Lernen von Gölä

Viele Arbeiter und Angestellte wählen heute rechts – und damit gegen ihre eigenen Interessen. Das ist paradox, aber erklärbar.

Büezer, Fan, SVP-Wähler? Besucher eines Gölä-Konzerts in St. Gallen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Büezer, Fan, SVP-Wähler? Besucher eines Gölä-Konzerts in St. Gallen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Noch vor dem dreifachen Abstimmungstriumph, den die Bürgerlichen letzten Sonntag einfuhren, lieferte Marco Pfeuti, besser bekannt als Gölä, die Erklärung dafür: «SVP und FDP schauen besser zum arbeitenden Volk als die Linken», sagte der Mundartrocker im «grossen Wut-Gespräch» mit dem «SonntagsBlick». Die Aussage ist eine Verdrehung, die Donald Trump nicht besser hingekriegt hätte. Und doch hat er recht.

Die Schweizer Linke kämpfte in den letzten Jahren für höhere Mindestlöhne, längere Ferien, bessere Renten. Das «arbeitende Volk», zu dem die grosse Mehrheit der Schweizer gehört, hätte direkt von diesen Vorlagen profitiert. Alle scheiterten an der Urne. Deutlich.

In einem ökonomisch geprägten Weltbild sind solche Niederlagen ein Paradox: Warum stimmen so viele Menschen im Widerspruch zu ihren Kerninteressen? Eine beliebte Antwort linker Denker: Diese Menschen begreifen nicht, was sie wirklich wollen. Sie sind «verblendet». Rechte Parteien besetzen ihr Denken mit Migrations­fragen. In deren Schatten setzen sie Steuer­senkungen für Grosskonzerne und Staatsabbau durch. Kurz: Das «arbeitende Volk» wird getäuscht. Und es braucht linke Intellektuelle, die ihm den Weg Richtung Wahrheit weisen.

Das Problem dieser Erklärung: Es ist ziemlich arrogant, jemandem zu unterstellen, er kenne seine eigenen wichtigsten Wünsche nicht. Das hilft nicht dabei, Menschen zu überzeugen.

Eine weitere Erklärung für den Siegeszug der Rechten lautet: Die Linke kennt keine Lösungen für die Herausforderungen der digitalen Zukunft. Das mag stimmen. Aber den Rechten fehlen solche Lösungen ebenso. Sie gewinnen trotzdem.

Mehr als wirtschaftliche Interessen

Gölä erklärt es anders: «Schauen Sie doch mal die Wähler der SP an: Studierte, Pädagogen, Philosophen.»

Tatsächlich: Menschen fällen politische Entscheidungen nicht nur, indem sie ihre Interessen abwägen. Sie stimmen gerne für diejenigen Politiker, denen sie sich ähnlich und verbunden fühlen; die so reden wie sie selber; mit denen sie gerne ein Bier trinken würden.

Diese banale Einsicht setzen rechte Parteien wirksam um. Nicht jeder kann zu ihrer Gruppe gehören. Wer aber aufgenommen wird, den erwarten Handschläge am Puurezmorge, Zusammengehörigkeit, zugängliche Politiker, ein klares Weltbild. Wie gut das funktioniert, zeigt sich in gewissen katholischen Gebieten. Früher wählte dort eine breite Mehrheit CVP. Dann begann der Glaube zu bröckeln – mit ihm die katholisch geprägte Identität. Die SVP bot ihre Schweiz-Verklärung als weltanschauliche Ersatzheimat an. Viele CVP-Wähler liefen über.

Früher schufen linke Parteien eine eigene Welt aus Versammlungslokalen, Vereinen, Genossenschaften. Auf die Stimmen der Industriearbeiter, die daran teilhatten, konnten sie sich verlassen. Mit dem Untergang der Schwerindustrie ist auch dieses Milieu verschwunden. Das bedeutet nicht, dass es keine Menschen mehr gäbe, die unter wirtschaftlicher Ungerechtigkeit leiden. Doch der derzeit dominierende linke Lebensstil – jener der Velo fahrenden, studierten, oft beim Staat angestellten Städter – vermag viele Ärmere nicht anzusprechen. Man wählt keine Lehrer, wenn man in seiner Schulzeit ständig unter Lehrern gelitten hat – auch wenn die Lehrer das Beste für einen wollen. Die universale Vorstellung von Gerechtigkeit, die linke Politiker vertreten, scheint als politisches Zuhause nicht zu genügen. Psychologen haben untersucht, warum seit den 90er-Jahren viele US-Amerikaner republikanisch wählten, obwohl sie in wichtigen Punkten die Meinungen der Demokraten teilten. Das Fazit: «Konservative haben ein besseres Verständnis von Gruppenmoral und Psychologie, sie appellieren sehr geschickt ans Wirgefühl.»

Viele Linke schrecken davor zurück, solche «Wir-Politik» zu betreiben. Sie gilt als irrational und ausschliessend. Dazu kommt, dass sich eine gemeinsame Lebenswelt nicht einfach hervorzaubern lässt. Man muss sie geduldig erschaffen.

Diese Verweigerung hilft den Rechten. Und sie gibt Gölä recht, dem erfolgreichen Musiker, der dank Tattoos und einfacher Sprache («Penner vor dem Denner») immer noch als Büezer gilt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2016, 22:27 Uhr

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