Sprachenstreit provoziert Bundesrat

Thurgau treibt die Abschaffung des Frühfranzösisch voran. Auch andere Kantone erfüllen die Vorgaben des Bundes nicht. Alain Berset will dies nicht akzeptieren.

Für den Bundesrat ist klar: Primarschüler sollen Französisch lernen. Foto: Keystone

Für den Bundesrat ist klar: Primarschüler sollen Französisch lernen. Foto: Keystone

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Wenn die Thurgauer Bildungsdirektorin Monika Knill morgen in Frauenfeld vor die Medien tritt, interessiert das sogar die Romandie. Es geht nämlich nicht nur um die Thurgauer Umsetzung des Lehrplans 21, sondern auch «um den nationalen Zusammenhalt und die Achtung der Minderheiten», wie es der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard formuliert.

Knill wird bekannt geben, ab wann die Thurgauer Schüler künftig Französisch lernen. Das wird nicht, wie vom Sprachenkompromiss der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) vorgegeben, in der Primarschule sein. Sondern erst ab der Sekundarstufe. So entschied es das Kantonsparlament. Zum Ausgleich werden die Thurgauer Sekundarschüler mehr Französischlektionen erhalten als Gleichaltrige in anderen Kantonen. Die Vorschläge gehen in eine Vernehmlassung und sollen im Herbst definitiv verabschiedet werden. Der «NZZ am Sonntag» sagte Knill, dass an der Fremdsprachenfrage nicht mehr gerüttelt werde.

Diese Entwicklung alarmiert Kulturminister Alain Berset. Er hat klargemacht, dass er es nicht akzeptieren werde, sollte ein Kanton seinen Primarschülern nur noch Englisch beibringen. Sein Argument: Das Erlernen einer zweiten Landessprache sei für den Zusammenhalt der Sprachgemeinschaften wichtig. Anfang März äusserte sich der Bundesrat letztmals zum Thema. «Der Bundesrat erwartet von den Kantonen, dass sie die gemeinsam beschlossene Sprachenstrategie von 2004 vollständig umsetzen», schrieb die Landesregierung als Antwort auf einen Vorstoss aus dem Parlament. Scheiterten die Harmonisierungsbemühungen der Kantone, werde der Bundesrat rasch handeln. Spätestens im Herbst, wenn die Thurgauer Regierung die Änderungen definitiv verabschiedet, dürfte es so weit sein.

«Welchen Zwang würde der Bund anwenden?»

Die Frage, wie der Bund in die Bildungshoheit der Kantone eingreifen soll, ist aber keine einfache und beschäftigt das Departement Berset bereits heute. Vor einem Jahr erarbeitete das Bundesamt für Kultur im Rahmen eines Berichts einen Vorschlag. Dieser will die Kantone via Sprachengesetz dazu verpflichten, ihren Primarschülern mindestens eine zweite Landessprache beizubringen. Im Wissen darum, wie heikel ein Eingriff wäre, bemüht sich Berset nach wie vor um eine Lösung mit den Kantonen. In einem Brief hat er die EDK um eine Einschätzung des erwähnten Berichts gebeten. Eine Antwort steht noch aus.

EDK-Präsident Christoph Eymann ist in einer schwierigen Situation. Der Sprachenkompromiss der EDK bleibe gültig, sagt er und räumt ein: «Wir haben keinerlei Durchsetzungsmöglichkeiten gegenüber den einzelnen Kantonen.» Eine Intervention des Bundes lehnt er ab – auch aus Furcht vor einer allfälligen Volksabstimmung. «Welchen Zwang würde der Bund anwenden?», fragt die Thurgauer Bildungsdirektorin Knill rhetorisch. Sollte der Bund derart in die Bildungshoheit der Kantone eingreifen, stellten sich grundlegende Fragen: «Wo ist der Föderalismus noch erwünscht im Bildungsbereich? Wo bleibt die gepriesene schweizerische Vielfalt?»

Diese besteht ohnehin. Der Thurgau ist nicht der erste Kanton, der den Sprachenkompromiss verletzt. Auf diesen hatte sich die EDK 2004 geeinigt. Seit der Volksabstimmung 2006 verpflichtet zudem der Bildungsartikel in der Verfassung die Kantone, die Dauer und die Ziele der Bildungsstufen einander anzugleichen. Trotzdem lernen die Schüler längst nicht überall ab der dritten Klasse die erste und ab der fünften Klasse die zweite Fremdsprache:

• In Glarus ist nur Englisch bis Ende Schulzeit für alle obligatorisch. Französisch können die Ober- und Realschüler abwählen. Das soll gemäss Regierung auch so bleiben.

• In Appenzell Innerrhoden, wo die Schüler erst ab der siebten Klasse Französisch lernen, denkt man nicht daran, dies zu ändern.

• In Uri lernen etwa 20 Prozent der Kinder ab der fünften Klasse Italienisch; die anderen kommen erst ab der siebten Klasse mit einer zweiten Landessprache in Kontakt.

• Im Aargau beginnt der Französischunterricht in der sechsten Klasse – eine Vorverlegung ist mit der Einführung des Lehrplans 21 ab 2020 angekündigt.

• In Kantonen wie Zürich oder Luzern sind Volksinitiativen für nur eine Fremdsprache in der Primarschule hängig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2016, 08:13 Uhr

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