SRG-Chefs kommen bei Mitarbeitern schlecht an

Das Vertrauen in Roger de Weck und Ruedi Matter ist klein. Das zeigt eine Umfrage, die so nicht publiziert wurde.

Zu weit weg von der Basis? Roger de Weck (l.) und Ruedi Matter (r.) 2012 auf dem Set eines Films zur Schweizer Geschichte. Foto: Hervé Le Cunff (SI, RDB)

Zu weit weg von der Basis? Roger de Weck (l.) und Ruedi Matter (r.) 2012 auf dem Set eines Films zur Schweizer Geschichte. Foto: Hervé Le Cunff (SI, RDB)

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Die Mitarbeiter der SRG sind nicht zu beneiden. Zu den gewöhnlichen Sorgen der Medienschaffenden – Reichweitenverlust, unsichere Zukunft – kommt bei der SRG der politische Druck hinzu. Da war 2015 der heftige Abstimmunsgkampf um die neue obligatorische Medienabgabe, dann die umstrittene Werbeallianz Admeira, mit der SRG als Teilhaberin, was selbst im SRG-freundlichen Parlament nicht gern gesehen wird. Eine Gesetzesänderung soll sicherstellen, dass solche Projekte künftig allen Akteuren im Medienmarkt zu gleichen Bedingungen offensteht.

Doch die grösste Hürde steht noch bevor. Die No-Billag-Initiative, die National- und Ständerat ohne Gegenvorschlag abgelehnt haben, will die Gebührenpflicht abschaffen und damit der SRG die finanzielle Grundlage entziehen. Rund drei Viertel ihrer Einnahmen bezieht sie aus den Gebühren (1,3 Milliarden Franken jährlich). Die Initiative wird zwar von vielen als chancenlos eingestuft. Doch mit Überraschungen an der Urne muss man rechnen. Wie geht es unter diesen Umständen den Mitarbeitenden der SRG? Wie halten sie den politischen Druck aus?

Infografik: Wenig Vertrauen ins Kader laut Mitarbeiterumfrage Grafik vergrössern

Gespräche mit einigen von ihnen, die nur unter Zusicherung der Anonymität offen reden, zeigen: Dieser Druck wäre verkraftbar, oder zumindest wird er nicht als Grundübel angesehen. Schwerer wiegt für viele SRG-Mitarbeitende, dass sie die Strategie der Unternehmensführung für falsch halten. Sie glauben, dass das oberste Kader auf den politischen Druck falsch reagiert – nämlich aggressiv und expansionshungrig, statt mit der für einen öffentlich finanzierten Betrieb gebührenden Zurückhaltung und Mässigung.

Zweifel am Management

Kritisiert werden insbesondere Generaldirektor Roger de Weck und Ruedi Matter, Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), das 2100 von insgesamt 6000 Mitarbeitenden zählt. De Weck und Matter werden als zu weit weg von der Basis bezeichnet. So bemängelt zum Beispiel jemand, dass de Weck im RTVG-Abstimmungskampf betont habe: «Wir sind diejenigen, die Service public machen» – in Verkennung der Tatsache, dass auch die privaten Medien Service-public-Leistungen erbringen. Oder dass Ruedi Matter Managerqualitäten habe, aber wenig Bewusstsein für die Führung eines staatsnahen Betriebs in einem angespannten politischen Umfeld.

Die Mitarbeiterumfrage der SRG von 2015, die dem TA vorliegt, zeigt, dass das Vertrauen in die oberste Führung tatsächlich klein ist. Die Befragten zeigen zwar eine hohe Leistungsbereitschaft, und auch die Identifikation mit dem Unternehmen sowie die Arbeitszufriedenheit werden hoch bewertet, mit 70 bis 90 von 100 zu vergebenden Punkten. Hingegen stufen die Mitarbeitenden ihr Vertrauen in die Geschäftsleitung der SRG, die von Roger de Weck verantwortet wird, sowie in die Geschäftsleitung von SRF mit Ruedi Matter an der Spitze, als tief ein. Unternehmensweit erhalten die beiden Männer Zustimmungswerte von 50 bis 60 Punkten. Noch tiefer ist das Vertrauen in die oberste Führung bei den Angestellten der Informationsabteilung des Schweizer Fernsehens, bei der unter anderem die «Arena», die «Tagesschau» und «Schweiz aktuell» angesiedelt sind. Hier sinkt das Vertrauen in die Geschäftsleitung von SRG und SRF auf 51 beziehungsweise 47 Punkte.

Solche Zustimmungswerte gelten unter Betriebsökonomen als Warnsignal. Norbert Thom, emeritierter Professor für Personalwesen an der Universität Bern, sagt: «Bei Zustimmungswerten von unter 60 Prozent müssen die Verantwortlichen der Sache schonungslos auf den Grund gehen.» 60 Prozent seien eine rote Linie angesichts der in der Schweiz generell hohen Arbeitszufriedenheit. Keinesfalls dürfe eine solche Umfrage einfach in der Schublade verstaut werden.

Das hat die SRG zwar nicht gemacht, aber die zum Teil nicht sehr vorteilhaften Resultate wurden doch weitgehend unter Verschluss gehalten. So hob die SRG in ihrem Geschäftsbericht von 2015 die guten Ergebnisse der Umfrage hervor und verschwieg die schlechten. Konkret heisst es, die Zufriedenheit mit den Vorgesetzten sei «leicht zurückgegangen», wobei nur die direkten Vorgesetzten gemeint sind, die sehr hohe Zustimmungswerte haben, im Schnitt 75 Punkte. Die tiefen Zustimmungswerte von rund 50 Punkten für das oberste Kader werden nicht erwähnt.

Konfrontiert mit dem Vorwürfen, verteidigt sich die SRG damit, dass das oberste Kader in der Regel tiefer bewertet werde. Generaldirektor Roger de Weck sagt: «Es ist meine Erfahrung beim ‚Tages-Anzeiger‘, bei ‚Die Zeit‘ und bei der SRG, dass Mitarbeitende von Medienhäusern – erst recht Redaktionen – eher kritisch sind gegenüber ihrer Geschäftsleitung. Und das ist gut so!» Weiter schreibt die SRG, sie informiere nun «aktiver über die Strategie oder die Service-public-Debatte, was geschätzt wird». Roger de Weck mache jährlich eine Tour de Suisse, dieses Jahr mit seinem designierten Nachfolger Gilles Marchand. Auch das interne Kommunikationsangebot sei ausgebaut worden.

Vorschlag von der SRG?

Die Politik reagiert unterschiedlich. SP-nationalrat Matthias Aebischer, der früher den «Club» bei SRF moderiert hat, sagt, die von den Mitarbeitenden kritisierten Punkte seien in den letzten zwei Jahren besser geworden. Es gebe bei der SRG Zeichen für mehr Entgegenkommen in der Politik. Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP), früher Chefredaktor beim Schweizer Fernsehen und Chef der «Arena», kritisiert die Strategie der SRG-Chefs ebenfalls: «Die SRG ist ständig gewachsen, während andere Medienunternehmen geschrumpft sind. Diese Machtzunahme sorgt für Angst und Widerstand.» Er rät der SRG, bescheidener zu werden und sich aus eigenem Antrieb zu beschränken beim Programm, bei den Gebühren oder im Werbemarkt – um die No-Billag-Initiative abzuwenden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 18:43 Uhr

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