Schweizer Konservative eifern Churchill nach

Hartnäckig, entschlossen, unbeirrbar: So war Kriegspremier Winston Churchill. Ein Vorbild für viele – auch wenn da noch eine andere Seite war.

Bewunderung schon damals: Im September 1946 traf Winston Churchill (Zweiter von rechts) den Bundesrat auf Schloss Allmendingen. Fotos: Photopress-Archiv (Keystone)

Bewunderung schon damals: Im September 1946 traf Winston Churchill (Zweiter von rechts) den Bundesrat auf Schloss Allmendingen. Fotos: Photopress-Archiv (Keystone)

Der Land Rover war Baujahr 1954 und eine Spezialanfertigung. Weder Dach noch Seitenwände («I want to see where I am going», soll Winston Churchill bei der Bestellung gesagt haben), ein grosser und bequemer Beifahrersitz, eine zusätzliche Fussheizung (ebenfalls nur auf der Beifahrerseite). Churchill bekam das Auto zum 80. Geburtstag geschenkt, eine Anerkennung der Firma Rover für seine «überragenden Leistungen» im Zweiten Weltkrieg. So überragend wie die Leistungen des Premierministers waren jene des Land Rovers nicht. Während der Jungfernfahrt auf Churchills Landgut Chartwell blieb das Auto im Schlamm stecken, die Männer auf den hinteren Plätzen (ein Bodyguard, der Privatsekretär und der Schwiegersohn) mussten schieben.

Der Schlamm blieb dem Land Rover treu. Nach Churchills Tod im Jahr 1965 ging das Auto an den Schwiegersohn (der hatte sich ihn auch verdient), später an einen Farmer, der immerhin noch 13'000 Meilen damit fuhr, und geriet dann in Vergessenheit. Während Jahrzehnten stand das Auto unter einem Blechdach irgendwo in England. Der Motor voller Schlamm, das Chassis verrostet und verbogen. Ein Schrotthaufen der Geschichte.

Walter Frey mit Churchills Wagen

Heute fährt der Schrotthaufen wieder. Diese Woche erst, bei der Eröffnung eines Oldtimer-Centers in Safenwil AG. «Das ist ein ganz tolles Vehikel», sagt Walter Frey. Der ehemalige SVP-Nationalrat, Parteigönner und millionenschwere Auto-Unternehmer (Emil Frey AG) hat den Land Rover vor drei Jahren auf einer Auktionsseite entdeckt, in die Schweiz importiert und ihn wieder zurechtmachen lassen. Seit seiner Kindheit sei er ein England-Fan, ein Churchill-Fan im Speziellen. «Es ist doch gross­artig, wenn Demokratien so schillernde Persönlichkeiten hervorbringen.»

Gerade in Zeiten der Krise sei es wichtig, dass die von Churchill vertretenen Werte der jungen Generation in Erinnerung blieben. «Dass die Freiheit nie garantiert ist, dass sie im Gegenteil notfalls mit der Waffe in der Hand verteidigt werden muss, dies ist seit 1945 bei vielen Zeitgenossen in Vergessenheit geraten.» So sagt es Frey am Telefon, und so steht es auch im Vorwort des Buches «Winston Churchill und die Schweiz», das dieser Tage erschienen ist und das Frey als Mäzen ermöglicht hat.

Das Porträt in Bretschers Büro

Geschrieben hat das Werk Werner Vogt, langjähriger NZZ-Auslandskorrespondent und ein mindestens so glühender Churchill-Verehrer wie Walter Frey. Sein Buch zum 50. Todestag des britischen Premiers ist dem Land Rover des SVP-Politikers nicht unähnlich. Ein Sammlerstück, eine Feier der gloriosen Vergangenheit, in der jedes Fitzelchen, das auch nur entfernt in Churchills Nähe kam, von Bedeutung ist.

Postkarten aus den Ferien («Luzern ist ein wunderschöner Ort, mit Bädern, gutem Essen und einer grossartigen Landschaft»), ein Autogramm für den Kellner des Speisewagens von Genf nach Bern (Churchill sei entspannt und freundlich gewesen, sagt der Kellner heute), das «Chicken Pie»-Rezept einer Schweizer Küchenhilfe auf dem Landgut Chartwell: Vogt feiert in seinem bildstarken Band sämtliche noch so kleinen Bezüge des britischen Politikers zur Schweiz und vergisst dabei auch seine NZZ und deren «legendären» Chefredaktor Willy Bretscher nicht. Dieser habe während des Zweiten Weltkriegs nicht etwa ein Bild von General Guisan in seinem Büro aufgehängt – sondern ein Porträt von Churchill.

