So zwangen die grossen Verlage die SDA in die Knie

Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) steht vor dem grössten Abbau in ihrer langen Geschichte. Die journalistische Grundversorgung der Schweiz ist in Gefahr.

Unendlicher Papierstrom: Ein Mitarbeiter der SDA im Jahr 1959. Bild: Keystone

Unendlicher Papierstrom: Ein Mitarbeiter der SDA im Jahr 1959. Bild: Keystone

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Sie haben ein Kürzel und einen Kopfhörer. Und den härtesten Job im Schweizer Journalismus. Wer mag schon immer zuhören, wenn die Nationalräte ihre Reden voller pathetischer Zitate und schrägen Wortspielen vornuscheln. Deren Kollegen im Parlamentssaal jedenfalls nicht. Die telefonieren, lesen, twittern, tun wichtig. Die Kollegen auf der Journalistentribüne auch nicht. Die telefonieren, lesen, twittern, tun wichtig. Denn es gibt ja immer noch die Menschen mit den Kopf­hörern, auf denen nonstop die Tonspur aus dem Bundeshaus läuft. Die werden schon aufpassen.

Drei Wochen dauern die Sessionen in Bern, und die Einzigen, die jedes, wirklich jedes Wort während dieser drei Wochen hören, sind die Journalisten der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA). Jedes Geschäft eine Meldung. Jeder Vorstoss notiert. Der bürokratisch-langweilige Wahnsinn des politischen Prozesses: aufgeschrieben.

In der Journalistenszene, einer der ­eitelsten Branchen überhaupt, sind die Angestellten der SDA die Exoten. Sie erscheinen nicht mit Namen, nirgends, sondern unter dem Kollektivkürzel SDA. Man sieht ihr Bild nicht in der Zeitung, ihren Kopf nicht im Fernsehen. Sie schreiben keine ziselierten Leitartikel oder polemischen Kommentare: Sie machen Nachrichten. Nachrichten für die Schweiz: Kultur, Sport, Wirtschaft, Politik, Unglücksfälle und Verbrechen. Was in diesem Land von Relevanz geschieht, wird von der SDA festgehalten. Fast 200'000 Meldungen verschicken die 180 Redaktionsangestellten im Jahr und liefern damit die journalistische Grundversorgung für die grossen und kleinen Medienhäuser, die SRG, die NZZ, auch für Tamedia, zu der diese Zeitung gehört. «Wir liefern den Teppich, auf dem die Medien ihre Möbel aufstellen können»: So hat es der frühere Chefredaktor Bernard Maissen einmal gesagt.

Die Nachrichten der SDA sind ausgewogen, nüchtern, unparteiisch. Schlenker, die eine politische Haltung kenntlich machen oder von der Nachricht ablenken könnten, werden herausgekürzt.

Es muss darum eine spezielle Erfahrung gewesen sein, als die Belegschaft der SDA diese Woche einen offenen Brief an den Bundesrat formulierte, der so gar nicht zur Arbeit der nüchternen Nachrichtenjournalisten passte. «Die Zitrone ist ausgepresst», war da zu lesen. Oder: «Die einzige Vollagentur der Schweiz wird dem Renditestreben geopfert.» Es war die wahrscheinlich leidenschaftlichste und verzweifeltste Meldung, die je von der SDA verbreitet wurde.

Radikal und schnell

Der Brief wurde nach einem denkwürdigen Treffen der Redaktion mit ihrem Geschäftsführer Markus Schwab verfasst. Schwab eröffnete seinen Journalisten, wie er das kurz zuvor angekündigte Sparprogramm durchzuziehen gedenke: radikal und schnell. 40 von 150 Vollzeit-Redaktionsstellen weg. Innerhalb der nächsten zwei Wochen. Alle über 60-Jährige werden aufs RAV geschickt, die Löhne mittelfristig angepasst (nach unten, of course) und wem das nicht passt, der kann sofort gehen. Ob es denn bei diesem Abbau irgendwelche rote Linien gebe, wurde Schwab gefragt. «Wer um mich herum rote Linien zieht, der lebt nicht mehr lange», war seine Antwort.

Es ist der bisher grösste Abbau in der langen Geschichte der SDA. Geboren wurde die Agentur vor über 120 Jahren aus einem Akt der nationalen Selbstbehauptung. Zuvor waren die Schweizer Medien von ausländischen Nachrichtenagenturen abhängig. Um nachrichtenmässig souverän zu werden, gründeten die Schweizer Verleger die SDA. 1895 nahm sie mit acht Mitarbeitern ihren Betrieb auf – zunächst in Basel, weil dort die Telegrafenleitungen aus dem Ausland besser waren als in Bern.

