Jodeln für die Welt

Die Schweiz will den Schutz der Fasnacht und des Uhrmacherhandwerks als immaterielles Kulturerbe international verankern.

Der Lawinenschutz auf dem Männlichen ob Wengen – auch ein Teil unseres Kulturerbes. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Der Lawinenschutz auf dem Männlichen ob Wengen – auch ein Teil unseres Kulturerbes. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Keine Frage, Jodeln ist ein schönes Brauchtum. Die Fasnacht in Basel eindrücklich. Und wie wir in der Schweiz gelernt haben, mit der beständigen Lawinengefahr umzugehen, ist bemerkenswert. Es sind drei der acht Traditionen, die der Bund in die weltweite Liste des immateriellen Kultur­erbes aufnehmen lassen will. Bundesrat Alain Berset sprach von einem «mutigen und innovativen Entscheid». Tatsächlich?

Besagte Liste hat nichts zu tun mit dem bekannteren Unesco-Welterbe, das etwa tausend Kultur- und Naturdenkmäler in 161 Ländern umfasst. Darunter die Pyramiden von Gizeh und das australische Great Barrier Reef, in der Schweiz die Burgen von Bellinzona und die Weinterrassen im Lavaux. Nein, es geht darum, «nicht greifbare» Menschheitsschätze – also kulturelle Ausdrucksformen wie etwa die chinesische Kalligrafie oder die ­türkische Kaffeezubereitung – zu bewahren. Sollten sie bedroht sein, so die Idee, kann ein betroffener Staat bei den Vertragspartnern um finanzielle Unterstützung für deren Schutz bitten. So wurde es zu Beginn des Jahrtausends in einem Unesco-Abkommen festgeschrieben, das inzwischen von über 150 Staaten ratifiziert ist. Zu den Unterzeichnern (und damit zu den Zahlenden) gehört auch die Schweiz. Begreiflich, wenn auch wir nun ein paar unserer kulturellen Errungenschaften für die Liste vorschlagen. Was wäre die Menschheit ohne Uhrmacherhandwerk und Alpsaison?

Wieso nicht das Fondue?

Zu diskutieren bleibt, welche unserer Traditionen spezielle Beachtung verdienen. Als Entscheidungsgrundlage hat dem Bund das Verzeichnis «Lebendige Traditionen» gedient, ein bestehendes Inventar des helvetischen Brauchtums. Insgesamt 167 kulturelle Ausdrucksformen werden dort gewürdigt: Der Zibelemärit in Bern, die Glarner Landsgemeinde, die Räbeliechtli-Umzüge im Kanton Zürich gehören dazu, das Jassen auch, sogar das Fondue.

Folgendes wurde neben den bereits erwähnten Bräuchen ausgewählt: das Schweizer Grafikdesign, die historischen Prozessionen in Mendrisio und das Winzerfest in Vevey. Je eine kulturelle Errungenschaft pro Jahr wird der Unesco künftig zur Aufnahme vorgeschlagen, heisst es in Bern. Die Reihenfolge wird vom Stand der Projekte abhängig gemacht. Wer die möglichen Anwärter durchgeht, kommt leicht auf den Verdacht, dass föderalistisch vorgegangen wurde: ein bisschen deutsche, französische und italienische Schweiz; je ein wenig städtische und ländliche, mittelländische und alpine Kultur. Mutig ist anders – auch wenn es die Luzerner wohl ärgert, dass die Basler Fasnacht berücksichtigt worden ist.

Es mag sinnvoll sein, ein aussterbendes Fischer-Ritual in Mali zu schützen – für Schweizer Bräuche ist die Übung eher zweifelhaft. Das immaterielle Kulturerbe umfasst inzwischen über 300 Schätze und wächst und wächst, womit jeder einzelne Schatz zunehmend an Bedeutung verliert. Zudem käme es bei anderen Staaten wohl ziemlich schlecht an, wenn ausgerechnet die reiche Schweiz anklopfen und um Geld bitten würde. Und sollte das Jodeln oder der Lawinenschutz tatsächlich eines Tages in Gefahr geraten, dann wäre der Umweg über internationale Instanzen etwas gar weit und gar umständlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2014, 23:43 Uhr

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