Müssen Hausbesitzer neue AKW fürchten?

Nuklearanlagen beeinflussen das Preisniveau des Immobilienmarktes erheblich – vor allem in Regionen mit leistungsstarken Anlagen. So lautet der Schluss einer Studie der Universität Bern.

Immobilien in idyllischer Lage: Kühlturm des AKW Leibstadt und das nahe gelegene Dörfchen Full-Reuenthal.

Immobilien in idyllischer Lage: Kühlturm des AKW Leibstadt und das nahe gelegene Dörfchen Full-Reuenthal.

(Bild: Keystone)

Wenige Tage vor dem Urnengang über die Zukunft des Atomkraftwerks Mühleberg hat die Fieberkurve im Abstimmungskampf ihren Höhepunkt erreicht. Just zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht Professor Donato Scognamiglio vom Institut für Finanzmanagement der Universität Bern eine Masterarbeit, welche die Auswirkungen von Nuklearanlagen auf die Schweizer Immobilienpreise behandelt und auf einem Datensatz von 37'000 Handänderungen von Liegenschaften beruht: Die Studie kommt zum Schluss, dass die Häuserpreise in der Nähe der Atomkraftwerke Leibstadt, Gösgen, Beznau und Mühleberg zwischen 5 und 10 Prozent tiefer liegen im Vergleich zu identischen Objekten mit einer Entfernung von 15 bis 20 Kilometern zum Atomkraftwerk.

Am stärksten wirkt sich dieser Effekt indes nicht direkt neben der Anlage aus, sondern in den etwas weiter entfernten Gemeinden. «Wo die Anlage präsent ist, erhalten die Gemeinden Entschädigungszahlungen, die sie dann an die Bevölkerung weitergeben», erklärt Scognamiglio. Das steigere die Standortattraktivität.

Sieben Milliarden Franken tiefer

Merkliche Preisunterschiede bei den Immobilienpreisen stellt die Studie in einem Umkreis von 15 Kilometern um die vier AKW-Standorte fest; einem Gebiet, in dem über 770'000 Menschen leben. Geht man dort von einem durchschnittlichen Preisabschlag von 5 Prozent aus, entziehen die Atomkraftwerke dem Immobilienmarkt einen Wert von annähernd 7 Milliarden Franken.

Politisch brisant an der Studie ist die These, dass der Preisabschlag auf Liegenschaften umso grösser ausfällt, je höher die Energieleistung des nahe gelegenen Atomkraftwerks ist. So liegt etwa der Preis für eine Liegenschaft in 5 Kilometer Entfernung zum AKW Leibstadt 6 Prozent tiefer als jener in 20 Kilometer Entfernung, während für den gleichen Fall in Mühleberg nur ein Abschlag von 3 Prozent festzustellen ist. Scognamiglio leitet daraus ab, dass die Leistungsfähigkeit eines Kernkraftwerks den Wert von Immobilien zusätzlich beeinflusst: «Offenbar hat die Bevölkerung mehr Respekt vor einem grossen AKW als vor einem kleinen.» Deshalb sei davon auszugehen, dass der Ersatz einer Anlage gemessen an den Immobilienpreisen nicht neutral sei. Müssen Hausbesitzer im Grossraum Bern also befürchten, dass ihre Liegenschaft an Wert verliert, wenn das neue Kernkraftwerk in Mühleberg gebaut wird?

«Reichlich weit hergeholt»

Während Immobilienexperte Scognamiglio dies behauptet, wird aus dem Umfeld des Schweizer Nuklearforums Skepsis an der Stichhaltigkeit der Studie laut. Offiziell mochte die Lobbyorganisation zwar ebenso wenig zur Studie Stellung nehmen wie die Atomindustrie-Organisation Swissnuclear und der Berner Energiekonzern BKW. Hinter vorgehaltener Hand jedoch heisst es, dass man die Studienergebnisse für «reichlich weit hergeholt» hält. Das versteckt an der Aare gelegene Atomkraftwerk Mühleberg und die auf offenem Feld mit einem von weitem ersichtlichen Kühlturm versehene Nuklearanlage Leibstadt würden sich völlig unterschiedlich ins Landschaftsbild eingliedern. Da sei es durchaus nachvollziehbar, dass diese die Immobilienpreise im Umfeld unterschiedlich beeinflussten. Ein Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit der AKW bestehe deshalb nicht.

FPD-Ständerat Rolf Schweiger, zugleich Präsident der atomfreundlichen Aktion für vernünftige Energiepolitik (Aves), spricht von einer Propaganda-Aktion eines einzelnen Professors der Universität Bern: «Es spricht für sich und gegen die Wissenschaftlichkeit der Studie, dass die Ergebnisse drei Tage vor der Abstimmung präsentiert werden.»

Tages-Anzeiger

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