Schulen erhalten Flyer gegen Zwangsheirat

Wenn in den Sommerferien Familien mit Migrationshintergrund in ihre Heimat reisen, droht den Kindern oft die Zwangsheirat. Deshalb verteilt der Kanton Luzern Tausende von Flyern.

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Elmedina* ist 20 Jahre alt, stammt aus Kosovo und wurde zwangsverheiratet: «Ich wollte das auf gar keinen Fall, ich kannte ihn gar nicht. Doch mein Onkel hatte alles organisiert, und ich wurde unter Druck gesetzt. Die Leute aus Kosovo wollten nur Papiere, damit mein Verlobter in die Schweiz kommen kann. Mein Onkel hat dafür 100 Euro und ein Hemd bekommen. Ich hatte Angst, Nein zu sagen, ich hatte Angst, dass ich nicht mehr in die Schweiz zurückkehren darf. Mein Vater hat mir mehrmals gedroht, mich umzubringen. Aus Angst habe ich dann Ja gesagt. Auch mein Onkel in Kosovo hatte mir gedroht, mich zu töten.»

So berichtete der «Tages-Anzeiger» fast auf den Tag genau vor fünf Jahren. Anlass dafür war, dass ab dem 1. Juli 2013 die Zwangsheirat nicht mehr als Nötigung galt, sondern einen eigenen Strafbestand bildete. Der Bundesrat hatte das Strafmass auf maximal fünf Jahre Freiheitsentzug erhöht. Gleichzeitig lancierte der Bund ein fünfjähriges Programm zur Bekämpfung von Zwangsheiraten. Es entstanden regionale Fachstellen und mit der Fachstelle Zwangsheirat ein überregionales Kompetenzzentrum – davor engagierten sich bloss einzelne NGOs dagegen. Parallel dazu erfolgte eine Informationskampagne, um potenziell Betroffene zu sensibilisieren.

Ende 2017 zog der Bund eine erste Bilanz. Dabei stellte er fest, dass es zwar für die Betroffenen nun landesweit kompetente Anlaufstellen gab. Trotzdem verharrte die Zahl der Zwangsheiraten weiterhin auf relativ hohem Niveau: 2009 wurden 900 Fälle registriert, 2012 waren es 700 Fälle und zwischen 2015 und 2017 immerhin noch jährlich über 350 Zwangsheiraten.

Luzern verschickt 1500 Flyer an seine Schulen

Offenbar sind dies immer noch zu viele. Gerade heute gab der Kanton Luzern bekannt, dass in den vergangenen Tagen die Informationsbroschüre «Wer entscheidet, wen du heiratest?» versandt wurde. «Wir verschicken die Flyer seit 2014 jedes Jahr vor den Sommerferien», sagt Renate Gisler von der Koordination Gewaltprävention und Bedrohungsmanagement des Kantons Luzern auf Anfrage. Es handelt sich um rund 1500 Exemplare, Adressaten sind in erster Linie die Schulen der Oberstufe, die Berufsschulen, die Schulsozialarbeit sowie Jugendtreffs.

So sieht der gemeinsame Flyer der Gewaltprävention Luzern und der Stadt Zürich aus: Wer entscheidet, wen du heiratest? Flyer in Deutsch, Französisch, Kroatisch, Serbisch, Albanisch, Englisch, Arabisch, Tigrinya, Somali, Türkisch und Tamilisch. Quelle: Stadt Zürich, Fachstelle für Gleichstellung

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Besonders heikel sind die Sommerferien: In dieser Zeit reisen viele Familien mit Migrationshintergrund in ihre Herkunftsländer, wo Heiraten angebahnt oder beschlossen werden können. Auch Elmedina wurde von ihrem Vater gezwungen, in den Sommerferien nach Kosovo zu fahren und dort zu heiraten.

Laut der Erhebung des Bundesprogramms «Bekämpfung Zwangsheiraten» handelte es sich in den Jahren 2015 bis 2017 bei 83 Prozent um Frauen. Über ein Viertel der Betroffenen war unter 18 Jahre alt. Die häufigsten Herkunftsländer waren Kosovo, Sri Lanka, die Türkei, Albanien, Mazedonien, Afghanistan und Syrien. Aus diesem Grund werden die Flyer neben Deutsch und Französisch auch auf Albanisch, Serbisch, Tamilisch, Türkisch, Arabisch, Kroatisch sowie in Tigrinya und Somali abgegeben.

Zentrale Botschaft der Flyer ist, dass unter Zwang geschlossene Ehen ausdrücklich unter Strafe gestellt und von Amtes wegen verfolgt werden. Zudem toleriert die Schweiz Eheschliessungen mit Minderjährigen auch bei Ausländerinnen und Ausländern nicht – selbst wenn sie den Gesetzen des Heimatstaates entsprechen.

«Nimm genügend Geld zum Telefonieren mit»

Ausserdem empfiehlt die Informationsbroschüre, sich entsprechend auf die Ferien vorzubereiten: «Wenn du befürchtest, gegen deinen Willen im Ausland verheiratet zu werden, informiere eine Beratungsstelle oder eine Vertrauensperson über deine Situation und deine Ängste. Deponiere Kopien deines Ausweises (Pass, ID) an einem sicheren Ort. Organisiere dir Adressen und Telefonnummern von Beratungsstellen in der Schweiz und in deinem Herkunftsland und nimm genügend Geld zum Telefonieren mit.»

Der Flyer wurde in Zusammenarbeit mit der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich sowie der Zentralschweizer Fachgruppe Häusliche Gewalt erstellt. In der Stadt Zürich werden die Informationen nicht verschickt, sondern im Intranet der Schulen aufgeschaltet und die Lehrpersonen mittels einer Push-Meldung darauf aufmerksam gemacht. Danach liegt es an den Lehrpersonen, ob und wie sie die Klassen informieren.

Der Bund stellte in seinem Bericht auch fest, dass das Thema Zwangsheirat im Berufsalltag vieler Fachleute nach wie vor einen tiefen Stellenwert habe und wichtige Zielgruppen wie Lehrpersonen oder Arbeitgeber nur ungenügend angegangen werden konnten. Aus diesem Grund bietet die Stadt Zürich zusätzlich zu den Flyern spezielle Bildungsangebote für Schulen und Ausbildungsbetriebe an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2018, 18:09 Uhr

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