So hätte der Abzocker-Werbespot ausgesehen

In Lumpen gekleidete Schweizer, die aus ihrem verarmten Land nach Deutschland flüchten: Das Storyboard zu Michael Steiners umstrittenem Film gegen die Abzockerinitiative ist publik geworden.

Noch selten wurde in der Schweiz über einen Film, der nie ausgestrahlt wurde, so viel diskutiert wie über den Kampagnenfilm von Regisseur Michael Steiner gegen die Abzockerinitiative. Gesehen haben ihn bisher nur Economiesuisse-Vertreter und einzelne Parlamentarier. Vor zwei Wochen entschied der Wirtschaftsdachverband, dass «Grounding 2026» definitiv versenkt wird. Das Storyboard zum Film ist nun trotzdem an die Öffentlichkeit gelangt: «Die Wochenzeitung» (WOZ) hat es in einer Vorabmeldung auf ihrer Homepage publiziert.

Aufgemacht ist der rund dreiminütige Film laut WOZ als Nachrichtensendung eines deutschen Fernsehsenders im Jahr 2026. Die szenische Einleitung des Drehbuchs: «Suchscheinwerfer leuchten suchend in den Rhein, eine fliegende Kamera erfasst die Brücke, darauf strömen in Lumpen gehüllte Menschen auf die andere Seite. Aufgrund der Kleidung erkennen wir, dass es sich bei den Menschen um Schweizer handeln muss. Die verarmten Schweizer tragen ihre Habseligkeiten oder schieben ihr letztes Eigentum auf improvisierten Holzkarren über die Brücke.»

Die eingestürzte Kuppel des Bundeshauses

Darauf folgen Szenen, welche die desolate Lage der Schweiz im Jahr 2026 illustrieren sollen: Ein Reporter berichtet von Schweizer Flüchtlingen, die illegal mit Pedalos ans deutsche Rheinufer gelangen wollten. Eine zweite Journalistin, «die es als erste Reporterin nach Bern geschafft hat», berichtet von der Befreiung der Hauptstadt durch UNO-Truppen – «im Hintergrund die eingestürzte Kuppel des Bundeshauses». Ganz anders Zürich: Die ehemalige Finanzhauptstadt der Schweiz wird immer noch von kriminellen Gangs in Schach gehalten.

Weitere Szenen: Die Luzerner haben die Kapellbrücke zerlegt und verwenden die Bestandteile nun als Brennholz. Die Romandie ist mit einer Grenzmauer entlang dem Röstigraben, der «mur pommes de terre brulées», vom Rest der Schweiz abgeschnitten, weil sie sich 2018 Frankreich angeschlossen hat.

«Genug von den Schmarotzer-Schweizern»

Der Grund für die Misere ist das Ja zur Minder-Initiative. «Nein zur Abzockerinitiative», heisst es deshalb auf einer Texttafel, die gegen Ende des dreiminütigen Films eingeblendet wird, «es trifft die Falschen!». Die Schlussszene: Deutsche Demonstranten, die anti-schweizerische Parolen skandieren. «Wir haben genug von den Schmarotzer-Schweizern», «Zuerst die Türken, die Polen, die Griechen und jetzt die Schweizer. Hört das denn nie auf?»

Michael Steiner hatte das Video im Auftrag von Economiesuisse realisiert, um den Schaden zu thematisieren, der aus Sicht des Wirtschaftsdachverbands durch ein Ja zur Abzockerinitiative entstünde. Sein Ziel sei es gewesen, etwas Polarisierendes zu schaffen, erklärte Steiner in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, ein «Worst-Case-Szenario mit ironischem Unterton». Der Film sollte zeigen, welche maximalen Folgen ein Eingriff in die Wirtschaft haben könnte. Die übertriebene Darstellung sollte die Grundlage für eine Diskussion über die Fakten liefern. Economiesuisse hat den Film aber zurückgezogen – aus Angst, dass er missverstanden werden könnte.

fko

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