«Man muss sich bewusst sein, dass 500’000 Roma vernichtet wurden»

Die Schweiz soll den europäischen Roma-Holocaust-Gedenktag anerkennen. Das verlangt SP-Nationalrätin Martina Munz.

«Die Verfolgungsgeschichte der Roma ist in der Schweiz wenig bekannt»: SP-Nationalrätin Martina Munz (SH).

«Die Verfolgungsgeschichte der Roma ist in der Schweiz wenig bekannt»: SP-Nationalrätin Martina Munz (SH).

(Bild: Keystone)

Claudia Blumer@claudia_blumer

Vor zwei Jahren erklärten das europäische Parlament und die europäische Kommission den 2. August zum «Roma Holocaust Memorial Day». In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde in Auschwitz das sogenannte Zigeunerfamilienlager vernichtet; es starben fast 3000 Menschen, die letzten Sinti und Roma des Konzentrationslagers.

Nun soll auch die Schweiz den 2. August zum Roma-Holocaust-Gedenktag erklären, fordert die Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz in einer diese Woche eingereichten Motion. «Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar gilt vor allem den jüdischen Opfern», sagt sie. Es gehe vergessen, dass mindestens eine halbe Million Roma und Sinti verfolgt, vergast und vernichtet worden seien. «Am 27. Januar geht diese Minderheit unter.»

«Geschichte ist zu wenig bekannt»

Zwar seien viele Gruppen von den Nationalsozialisten verfolgt worden, Behinderte, Homosexuelle, Intellektuelle. Doch die Roma seien eine grosse Minderheit gewesen, auch sie unterlagen – wie die Juden – den Nürnberger Rassengesetzen. In der Schweiz sei die Verfolgungsgeschichte dieser Volksgruppe, die hierzulande schätzungsweise 80’000 Mitglieder zählt und grösstenteils sesshaft lebt, zu wenig bekannt, sagt die Berufsschullehrerin aus Hallau SH. Ein Gedenktag könne helfen, die Geschichte ins Bewusstsein zu rufen, und zur Aufarbeitung und Aufklärung beitragen. «Dies hilft den jüngeren Generationen, aufzuzeigen, welche Gefahren bei Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten drohen können.»

Nun wird der Bundesrat innert drei Monaten dazu Stellung nehmen, dann entscheidet das Parlament. Unterschrieben haben den Vorstoss auch bürgerliche Politiker wie Doris Fiala (FDP) und Tiana Moser (GLP). Brisant ist wohl, dass der internationale Roma-Holocaust-Gedenktag am 2. August stattfindet – einen Tag nach dem schweizerischen Nationalfeiertag, was ihm eine besondere Bedeutung verleihen würde. Der eine oder andere 1.-August-Redner würde auf den Roma-Gedenktag Bezug nehmen.

Kampf um Anerkennung

Kritisiert wird ausserdem, dass es bereits einen Holocaust-Gedenktag gibt, der für alle Opfer gilt. Darauf weist Martine Brunschwig Graf hin, ehemalige FDP-Nationalrätin und heute Präsidentin der eidgenössischen Rassismus-Kommission. Trotzdem sei es nötig, dem Bedürfnis der Roma nach Anerkennung ihrer Geschichte Rechnung zu tragen, sagt sie. Auch der Europarat habe dies anerkannt.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat kürzlich dem Aussendepartement einen Brief geschrieben mit der Bitte um Anerkennung des 2. August als Gedenktag. Da die Schweiz dieses Jahr der Internationalen Holocaust-Gedenk-Allianz (IHRA) vorsitze, sei dies eine ideale Gelegenheit für diesen Schritt, heisst es in einem Brief an Botschafter Benno Bättig. Die Antwort steht aus.

Pendent ist auch das Gesuch der Roma um Anerkennung als nationale Minderheit. Noch sind nicht alle Voraussetzungen dafür erfüllt beziehungsweise genügend belegt. Das hängt auch mit der Komplexität der Sachlage zusammen: So müssen die Roma beweisen, dass sie eine längere Verbindung zur Schweiz haben, obwohl bis 1972 eine Einreisesperre gegen sie verhängt war. Sie müssen also beweisen, dass sie illegal hier waren.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt