Lokführer fordern Begleiter in allen Zügen

Der mutmassliche Täter von Salez lebte in Liechtenstein und war angeblich ein Einzelgänger. Das Motiv ist unklar. Derweil wollen die Lokführer künftig Sicherheitspersonal auf jeder Fahrt.

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Stefan Hohler@tagesanzeiger

In den sozialen Medien hat sich nach dem Amoklauf von Salez SG rasch ein Bild eines mutmasslichen Täters verbreitet. Das Bild zeigt einen dunkelhäutigen Mann mit Bart. Ein ungarisches Nachrichtenportal hatte behauptet, dies sei der Mann, der am Samstagnachmittag in einem Zug der Südostbahn eine brennbare Flüssigkeit ausschüttete, Reisende mit einem Messer attackiert und dabei mehrere Menschen verletzt und eine Frau getötet habe. Das Bild, das kursierte, hat aber nichts mit den tragischen Vorfällen von Salez zu tun. Angeblich sei der Mann auf dem Foto ein mutmasslicher Brandstifter aus den USA, der laut «Washington Post» bereits im vergangenen Dezember verhaftet wurde.

Energydrink und Fertigpizza

Beim mutmasslichen und mittlerweile verstorbenen Täter von Salez handelt es sich um den 27-jährigen Simon S. Ursprünglich kommt er aus dem Kanton Schwyz. Seit rund drei Jahren lebte er in einem ruhigen Wohnquartier in Eschen im Fürstentum Liechtenstein. Er wohnte in einem Einfamilienhaus im Erdgeschoss zur Untermiete. Dort haben die Hausbesitzerin und ihre beiden Söhne nun die Rollläden heruntergelassen. «Verschwinden Sie, oder wir rufen die Polizei», ruft einer der Söhne den Medien­vertretern zu.

Die Verkäuferin vom nahen Denner ist auskunftsfreudiger. Sie erinnert sich an Simon S. Der junge, schlaksige Mann habe sie angemacht, als er zum ersten Mal im Laden einkaufte. Er habe ihr die Hand gereicht und sie gefragt, ob sie einen Freund habe? Sie antwortete «Ja». Danach habe er sie bei den nächsten Einkäufen nie mehr begrüsst. Eine andere Verkäuferin sagt, der Mann habe ihr jeweils einen komischen Eindruck gemacht. Er habe fast täglich einen Energydrink und eine Fertigpizza gekauft.

Simon S. soll laut verschiedenen Medienberichten bei einem Autozulieferer in der Region eine Lehre gemacht und dort weiterhin Teilzeit gearbeitet haben. Zudem besuchte er die NTB, die Hochschule für Technik in Buchs SG, einer Gemeinde rund acht Kilometer entfernt von seinem Wohnort.

«Abschreckung für potentielle Täter»

Das Motiv des Täters ist weiterhin unbekannt. Die Zeugeneinvernahme gestaltet sich für die Polizei schwierig. Sie konnte erst mit einem der verletzten Opfer reden. Und von den drei Schwerverletzten befindet sich laut Kapo-Sprecher Hanspeter Krüsi eine 17-jährige Frau weiter­hin in kritischem Zustand. Eine 43-jährige Frau wird als schwer verletzt beschrieben, ihr 6-jähriges Töchterchen ist ausser Lebensgefahr.

Der Zug, der zwischen Buchs und Sennwald unterwegs war und Schauplatz des Amoklaufs wurde, war wie üblich ohne Zugbegleiter unterwegs. Nun fordert Lokführer-Präsident Hans-Ruedi Schürch: «Es braucht wieder in jedem Zug einen Zugbegleiter.» Dieser könne zwar eine Attacke wie jene in Salez nicht immer verhindern, aber den Täter möglicherweise abschrecken.

Dass die Präsenz eines Zugbegleiters eine abschreckende Wirkung haben könnte, sagt auch Walter von Andrian, Chefredaktor der «Eisenbahn-Revue». Gegenüber Schürchs Forderung ist er skeptisch: «Ein Zugbegleiter kann in einer gefährlichen Situation auch nicht immer etwas ausrichten.» Benedikt Weibel, von 1993 bis 2006 Chef der SBB, lehnt die Forderung des Lokführer-Präsidenten ab: «In jedem Zug einen Zugbegleiter einzusetzen, ist absolut unmöglich.» Auch wegen der Kosten.

SBB-Sprecher Christian Ginsig kommentiert die Forderung nach Zugbegleitern auf allen Zügen nicht: «Regionalverkehr wird durch die Kantone bestellt, und die Besteller definieren das Angebot.» Bei der Südostbahn heisst es in einer Medienmitteilung vom Montag, sie werde nach «einer derartigen Extrem­situation ihr Sicherheitsdispositiv intensiv prüfen».

Notrufzentrale war überlastet

Die fehlenden Zugbegleiter sind nach der Attacke in Salez nicht der einzige Kritikpunkt. Zufälligerweise kam es zur gleichen Zeit noch zu einem anderen gewalttätigen Vorfall: Laut einem Zeugenbericht begann ein betrunkener Mann im Interregio von Bern nach Zürich kurz vor Burgdorf damit, eine Frau zu schlagen und zu würgen. Der Zeuge berichtet, er habe mehrmals bei der Notrufnummer der Bahnpolizei (0800 117 117) angerufen, aber minutenlang keine Antwort erhalten. Immer sei nur die Stimme ab Band gekommen. Er alarmierte schliesslich die Polizei.

Die SBB bestätigen den Vorfall. Er ist im Zugjournal registriert. «Dass der Anrufer bei Burgdorf nicht durchgekommen sei, liegt daran, dass ein grosser Teil des Personals mit den Notrufen aus Salez beschäftigt war», sagt SBB-Sprecher Ginsig. Es sei aber noch zu früh, um Schlüsse zu ziehen. Dafür brauche man erst solide Rückmeldungen. Man werde abwarten, ob Staatsanwaltschaft oder Polizei nach der Auswertung des Falls Salez Empfehlungen abgeben. Zudem werde man das Ereignis intern auswerten.

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