Seither gewährleistet die Agentur die mediale Grundversorgung des Landes. Ältere Schweizer haben noch heute die Radioansage «Sie hören die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur» im Ohr. Im Zweiten Weltkrieg war die SDA auch über die Landesgrenzen hinaus als neutrale Nachrichtenquelle geschätzt. Früher liefen ihre Telexmeldungen in den Redaktionen als ein nie endender Papierstrom aus dem Drucker, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Heute sind die SDA-Berichte elektronisch abrufbar. Diese Grundversorgung, so warnt die SDA-Redaktion in ihrem Brief, sei jetzt in grösster Gefahr. Nach einem Stellenabbau um mehr als 25 Prozent könne sie weder die Quantität noch die Qualität ihrer Berichterstattung aufrechterhalten. Zudem sei die Solidarität zwischen den Sprachregionen in Gefahr. Mit 2,8 Millionen Franken pro Jahr werden der französisch- und der italienischsprachige Dienst aus der Deutschschweiz quersubventioniert.

Unharmonisch

Der Mann, an den sich diese Klagen richten, sitzt in seinem Büro in der Berner Länggasse: ein freundlich wirkender Herr, der über seinem Hemd einen blauen Pullover mit zwei Eisbären trägt. Es ist Donnerstag, 12 Uhr, und eigentlich wird der CEO der SDA im Nebenraum erwartet, wo eine Abordnung der Redaktion ihrer Chefetage just in diesem Moment ihre Forderungen präsentiert. Doch Markus Schwab lässt sich entschuldigen und redet stattdessen mit dieser Zeitung. «Es macht mir auch keinen Spass, so viele Kündigungen auszusprechen», sagt Schwab. Aber die Zahlen, die Zahlen. Schon 2017 schreibe die SDA ein Defizit von 1 Million Franken. Nächstes Jahr würden es bereits 4,1 Millionen sein. «Ich werde mit dem Rechenschieber kontrollieren müssen, dass wir das Sparziel erreichen.» Dass das Personal mit Streik drohe, sei wohl die unvermeidbare «Begleitmusik» zu einem solchen Prozess, meinte Schwab im Radio SRF.

Noch unharmonischer als diese «Begleitmusik» war das Vorspiel der ganzen Geschichte. Die Kunden der SDA – also fast alle Schweizer Medienhäuser – waren schon lange unzufrieden mit ihrer Agentur. Nicht mit ihren Leistungen, sondern mit dem Preis. «Wir und alle anderen Medien müssen ständig sparen, die Werbeeinnahmen gehen immer weiter zurück, ich muss Leute entlassen, und nur die SDA-Tarife sollen fix sein? Das kann einfach nicht sein», ärgert sich der Chefredaktor einer Zeitung.

Schon seit Jahren üben die Verlage darum immer wieder Druck auf die SDA aus. Im Laufe des Jahres 2016 eskalierte die Situation: Die Verlage drohten der SDA mit dem Aufbau einer Konkurrenzagentur. Die neue Agentur sollte nur noch das Notwendigste erbringen und dafür viel weniger kosten. Die Verlage erarbeiteten Konzepte und entwarfen Businesspläne. Die treibenden Kräfte waren die NZZ-Gruppe und die AZ Medien, später kamen fast alle Medienhäuser dazu – von Ringier bis zu den «Freiburger Nachrichten». SDA-intern nannte man sie «die Elefantenrunde». Zum Engagement von Tamedia gibt es widersprüchliche Aussagen. Gesichert ist, dass auch Tamedia-Vertreter zumindest auf dem E-Mail-Verteiler der «Elefantenrunde» figurierten. Die Verlage nannten ihr Projekt für eine neue Billigagentur zuerst «Exit SDA». Später: «Bulgaria».

Die Drohung nützt

«Bulgaria» war primär eine Drohkulisse, das geben sogar involvierte Personen zu. Trotzdem knickte die SDA im Herbst 2017 ein – vor der Drohung ihrer eigenen Eigentümer. Der grösste Aktionär ist Tamedia, an zweiter und dritter Stelle folgen die NZZ-Gruppe und die SRG. Für 2018 gewährt die SDA all ihren Kunden nun einen Preisrabatt von 10 Prozent, was einer der Gründe für das wachsende Defizit ist. Und bereits heute ist klar, dass dieser Rabatt im Folgejahr weitergeführt und womöglich noch erhöht werden muss. Denn der Preisdruck der Verlage wird weitergehen. Es gebe keine Garantie, dass die jetzige Restrukturierung die letzte gewesen sei, sagt CEO Schwab.

