«So schaffen wir 15'000 neue Zweitwohnungen»

Tourismusforscher Roger Sonderegger fordert, dass die Gemeinden für mehr «warme Betten» in bestehenden Wohnungen sorgen. Neben Risiken sieht er auch Chancen in der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative.

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Der Entscheid des Bundesrates zur Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative lässt den Bergkantonen und Berggemeinden überraschend viel Spielraum. Der Tourismusforscher Roger Sonderegger erklärt, wie sich die Gemeinden in seinen Augen am besten auf die Veränderungen einstellen.

In den verbleibenden Monaten bis zum Zweitwohnungsverbot zeichnet sich ein Bauboom ab. Riskieren die Besitzer, dass sie die Wohnungen später abreissen müssen?
Wer bis Ende Jahr eine Baubewilligung bekommt, muss wahrscheinlich nicht befürchten, dass das Bundesgericht seine Wohnung abreissen lässt. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt: Erstellte Gebäude bleiben stehen.

Je weniger neue Zweitwohnungen, desto besser für die Hotels?
Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Zweitwohnungsbau-Verbot und der Rentabilität der Hotels. Das Hotelpublikum ist anders, und selbst dort, wo es Überschneidungen gibt, ändert das neue Regime nichts – es gibt ja gleich viele Ferienwohnungen wie bisher.

Dann ist es eine Illusion, dass unsere Berghotels bald erfolgreicher geschäften?
Der Alpentourismus muss unabhängig von der Zweitwohnungsfrage Massnahmen ergreifen. Der Spruch, in Österreich sei alles besser und billiger und das Personal erst noch freundlicher, ist Ausdruck davon. Die Finanzierungsmöglichkeiten unserer Hotels sind im Vergleich relativ schlecht. Ein zusätzlicher Nachteil ist der starke Franken.

Haben die Berggebiete somit recht, wenn sie sagen, der eingeschränkte Zweitwohnungsbau nehme ihnen wirtschaftlich jede Perspektive?
Kurzfristig ist die Perspektive schlecht. In der Bauwirtschaft werden Jobs verloren gehen, und diese lassen sich nicht vollständig durch andere ersetzen. Langfristig ist es auch eine Chance, wenn wir die Landschaft besser schützen, denn diese ist unser touristischer Trumpf.

Wie reagieren die Gemeinden am klügsten auf die neue Situation?
Sie müssen zusammen mit den Tourismusorganisationen dafür sorgen, die bestehenden Ferienwohnungen besser auszulasten. Da liegt viel Potenzial brach. In den Alpen gibt es 300'000 Zweitwohnungen. Wenn es gelingt, nur 5 Prozent davon zu vermieten, bringen wir 15 000 neue Zweitwohnungen auf den Markt. Das ist ein enormer Angebotsausbau, und es ist damit zu rechnen, dass so neue Gäste kommen. Dadurch sind die Bergbahnen besser ausgelastet und die Umsätze in den Geschäften höher.

Die meisten Wohnungsbesitzer wollen nicht vermieten.
Im Unterengadin liess sich dank koordinierten Anstrengungen die Belegung der Ferienwohnungen stark steigern. Informationskampagnen, professionelle Vermarktung, Schlüsselverwaltung und Reinigungsservice sind Massnahmen. Am besten kombiniert man sie mit einer Zweitwohnungssteuer wie zum Beispiel in Zermatt.

Ist es also falsch, dass der Bundesrat unter gewissen Voraussetzungen neue Zweitwohnungen ermöglichen will?
Eine gewisse Entwicklung muss möglich sein. Es ist richtig, dass Hotels ohne Perspektiven umgenutzt werden können – sonst entstehen Geistergebäude an bester Lage. Bei den anderen neuen Zweitwohnungen ist es wichtig, dass sie professionell bewirtschaftet sein müssen.

Dann entstehen jetzt überall Reka-Dörfer und andere Resorts?
Momentan gibt es etwa 50 solche Immobilienprojekte in den Alpen. Ich glaube nicht, dass sie sich alle verwirklichen lassen. Entweder ist die Nachfrage zu klein, der lokale Widerstand zu gross, oder die Investoren verlieren den Glauben an den Erfolg. Hapimag-Anlagen, Reka-Dörfer und andere Resorts im Besitz von Aktiengesellschaften mit professioneller Vermietung haben die besten Chancen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.08.2012, 20:41 Uhr

Fordert viel Flexibilität von den Bergkantonen: Der Tourismusforscher Roger Sonderegger.

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