Politik ist keine Aromatherapie

Beleidigtsein ist keine Haltung in der Politik, sondern eine Schwäche.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Von Harry Truman stammt die Empfehlung: «If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen.» Wer die Hitze nicht erträgt, sollte die Küche meiden. Womit wir mit einem Satz von der Vergangenheit in die Gegenwart und von Washington nach Bern gelangt sind. Dort benutzte der SVP-Nationalrat Roger Köppel seinen ersten Ratsauftritt am Dienstag, um Justiz­ministerin Simonetta Sommaruga wegen ihrer ­Ausländerpolitik zu attackieren. Und weil er keine Zwischentöne kennt und keinen Rückwärtsgang, sprach er mitleidlos, einseitig und ausfällig.

Dabei beleidigte er die Bundesrätin nicht als ­Person, setzte sie nicht in ihrer Funktion herab, ­verhöhnte nicht ihre Überzeugungen. Dennoch machte die Kritisierte ihm das schönste Geschenk: Sie verliess den Saal, die SP-Fraktion im Schlepptau. Moralische Empörung als Reaktion auf Kritik hat ­etwas Höfisches. Man wähnt sich dem Gegner überlegen und hält diesen nicht für satisfaktionsfähig. Mit einem solchen Parlamentarier, zeigt dieser Abgang, duelliert sich keine Bundesrätin. Nun hat sie trotzdem verloren.

Solche Aufreger, mag man einwenden, lenkten bloss von der Debatte ab. Das hat etwas. Nur gehört auch die Inszenierung zur Politik. Erinnern wir uns an die Debatte von 1995 um das Weissbuch «Mut zum Aufbruch», eine wirtschaftsliberale Rezeptsammlung zur Filetierung der Schweiz. Das Fernsehen lud zur Debatte, die Wirtschaftsführer schickten einen Stellvertreter. Die Gegenseite unter Führung von Peter ­Bodenmann kam, sah und ging ab. Die Wirtschaftsleute blamierten sich bis auf die Knochen – und traten eine Woche später zur Debatte an.

Wenn wir schon beim Brüskieren sind: Was hat sich ein Christoph Blocher von der Linken alles ­anhören müssen? Mit welchem Hohn wurden ein Ueli Maurer, ein Adolf Ogi von ihren Gegnern bedacht? Politik ist keine Aromatherapie, sondern ein Kampf um Macht und Einfluss. Beleidigtsein ist keine Haltung in der Politik, sondern eine Schwäche. Herauslaufen ist keine Strategie, sondern eine schrittweise Niederlage.

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