Kaderfrauen sehen Quote kritisch

Die nationalrätliche Kommission will eine Frauenquote für grosse Firmen. Fünf Unternehmerinnen sagen, was sie davon halten und was in ihrem Arbeitsalltag funktioniert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Braucht es eine Quote, damit genug Frauen an die Spitze von grossen Unternehmen gelangen? Politisch sind die ­Rollen klar verteilt: SP und Grüne sind dafür, die SVP dagegen, CVP und FDP gespalten. Jene, die dazu aus eigener Erfahrung etwas zu sagen hätten, sind dagegen oft zurückhaltender: Frauen, die selber ein Unternehmen führen oder in einem Verwaltungsrat sitzen.

Bislang gab es für sie wenig Gründe, sich in dieser Frage zu exponieren. Der ursprüngliche Vorschlag von Justiz­ministerin Simonetta Sommaruga für Frauenquoten in Unternehmen wäre kaum durchs Parlament gekommen. Doch nun liegt seit Anfang Monat ein ­abgeschwächter Vorschlag auf dem Tisch, dessen Chancen im Parlament ­einigermassen intakt sind.

Die Vorlage der nationalrätlichen Rechtskommission sieht vor, dass grosse Firmen ihre Verwaltungsräte mindestens zu 30 Prozent mit Frauen besetzen müssen. Für die Geschäftsleitungen gilt ein Wert von 20 Prozent. Erreicht eine Firma das Ziel nicht, drohen keine Sanktionen, doch muss sie sich erklären; statt von Quoten spricht man deshalb von Richtwerten. Das Gesetz wäre auf zehn Jahre beschränkt.

Was also meinen die Unternehmerinnen zur Vorlage? Bei den angefragten Frauen verhält es sich ein wenig wie bei FDP und CVP: Sie sind gespalten; mit einer Tendenz zum Nein.

Karin Lenzlinger, Inhaberin und Verwaltungsratsdelegierte der Industriefirma Lenzlinger Söhne, ist gegen Richtwerte. «Einerseits aus subjektiven Gründen», sagt sie: «Ich will keine Quote sein.» Andererseits drohe das Ganze zu einer reinen Alibiübung zu verkommen. Schon heute müssten Firmen vieles dokumentieren, etwa im Risk-Bereich. «Das führt nur dazu, dass man sich aus einer Sammlung von Floskeln bedient.»

Auch Nicole Burth, Chefin von Adecco Schweiz, kritisiert die Vorlage. «Wenn sich die Kultur in den Unternehmen nicht ändert, ist das einzige Resultat mehr Administration.» Viel effektiver sei es, wenn sich eine Firma selber Ziele setze: «Zum Beispiel verlangen wir bei jeder freien Stelle, dass unter den Bewerbern mindestens eine Frau ist.»

Lenzlinger führt einen weiteren Punkt an, der gegen Quoten spreche. «Es ist nicht immer einfach, Frauen für Positionen in einem Verwaltungsrat zu gewinnen», sagt sie. «Teils, weils sie an ihren Fähigkeiten zweifeln – aber auch, weil sie sich eher bitten lassen, während die Männer um solche Positionen kämpfen.» Das hänge wohl auch damit zusammen, dass sich Männer noch immer eher durch den Beruf definierten, während Frauen die Familie oft ebenso wichtig sei. Dazu kämen strukturelle Probleme, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschwerten.

«Wenn es das braucht, damit die Firmen mehr gemischte Teams haben, kann ich das akzeptieren.» Franziska Tschudi Sauber

Das Problem stecke oft auch in den Köpfen, sagt Headhunterin Esther-­Mirjam de Boer, die mit ihrem Unternehmen Get Diversity Frauen in Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen vermittelt. «Wenn man als Mutter eine Führungsposition hat, heisst es schnell: Die armen Kinder sehen ihr Mami gar nie.»

Franziska Tschudi Sauber ist ebenfalls keine Freundin von Quoten. Auch nicht von Richtwerten. Dennoch sagt die ­Geschäftsführerin der Wicor-Gruppe zur Vorlage: «Wenn es das braucht, damit die Firmen mehr gemischte Teams haben, kann ich das akzeptieren.»

Tina Habicht geht es ähnlich. Die Chefin der Geschenkladenkette Cachet spricht sich für die Richtwerte aus, «damit wir einen Schritt vorwärtskommen». Dem Bürokratieargument mag sie nicht zustimmen. «Der Aufwand ist begrenzt. Und es müssen sich nur jene Firmen erklären, die den Frauenanteil nicht erfüllen», sagt sie. Gerade grosse Unternehmen hätten auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

In einem Punkt sind sich Quoten­befürworterinnen und -gegnerinnen einig: Noch bleibe viel zu tun, bis Frauen in Spitzenpositionen angemessen vertreten seien. Unternehmerin Lenzlinger erwähnt ein Beispiel: Ihre Firma musste eine Position im Verwaltungsrat neu besetzen. «Dem Headhunter sagten wir, wir bevorzugten eine Frau.» Am Ende präsentierte dieser dem Verwaltungsrat eine Liste mit 40 Namen, darunter zwei Frauen. «Für die nächste Vakanz wechselten wir den Headhunter – und siehe da: Plötzlich war es möglich, eine Liste nur mit Kandidatinnen zu erhalten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2017, 22:10 Uhr

Artikel zum Thema

Frauenquote in den Chefetagen hat gute Chancen – dank FDP

Ein Kompromiss soll dem umstrittenen Vorschlag des Bundesrats eine Mehrheit verschaffen. Mehr...

Rekord bei Frauenquote in Schweizer Chefetagen

Zwar ist jedes fünfte neue Mitglied in einer Schweizer Geschäftsleitung eine Frau. In den Verwaltungsräten verharrt die Quote aber weiterhin auf tiefem Niveau. Mehr...

Sogar die SP kritisiert die Frauenquote

Der Vorschlag des Bundesrates fällt bei Wirtschaft und Parteien durch. Den Sozialdemokraten geht die Quote zu wenig weit. Mehr...

Frauen in der Chefetage

Bei den 100 grössten Arbeitgebern in der Schweiz sind Frauen noch immer rar, zumindest in Geschäftsleitungen: Dort machen sie 2016 lediglich 8 Prozent aus. Vor 10 Jahren waren es 4 Prozent. In den Verwaltungsräten ist der Anteil seit 2010 von 10 auf 17 Prozent gestiegen, wie es im Schillingreport des Headhunters Guido Schilling heisst. Bei den Neubesetzungen der Geschäftsleitungen machten Frauen im letzten Jahr 21 Prozent aus; im Jahr davor waren es nur 4 Prozent gewesen. Bei den Verwaltungsrätinnen waren es ebenfalls 21 Prozent, gegenüber 16 Prozent im Vorjahr. (Red)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare