Lastwagen mit Oberleitung – bald auch in der Schweiz?

In Schweden wird der sogenannte E-Highway getestet: Lastwagen fahren durch Strom aus der Leitung. Hat die Idee auch hier Potenzial?

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Obst, Käse, Schweine, Milch, Baumaterial und immer mehr Kleider – all das transportieren Lastwagen täglich durch die Schweiz. Und hinterlassen dabei Spuren. Ein Sechstel des Schweizer CO2-Ausstosses wird durch den Güterverkehr verursacht. Wenn die Schweiz also ihre Klimabilanz verbessern möchte, könnte sie beim Güterverkehr ansetzen – so, wie es Schweden gerade tut.

Das Land testet die Einführung eines E-Highways. Die Idee: Was bei Bussen und Trams funktioniert, soll auch auf der Autobahn zum Einsatz kommen. Auf einer zwei Kilometer langen öffentlichen Autobahnstrecke werden die Testlastwagen durch Strom aus der Oberleitung angetrieben. Wenn sie überholen möchten oder auf einem Abschnitt ohne Oberleitung fahren, können sie auf ihren Dieselmotor oder die Elektrobatterie zurückgreifen – es sind also Hybridfahrzeuge. Schweden will bis zum Jahr 2030 einen Transportsektor haben, der nicht von fossilen Brennstoffen abhängig ist.

Diese Idee scheint auch in der Schweiz gut anzukommen. Regula Rytz, Parteipräsidentin der Grünen, sagte zu «20 Minuten», dass sie eine entsprechende Interpellation an den Bundesrat prüfe. Besonders in den Agglomerationen von Zürich, Bern und Basel gebe es Potenzial für elektrisch angetriebene Lastwagen. Auch das Bundesamt für Strassen (Astra) zeigte sich aufgeschlossen. Falls es eine politische Forderung nach einem E-Highway gebe, werde man diese «wohlwollend prüfen».

Wechsel zwischen Strom und Diesel

Und so funktionierts: Der Lastwagen ist mit einem Sensor ausgestattet, der Oberleitungen erkennt und den Stromabnehmer automatisch und manuell ausfahren lässt. Bis zur Geschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde kann er die Leitung benützen. Bei einem Überholmanöver kann der Lastwagenfahrer sich von der Oberleitung abkoppeln und auf den herkömmlichen Verbrennungsmotor zurückgreifen. Oder aber auf seine Batterie – die wird nämlich beim Bremsen jeweils mit Energie versorgt. Die deutsche Firma Siemens leitet den E-Highway-Versuch in Schweden und ein ähnliches Projekt in Kalifornien. Die Siemens-Ingenieure glauben, dass die elektrifizierte Autobahn energetisch doppelt so effizient wäre wie eine herkömmliche.

Siemens stellt sein E-Highway-Projekt vor. Quelle: Siemens

Auch Josef Brusa vom Rheintaler Elektrofahrzeugspezialist Brusa AG hat einen positiven Eindruck vom Konzept. «Besonders bei Strecken, welche die gleichen Lastwagen mehrmals täglich abfahren», sei die Elektrifizierung sinnvoll. «Lastwagen benötigen relativ viel Energie, daher ist es schwieriger, Langstrecken nur mit Batterien zu realisieren.» Für die Feinverteilung am Ende des Lieferprozesses seien batteriebetriebene Fahrzeuge aber besser geeignet, da sie keine zusätzliche Infrastruktur brauchen.

Auf die Frage, ob ein Hybridlastwagen inklusive Oberleitung wirklich energieeffizienter wäre als ein herkömmlicher, rechnet Brusa vor: «Das jetzige Modell benötigt Diesel. Etwa 30 bis 40 Liter auf 100 Kilometer. Das sind etwa 300 bis 400 Kilowattstunden. Elektrisch benötigen die Lastwagen etwa 80 bis 200 Kilowattstunden pro 100 Kilometer, also nur 30–50 Prozent der jetzigen Methode.»

Doch so ein Lastwagen, der nicht nur einen Dieselmotor, sondern auch noch die elektronische Technik in sich hat, wird schwerer – verbraucht also auch mehr Energie. Laut Siemens wären es 900 zusätzliche Kilogramm.

«Verkehrsteilung funktioniert gut»

Ulrich Giezendanner glaubt, dass man die Idee eines E-Highways «vergessen» könne. «Stellen Sie sich vor, wir müssten die Autobahnen mit Oberleitungen ausrüsten», sagt Giezendanner. «Die Kosten für die Infrastruktur wären nicht amortisierbar.» Er habe überhaupt nichts gegen Elektrofahrzeuge und sei gegenüber neuen Technologien sehr offen, sagt Giezendanner. Aber: «Strasse und Bahn arbeiten in der Schweiz immer besser zusammen. Wir haben heute eine Verkehrsteilung, die sehr gut funktioniert. Das muss man nicht wieder über den Haufen werfen.»

Etwas anders sieht es Stefan Müller-Altermatt, Solothurner CVP-Nationalrat mit den Schwerpunkten Umwelt, Verkehr und Energie. «Wenn ich auf der A 1 von Zürich nach Bern fahre und die Lastwagenkolonne sehe, dann stelle ich mir schon vor, wie viel Energie und Klimabelastung man hier einsparen könnte.» Man müsse die Idee durchdenken und sich überlegen, wo der Einsatz sinnvoll wäre. Oberleitungen bis vor jeden Dorfladen seien natürlich nicht praktikabel. «In Schweden sind natürlich die Distanzen grösser als bei uns zwischen Bern und Zürich», sagt Müller-Altermatt. Vielleicht wäre es auch sinnvoller, die Strecke Hamburg–Genua zu elektrifizieren, als eine kleine Schweizer Distanz. «Vielleicht müsste das als europäisches Projekt gedacht werden.» Sein Fazit zum E-Highway: «Interessant, aber es braucht noch viele Abklärungen.»

DerBund.ch/Newsnet

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