Krasse Lohndifferenz – erfunden von der Unia

Er: 80'000, sie: 64'000 Franken Lohn – die Gewerkschaft verärgert mit einem gefälschten Jobinserat Politikerinnen von links bis rechts.

Mit diesen fingierten Inseraten will die Unia auf die Lohnungleichheit aufmerksam machen. (Screenshot)

Mit diesen fingierten Inseraten will die Unia auf die Lohnungleichheit aufmerksam machen. (Screenshot)

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Zuerst ärgerte sich SP-Nationalrätin Rebecca Ruiz über die «skandalöse» Lohndifferenz in einem Stelleninserat der IT-Firma Meyer Info, nun ist sie über die Gewerkschaft Unia verärgert. In einem Inserat, das auf verschiedenen Stellenplattformen aufgeschaltet war, wurde eine HR-Assistentin oder ein HR-Assistent gesucht. Männlichen Bewerbern wurde ein Lohn von 80'000 Franken in Aussicht gestellt, Frauen für die genau gleiche Stelle ein Jahresgehalt von 64'000 Franken. Ruiz war von einer Journalistin auf die Lohndiskriminierung in den Inseraten aufmerksam gemacht worden.

Der Haken an der Sache: Das Inserat ist ein Fake, die Firma Meyer eine Erfindung der Gewerkschaft Unia. Diese liess das Inserat durch einige Influencer gezielt verbreiten, als Teil einer Kampagne gegen die Lohnungleichheit. «Ich finde diese Methode zweifelhaft, so etwas geht nicht», sagt Ruiz nun auf Anfrage. «Es gibt genügend reale Fälle von Lohndiskriminierung, man muss solche nicht erfinden.»

Kampagne vor Nationalratsdebatte

Eigentlich wollte die Unia erst am nächsten Dienstag an einer Medienkonferenz für die Auflösung sorgen. Nachdem das «St. Galler Tagblatt» diese Woche die Kampagnenmethode der Gewerkschaft aufdeckte, veröffentlichte die Unia einen Tag später eine Medienmitteilung mit dem Titel «Ein fiktives Stellenangebot enthüllt die Lohnungleichheiten». Sie rechtfertigte das Vorgehen als Mittel, um auf die durchschnittlich 20 Prozent Lohnunterschied zwischen Mann und Frau aufmerksam zu machen.

Der Zeitpunkt der Kampagne ist nicht zufällig gewählt. Am 22. September mobilisiert die Gewerkschaft für eine Grossdemonstration gegen Lohnungleichheit und Diskriminierung in Bern, und zwei Tage später berät der Nationalrat eine Gesetzesvorlage, mit der die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau bekämpft werden sollen. Die Revision des Gleichstellungsgesetzes sieht vor, dass Unternehmen mit 100 oder mehr Angestellten zu Lohngleichheitsanalysen verpflichtet werden. Sanktionen für Firmen, die gegen das Gebot der gleichen Löhne für gleiche Arbeit verstossen, sind nicht vorgesehen.

«Das schadet der Sache»

Bürgerliche Nationalrätinnen, die für die Vorlage kämpfen, reagieren mit Unverständnis auf die fingierten Inserate. BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti bezeichnet das Vorgehen von Unia als «kindisch» und befürchtet, «dass es der Sache schadet». Ähnlich reagiert CVP-Nationalrätin Kathy Riklin. «Solche Methoden sind kontraproduktiv. Am Schluss glaubt man denen, die behaupten, die Lohnungleichheit gebe es nicht.»

Mehrere bürgerliche Politiker äusserten sich denn auch entsprechend gegenüber den Medien. «Wenn die Unia auf Fake News zurückgreifen muss, um die Notwendigkeit einer Änderung aufzuzeigen, zeigt dies klar, dass es keinen Handlungsbedarf gibt», sagte FDP-Nationalrat Thierry Burkart dem «Blick». «Bei fehlenden realen Beispielen erfindet man sie einfach und ignoriert die Fakten», twitterte Matthias Leitner, stellvertretender FDP-Generalsekretär.

«Die Lohnunterschiede sind eine Realität»

Einige linke Parlamentarierinnen nehmen die Unia jedoch in Schutz. «Die Kampagne macht unkonventionell und überspitzt auf ein Problem aufmerksam, was für Kampagnen nicht unüblich ist», sagt SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen. Wenn bürgerliche Parlamentarier die Kampagne der Unia nun dazu nutzten, die Lohnunterschiede zu bestreiten, sei dies der eigentliche Skandal. «Jene, die die Vorlage bekämpfen, klammern sich an jeden Strohhalm.» Die vorberatenden Kommissionen seien bei der Beratung des Gleichstellungsgesetzes mit Statistiken gut dokumentiert worden. «Die Lohnunterschiede sind eine Realität.»

Auch die grüne Nationalrätin Maya Graf sieht die Unia-Kampagne als Mittel, um Aufmerksamkeit für das Problem der Lohnungleichheit zu generieren. Wichtig sei aber, dass der fiktive Charakter eines solchen Inserats von den Urhebern rechtzeitig transparent gemacht werde, sagt die Co-Präsidentin von Alliance F, der politischen Lobbyorganisation für die Gleichstellung.

Unia würde es nochmals tun

Unia hält das Vorgehen mit fiktiven Inseraten nach wie vor für richtig und würde wieder so vorgehen. Es handle sich um ein ungewöhnliches Kampagnenmittel in einer aussergewöhnlichen Situation, sagt die Verantwortliche Corinne Schärer, Mitglied der Unia-Geschäftsleitung. Das politische Ringen um die Gesetzesrevision dauere nun schon fünf Jahre an. In der vorberatenden Kommission des Nationalrats habe sogar die abgeschwächte Vorlage nur dank dem Stichentscheid der Präsidentin Christine Bulliard (CVP) eine Mehrheit erhalten, gegen die Stimmen von FDP und SVP. Im Ständerat brauchte es zwei Anläufe, damit die von Justizministerin Simonetta Sommaruga vertretene Revision des Gleichstellungsgesetzes eine Mehrheit erhielt.

Vor drei Wochen startete die Unia im Kampf gegen Lohndiskriminierung eine weitere Aktion im Internet. Auf der Website «Zeig deinen Lohn» machen Frauen und Männer ihren Lohn transparent. Vor dem Hintergrund der falschen Stelleninserate könnten nun auch Zweifel an der Echtheit dieser Angaben entstehen. Im Gegensatz zu den Lohnangaben im fiktiven Stelleninserat seien diese Personen echt, betont Schärer.

Die Gesetzesrevision soll allerdings nur den nicht erklärbaren Anteil der Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau bekämpfen. Dieser beträgt gemäss Erhebungen nicht 20 Prozent, sondern 7 Prozent. Der Rest wird mit Faktoren wie Kaderposition, Ausbildung und branchenspezifischen Faktoren begründet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 21:39 Uhr

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