Kirchners Argentinien missfällt Nachfahren von Schweizern

Viele Schweizstämmige bewirtschaften in Argentinien noch heute dasselbe Land wie ihre Vorfahren. Mit der Umverteilungspolitik der Präsidentin haben sie ihre Mühe.

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Die Nachfahren von Siedlern in Argentinien haben noch immer eine enge Bindung zu ihrem Land und eine strenge Arbeitsmoral. Viele von ihnen beschuldigen heute die Regierung, die Arbeitnehmer «auszurauben» und die Arbeit ihrer Vorfahren nicht zu respektieren.

«Viele seltsame Dinge passieren in diesem Land, die gar nicht passieren sollten», sagt Jose Ramunno, während er mit seinem Lieferwagen die Piste hinunterbraust. Sie führt zu Feldern, welche einst die ersten Schweizer Migranten in der Region Esperanza angelegt hatten. «Die ehrlichen Arbeiter müssen Steuern zahlen und werden vom Staat beraubt, während andere Geld kriegen, ohne etwas dafür zu tun», fügt er an.

Jose ist Agraringenieur und verantwortlich für verschiedene Grundstücke, welche früher seinen italienischen Vorfahren oder den Schweizer Vorfahren seiner Frau gehört hatten. Er überwacht, wie verschiedene Bauern die Ernte einfahren.

Arbeit «abgewertet»

Viele andere Nachkommen von Auswanderern bewirtschaften wie er noch die Felder, auf welchen einst ihre Vorfahren geschwitzt haben. Heute sind viele selbstständig tätig. Ihren Wohlstand führen sie zum Teil zurück auf die Arbeit ihrer Ahnen. Denen ist es gelungen, sich in einem fremden Land eine Existenz aufzubauen; trotz der Hitze, Attacken von Eingeborenen und von Heuschrecken verwüsteten Ernten.

Ihre Verbundenheit mit dem Land sowie ihre Arbeitsmoral passen nicht gut zur Politik der Regierung Kirchner, die bemüht ist, den Reichtum umzuverteilen.

«Der Staat belohnt harte Arbeit nicht, sondern wertet sie ab», sagt Cristina Scharpen in ihrem Garten in Santa Fe. Die Regierung verteile das Geld der Arbeiter um und kürze die Renten der ehemaligen Arbeiter. «So motiviert man jene, die nichts tun, nicht gerade dazu, hart zu arbeiten», fügt sie verärgert hinzu.

Präsidentschaftskandidat mit Walliser Wurzeln

Auch in der Politik spiegeln sich diese Standpunkte. Hermes Binner ist Enkel von Walliser Auswanderern und vertritt einen «realistischen» Sozialismus, der die Marktwirtschaft akzeptiert. Auf ihn konzentrierten sich bei den Präsidentschaftswahlen 2011 die Hoffnungen all jener, welche mit der Dynastie Kirchner abschliessen wollten.

Der Arzt Binner besitzt die schweizerisch-argentinische Doppelbürgerschaft und ist Bürger von Raron im Oberwallis. Er wurde 2007 in der Provinz Santa Fe zum Gouverneur gewählt und war damit der erste Sozialist, der in Argentinien dieses Amt bekleidete. (mw/sda)

Erstellt: 12.01.2014, 12:39 Uhr

Beliebtes Ziel

Nach Argentinien wanderten im 19. Jahrhundert Zehntausende Schweizerinnen und Schweizer aus. In keinem anderen Land in Lateinamerika und in nur wenigen Ländern ausserhalb von Europa leben noch heute so viele Schweizer wie in Argentinien.

Anfang 2012 wohnten 15'700 Schweizer in Argentinien; laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten besitzt ungefähr die Hälfte von ihnen die Doppelbürgerschaft.

Fast unmöglich ist es hingegen, die genaue Zahl der Nachfahren von Schweizer Auswanderern festzulegen. Schätzungen gehen von mindestens 150'000 bis hin zu mehreren Hunderttausend aus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten die Schweizer massenhaft ins argentinische Eldorado aus.

Armut und Arbeitslosigkeit

Ab 1847 machten den Schweizern Missernten und tiefe Preise für landwirtschaftliche Produkte zu schaffen. Ausserdem stieg die Zahl der Arbeitslosen im Industriesektor. 1848 verbot der Schweizerische Bundesstaat den Militärdienst im Ausland, weshalb viele ehemalige Söldner keine Arbeit fanden. Zur gleichen Zeit lockte Argentinien gezielt Siedler an, die das riesige Land in Südamerika erschliessen und bewirtschaften sollten.

Zu Beginn emigrierten nur vereinzelte Abenteuerlustige, doch bald organisierte man sich. Agenturen witterten das grosse Geschäft und halfen den Auswanderungswilligen mit ihrem Vorhaben. Die meisten Emigranten kamen aus ländlichen und Bergregionen.

Mehr als 10'000 Einwanderer aus der Schweiz wurden 1872 in Argentinien gezählt. Diese Zahl stieg bis 1890 auf 30'000, zwei Drittel davon waren Walliser. Das Schweizer Fernsehen zeigte 2013 einen Dokumentarfilm zu den Auswanderern aus dem Wallis, welche in Argentinien Pioniere der Milchwirtschaft wurden.

Gymnastik, Schiessen und Jodeln

Die Neuankömmlinge gründeten Siedlungen und trafen sich in Schweizerischen Gesellschaften. Diese verfolgten einerseits philanthropische Ziele, andere widmeten sich der Kultur oder dem Sport. So gab es Schiessvereine, Sportclubs und Jodelgruppen.

Die Schweizer Siedler bauten auch eigene Schulen auf und gründeten Zeitschriften, so etwa den «Courrier de la Plata» oder das «Argentinische Tagblatt». Diese informierten über das Leben in den Siedlungen, berichteten aber auch über Neuigkeiten aus der Schweiz.

Der Migrationsstrom nahm erst ab, als Argentinien 1890 von einer Wirtschaftskrise getroffen wurde. Während der 1930er-Jahre liessen sich noch 6000 Schweizer in Argentinien nieder; ein Drittel kehrte aber nach wenigen Jahren wieder in die Heimat zurück.

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