, Plattu, Pfiilerplattu, Steiplattu, Schiibu, Schiibplatta, Schiibbeiplattu, Plaanu, Stadelplaana. Damit ist immer das Gleiche gemeint: die «runde, auf Stelzen liegende Steinplatte, die durch ihr Vorkragen ein unüberwindliches Hindernis für Mäuse bildete» – eben für ischi Miisch, wie sie Hannes Taugwalder in einem (auch vertonten) Gedicht verewigt hat. Die Umformung von «unsere Mäuse» ist doppelt charakteristisch: Neben die oben erwähnte Entrundung des ü zu i tritt die Verschiebung von s zu sch (Palatalisierung).

Weitere Besonderheiten gibt es auf Dorfrundgängen zum Beispiel in Ernen oder Mühlebach zu entdecken, mit Führung oder Faltprospekt. Die Heidenhäuser etwa stammen zwar entgegen dem Volksglauben nicht aus vorchristlicher Zeit, sondern aus dem 16. Jahrhundert. Erkennbar sind sie an den Heidenbalken, senkrechten Stützen unter dem First. Meist tragen diese ein Kreuz, das paradox benannte Heiduchriitz.

Luzza, nicht Gilla

Der Heimatschutz sorgt mit dem Erhalt der Gebäude auch für jenen der entsprechenden Ausdrücke. Dagegen verlieren sich andere Wörter, weil die entsprechenden Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt oder Einrichtungen nicht mehr verwendet werden. Anderseits gibt es im Wallis für durchaus gewohnte landwirtschaftliche Güter Dialektwörter, die der Besucher aus der Üsserschwiiz nicht versteht, etwa die Luzza. Das sei Gülle, wird der Bauer sagen, wenn er freundlicherweise dusslet, also so redet, dass ihn die Besucher von draussen hinter den Bergen verstehen. Gilla aber, so mag er beifügen, entspreche wohl dem Wort «Gülle», bedeute aber Pfütze oder Teich. Kommen die Gäste aus noch grösserer Ferne, wird er ihnen von der Jauche erzählen. Dass die einheimische Luzza vom lateinischen luteus (kotig, von lutum) stammt, wird wohl auch der sprachkundige Bauer im Idiotikon nachschauen müssen.

Sicher aber weiss er, dass sein Borretsch mit dem italienischen porro und dem französischen poireau verwandt ist, weil er damit nämlich nicht die Heilpflanze meint, sondern den Lauch. Der norddeutsche Besucher wird dann ausrufen: Ach so, Porree! Manches kulinarische oder andere Wort wanderte aus dem französischsprachigen Unterwallis hinauf, andere kamen mit Säumern über die Pässe aus Italien oder mit Söldnern aus fremden Diensten: «Ab der Welt» war das Wallis nie. So kann die Gilla auch ein Puzz sein (italienisch pozza), und so kann die Türe zur Poorta werden oder der Streitfall zur Kweschtioo. Beigelegt wird der Fall vielleicht mit einem Schluck aus dem Butilli, dem (hölzernen) Behälter für Tranksame.

Was auf den Tisch kommt, stammt zuweilen auch sprachlich aus der eigenen Küche; voran das Oberwalliser «Nationalgericht» Cholera (oder Choleri, Chouera, je nach Ort). Dieser währschafte Eintopf im Teig hat seinen Namen von der glühenden Kohle, in die traditionellerweise die irdene Form zum Backen eingebettet wurde. Heute tut es – auch in der Sprach- und Erlebniswoche – ein Backofen. Wer nicht gerade fisierlich (schnäderfrässig, wählerisch) isst, wird ds Täller fleets hinterlassen, also nicht un-flätig, sondern sauber leer gegessen – und mit dem gebeugten Adjektiv fleets, auch wenn es wie hier prädikativ verwendet wird und daher nach dem Bezugswort Täller (Neutrum!) steht.

Wege am und zum Wasser

Reich sprudelt der Wortschatz aus dem Wasserbau, der im trockenen Wallis eine besondere Bedeutung erlangt hat. Durch oft unwegsame Hänge und Felswände bringen Suonen das Gletscherwasser von der Schepfi (Fassung) auf die steilen Weiden und Roggenäcker. Im Dialekt heissen die Rinnen etwa (Wasser-)Leita oder Süen. «Suone» ist eine an die Standardsprache angelehnte Schreibform. Während das Idiotikon einen «ungermanischen» Ursprung vermutet, stellt die auch in sprachlicher Hinsicht informative Website Suone.ch eine wohlbegründete Verbindung zu althochdeutsch suoha (Furche, Graben) her.

Wo der senkrechte Fels keine Furche zuliess, mussten Chänil aufgehängt werden. Dazu schlug man Toggulecher in den Fels und befestigte darin je einen (Holz-)Chrapfo, einen hakenförmig gewachsenen Baumstamm. Der oft gefährliche Bau und Unterhalt sowie Verwaltung und Verteilung des Wassers haben ihr eigenes Vokabular. Wer unterhaltenen und zugänglichen Suonen entlangwandert, erhält einen ersten Eindruck vom Einsatz, den die lebenswichtige Wasserversorgung erforderte. Die Erlebniswoche bot Gelegenheit, selber Hand anzulegen (natürlich in sanftem Gelände): Mit Wässerbieli und Wässerplatta galt es, die Wiese unterhalb des Gerinnes zu versorgen – Werkzeug, das zwar gut verständliche Namen trägt, aber speziell geformt ist und Geschick erfordert.

Genaue Orientierung

Wer so weit gekommen war, bewegte sich auch gewandt ambrüff und ambri – und war damit bereit für weitere Finessen der Orientierung am Hang. Ohne die Vorsilben hin- und her-, die in schweizerdeutschen Adverbien nicht vorkommen, wird auch gesagt, ob sich jemand zum Sprechenden hin oder von ihm weg bewegt. Besondere Formen drücken wiederholte oder soeben erfolgende Bewegung aus. Laut Einheimischen ist das ganze Spektrum in Gebrauch.

Ihr gleichsam mit der Muttersprache eingesogener Orientierungssinn hat manche Oberwalliser weit ambrüff gebracht, von Kardinal Matthäus Schiner bis Fussballkönig Sepp Blatter. Sie taten «Schritte in die Welt hinaus», wie es in Niederwald auf dem Gedenkbrunnen für den Hotelierkönig Cäsar Ritz heisst. Umgekehrt ist dem Oberwallis die Aussenwelt mit dem Lötschberg-Basistunnel noch näher gerückt. Verlieren werden die Einheimischen ihr Wallissertitsch kaum, aber dass sie vermehrt dussle, ist schon länger zu beobachten. Zitiert werden Wortformen aus «Wallissertitschi Weerter» von Alois Grichting (Rotten-Verlag, Visp. 5. Aufl. 2011) oder aus «Kleines Walliser Wörterbuch: Gebäude» von Volmar Schmid (Wir Walser, Brig 2003).

Der «Bund» war an die «Sprach- und Erlebniswoche» eingeladen. Nächste Durchführung: 1. bis 6. September 2014, www.landschaftspark-binntal.ch

Eine ausführlichere Version dieses Artikels ist im Heft 2/2014 der Zeitschrift «Sprachspiegel» erschienen, deren Redaktor Daniel Goldstein ist. www.sprachverein.ch

(Der Bund)

Erstellt: 21.04.2014, 12:37 Uhr

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...