Parallel zu den Verhandlungen mit den Verlagen trieb die SDA ein anderes Projekt voran: Im November 2017 gab sie die Fusion mit der Fotoagentur Key­stone bekannt, die bisher ihre 50-Prozent-Tochter war. Die neue Keystone_SDA will «all in one»-Lösungen anbieten, wie das auf Manager-Deutsch heisst. Zu relevanten Ereignissen sollen die Medien aus einer Hand Text, Fotos, Videos und passende Infografiken erhalten.

So sinnvoll diese Fusion inhaltlich klingen mag, so schlecht ist sie kurzfristig für die finanzielle Situation der SDA. Bisher waren die Aktionäre froh, wenn die SDA selbsttragend war. Doch das ändert sich jetzt. Die Österreichische Presseagentur (APA), die die anderen 50 Prozent an Keystone hielt, wird neu mit 30 Prozent zum grössten Aktionär der fusionierten Firma – und erwartet mittelfristig Dividenden. Wie hoch diese sein werde, sei in den Fusionsverträgen nicht festgelegt, versichert Schwab. Angestrebt werde ab 2021 aber eine Dividendenauszahlung von rund 1 Million pro Jahr, circa 2 Prozent des Umsatzes. Die neuen Gewinnziele verschlechtern die Finanzlage weiter. Man müsse die Keystone_SDA «nach ordentlichen betriebswirtschaftlichen Grundsätzen führen», sagt Schwab. «Als Non-Profit-Unternehmen geht das nicht.»

Profit, Profit

An Profit denken auch die alten Aktionäre: Sie wollen sich vor dem Eintritt des neuen Grossaktionärs grosse Teile des Vermögens der SDA auszahlen lassen. Die SDA hat heute Gewinnreserven von knapp 19 Millionen Franken. Laut verschiedenen Quellen sollen davon rund 15 Millionen ausgeschüttet werden. Der Tamedia würde das rund 4,5 Millionen Franken in die Kasse spülen, der NZZ rund 1,6 Millionen. Pikant daran ist, dass die SDA ab 2019 erstmals auch Subventionen aus dem Topf der Radio- und Fernsehgebühren erhalten wird, 2 Millionen Franken pro Jahr. Dieser Vorschlag befindet sich in der Vernehmlassung, im Februar entscheidet der Bundesrat. Falls er die Unterstützung der SDA bestätigt, wird das dazu führen, dass Teile der neuen Subvention zumindest indirekt zur APA nach Wien und zu den grossen Schweizer Medienhäusern fliessen.

Trotzdem wird die SDA künftig mit weniger Personal auch weniger Leistungen erbringen. Das räumt auch Schwab ein. Intern hat er seine Leute damit beruhigt, es sei doch kein Problem, wenn man statt 200 000 nur noch 180 000 Meldungen im Jahr produziere. Das ist es sicher nicht. Doch die Frage ist: Was lässt die SDA künftig weg? Die kleinen Medien brauchen von ihr vor allem Berichte über die grossen Ereignisse. Die grossen Medien, die die grossen Ereignisse selber abdecken, brauchen von der SDA Berichte über alles andere.

In diesem Spannungsfeld vermisst die Belegschaft eine journalistische Vision ihrer Chefetage. Der bisherige Chef­redaktor Bernard Maissen wurde im Zuge der Fusion entlassen, ein neuer wird nicht eingestellt, in der Geschäftsleitung der neuen Keystone_SDA wird es keinen einzigen Vertreter mit journalistischer Erfahrung mehr geben. Wo also will die neue Führung sparen? Schwab nennt zuerst die Auslandberichterstattung. Anstatt die Meldungen ausländischer Agenturen jedes Mal einzuschweizern, will die SDA sie teilweise unredigiert weiterleiten. Die Wirtschaftsberichterstattung lagert die SDA an ihre Tochterfirma AWP aus, die tiefere Löhne zahlt. Und weiter? «Das können wir noch nicht genau sagen», räumt Schwab ein. Die Geschäftsleitung wolle bald mit den Redaktionen zusammensitzen, um zu erfahren, was sie von der SDA erwarten und was nicht.

Zeit für diese Neuorientierung bleibt nicht mehr viel. Die Wettbewerbskommission wird dem Vernehmen nach in den nächsten Wochen die Fusion genehmigen, und die Leute sollen vorher weg. Leute, die man schon 100-, 1000-mal eher, gelesen hat und trotzdem nicht kennt. Leute mit einem Kürzel und einem Kopfhörer. Helden der Arbeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2018, 07:26 Uhr

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