Das Buch über Churchill und die Schweiz (das auch die grossen Ereignisse in dieser eher lockeren Beziehung nacherzählt, etwa die legendäre Europa-Rede 1946 in Zürich und den frenetischen Empfang von Churchill durch die Schweizer Bevölkerung) ist der Höhepunkt einer eigentlichen Churchill-Manie, die unter den Schweizer Rechtskonservativen schon länger festzustellen ist.

Kann ein einzelner die Geschichte ändern? Im August 1946 besuchte Winston Churchill Genf und begrüsste die Menge.

Winston Churchill ist die fleischgewordene Sehnsuchtsfigur aller rechten Politiker, die fest daran glauben, dass ein einzelner Mann mit genügend Willenskraft die Geschichte ändern kann. Ändern muss! Allein gegen alle, allein gegen die Nazis, vor denen er schon jahrelang gewarnt hatte, stand Churchill im Jahr 1940 als frischgewählter Premierminister einem Kabinett vor, das am liebsten aufgegeben hätte. Aber er liess sich nicht beirren.

«Was ihn noch wenige Monate zuvor zum Clown der Politik gemacht hatte, zum alternden Propheten, dem niemand zuhören mochte – seine Unart, auf einer Meinung zu beharren, die alle für verrückt hielten, weil niemand sie teilte: Diese Kunst des Alleinseins rettete jetzt die Menschheit.» So beschrieb es Markus Somm, Chefredaktor der «Basler Zeitung» 2012, von Ehrfurcht ergriffen und schwer doppeldeutig. Die Kunst des «Alleinseins», die Unart, auf einer Meinung zu beharren – das sind Attribute, die Leute wie Somm oder Roger Köppel, Chefredaktor der «Weltwoche», regelmässig auch Christoph Blocher verleihen (und ihn dafür bewundern).

Der Schweizer Churchill

Blocher beschäftigt sich ebenfalls schon lange mit dem britischen Kriegspremier, bewundernd auch er: «Churchill war ein Politiker mit der Fähigkeit zur schonungslosen Analyse und einer fast beängstigenden Weitsicht: Schon 1933 redete er illusionslos über die aufziehende Gefahr des Nationalsozialismus. Er nannte diese Bedrohung zu einer Zeit beim Namen, als sie kaum jemand wahrhaben mochte. (…) Der Zeitgeist scheute sich, der hässlichen Wirklichkeit ins ­Gesicht zu schauen. So wie sich der Zeitgeist immer scheut, die unangenehmen Dinge zu sehen, geschweige denn zu benennen.»

So hat es Blocher vor gut zehn Jahren ausgedrückt, in einer Rede, welche die «NZZ am Sonntag» zum legendären Fronttitel «Sieht sich Blocher als Churchill der Schweiz?» inspirierte. Die Frage der Zeitung darf getrost mit Ja beantwortet werden. Nach der Churchill-Rede hat sich der SVP-Vordenker noch oft und gerne zu seinem grossen Vorbild geäussert. Von der «gewaltigen Figur» habe er einiges mitgenommen, sagte er vor fünf Jahren in der «Weltwoche»: «Vor allem die Einsicht, auch in schwierigen Situationen unbedingt durchzuhalten.»

Gross trotz Niederlage

Blocher ist nur einer von vielen Politikern der Gegenwart und Vergangenheit, die sich gerne mit Churchill messen (und insgeheim von seinem Glanz träumen). US-Präsident George W. Bush hatte im Oval Office des Weissen Hauses eine Büste von Churchill stehen. Er sah in ihm «das beste Beispiel dafür, wie Individuen Geschichte gestalten können». Churchill habe immer nach seinen Überzeugungen gehandelt. «Wie ein echter Texaner», meinte Bush und eiferte Churchill auch nach seiner Amtszeit nach: Er begann ebenfalls zu malen (Katzenbilder, vornehmlich). Ausgeliehen hatte der Präsident die Büste vom damaligen britischen Premierminister Tony Blair, der sich ebenfalls gerne mit Churchill verglich.

Es ist ja auch verlockend: Churchill als letzte Hoffnung des gescheiterten Politikers, als Beispiel dafür, dass einem die Geschichte irgendwann doch recht gibt. Besonders Blocher verbindet das Thema des Scheiterns mit Churchill. Dessen politische Karriere (die erste) ­endete drei Monate nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg mit einer brutalen Abwahl als Premierminister. Im Moment der Ablehnung erkennt sich Blocher wieder. «Alle Menschen, die wirklich etwas geleistet haben, sind tragische Figuren», sagte Blocher einmal in der «Weltwoche». Und in der «Zürichsee-Zeitung» meinte er vor zwei Jahren auf eine ähnliche Frage: «Wirkliche Persönlichkeiten, die etwas geleistet haben, wurden oft geächtet, abgewählt, geköpft.» Aber es sei eben auch eine Frage der Zeit, das sehe er bei der EWR-Abstimmung: «Damals war ich verschrien und geächtet. Heute bekomme ich Briefe von Leuten, die mich 1992 erniedrigt haben; jetzt schreiben sie mir aus Dankbarkeit, dass ich mich durchgesetzt habe.»

Im Buch des Bürgermeisters

Die blochersche Verehrung für Churchill und seine Sehnsucht nach der Gnade der Geschichte ist auch vom politischen Gegner nicht unbeachtet ­geblieben. Und wurde in der dunkelsten Stunde Blochers, seiner Abwahl aus dem Bundesrat im Dezember 2007, gnadenlos gegen ihn verwendet. Als das Resultat feststand und Eveline Widmer-Schlumpf als neue Bundesrätin gewählt war, wuchtete sich Luc Recordon, grüner Ständerat aus dem Kanton Waadt, aus dem Sessel und spreizte Mittel- und Zeigefinger zu einem V in die Luft. Das Bild steht heute ikonisch für die Abwahl von Blocher, und es war bewusst inszeniert. Es war kein Peace-Zeichen, das Recordon machte. «Bilder bleiben», sagte der Ständerat später der WOZ, «und ich war mir der Symbolik voll bewusst. Ich wählte die Churchill-Pose, weil Blocher Churchill bewundert.»

Und weil auch Recordon Churchill bewundert. Als einer von wenigen Linken. «Churchill ist ein Mann der Rechten, ein Mann des Krieges. Darum ist er den Konservativen näher.» Komme hinzu, dass man bei der Linken schon länger das Vertrauen in zu dominante Persönlichkeiten verloren habe. In der Romandie sehe man das aber weniger eng, die Leute in der Westschweiz würden seine Bewunderung für Churchill verstehen. «Er war mutig, als alle den Mut verloren hatten.»

Und ausserdem sei Churchill einfach eine faszinierende Figur. Die mit Niederlagen habe umgehen können, Fehler gemacht habe und in entscheidenden Momenten immer bereit gewesen sei. «Er hat immer gekämpft. Das gefällt mir.» Selbst Recordon, der Linke, bezieht sich bei der Bewunderung von Churchill auf dessen «Finest Hour», seine Zeit als Kriegspremier. Dabei gäbe es aus linker Sicht noch ganz andere ­Anknüpfungspunkte. Es ist ausgerechnet Boris Johnson, der konservative und exzentrische Bürgermeister von London, der in seiner aktuellen Churchill-Biografie einen Fokus auf die soziale Seite von Churchill legt. Dessen Erfolge im Weltkrieg seien so gross, dass seine Arbeit als sozialer Reformer in Vergessenheit gerate, schreibt Johnson und verleiht Churchill posthum den Titel «Gründer des Sozialstaats».

Der linke Churchill

In der Tat ist es eine beeindruckende Liste von sozialen Reformen, die Churchill anstiess. Kurz nach der Jahrhundertwende setzte er sich für einen Mindestlohn für Schneiderinnen ein, kämpfte erfolgreich für ein tieferes Pensionsalter, befürwortete die Verstaatlichung der Eisenbahn, verkürzte die Haftstrafen für Kriminelle, führte die Un­terscheidung zwischen politischen und normalen Gefangenen ein, war der Mitbegründer einer ersten, rudimen­tären Arbeitslosenversicherung und kämpfte 1910 erfolgreich für das «­People’s Budget», ein Programm, das zum ersten Mal in der Geschichte Grossbritanniens in grossem Stil Reichtum von den Reichen zu den Armen umverteilte. «Auch die Sozialdemokraten könnten Churchill für sich beanspruchen», sagt Churchill-Biograf Werner Vogt. «Aber all die Errungenschaften verblassen vor Churchills Zeit im Zweiten Weltkrieg.»

Und so scheint Churchill für alle Zeiten der Kriegspremier zu bleiben. Der Kämpfer gegen die Barbarei und für die freie Welt. Der Säulenheilige der Konservativen. Ein Rockstar der rechten Politik und so beliebt, dass ältere Herren viel Geld ausgeben, um ein verbeultes Fahrzeug von Sir Winston noch einmal durch Safenwil fahren zu dürfen.

Werner Vogt: Winston Churchill und die Schweiz, 232 S., NZZ Libro, ca. 48 Fr.

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