«Jemand bezog das ganze PK-Geld und verspielte es im Casino»

Muss der Steuerzahler bluten, weil Pensionskassengeld verjubelt wird? Der Schwyzer Chefbeamte Andreas Dummermuth erhob Zahlen, hat Beispiele und sagt, warum die Kassen ihren Teil zur Misere beitragen.

Zuerst vom Schimmer der kreisenden Casino-Kugel geblendet und dann zum Staat: Das Bundeshaus mit einer Projektion eines Beleuchtungskünstlers. (Archivbild, Oktober 2013)

Zuerst vom Schimmer der kreisenden Casino-Kugel geblendet und dann zum Staat: Das Bundeshaus mit einer Projektion eines Beleuchtungskünstlers. (Archivbild, Oktober 2013)

(Bild: Keystone)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

622 Personen haben sich im Kanton Schwyz im Jahr 2012 für Ergänzungsleistungen angemeldet. Knapp ein Viertel von ihnen liess sich zuvor Kapital von der Pensionskasse auszahlen. Waren Sie vom Resultat der Erhebung überrascht?
Nein, wir haben das schon vermutet. Aber natürlich braucht es jetzt noch umfassendere Daten. In zehn Kantonen laufen derzeit Erhebungen, Ende Jahr sollten die Resultate da sein. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich die Situation gesamtschweizerisch ähnlich darstellt.

Der Bundesrat will Kapitalbezüge aus der Pensionskasse verbieten. Halten Sie das für das richtige Mittel?
In den letzten fünf Jahren sind die Ausgaben für Ergänzungsleistungen gesamtschweizerisch von 3,9 Milliarden auf 4,5 Milliarden Franken gestiegen. Ein riesiger Zuwachs, für den der Steuerzahler aufkommen muss. Da stellt sich schon die Frage: Warum haben wir denn eine obligatorische zweite Säule, wenn nicht zur Vorsorge? Deshalb finde ich den Vorschlag des Bundesrats richtig.

Wo liegen die Gründe für den vermehrten Bezug von Ergänzungsleistungen?
Unter anderem in der demografischen Entwicklung und der Langlebigkeit der Bevölkerung. Wir haben in der Schweiz immer mehr ältere und auch immer mehr pflegebedürftige Personen. Was in der ganzen Diskussion zudem viel zu wenig beachtet wird, ist die Rolle der Pensionskassen: Ich denke, sie haben ein Interesse daran, den Leuten Kapital statt einer Rente auszuzahlen.

Wie meinen Sie das?
Man kann überall lesen, dass die Pensionskassen Schwierigkeiten haben, ihr Kapital irgendwo anzulegen. Dazu kommt ein zweites Problem: Wenn die Pensionskasse eine Rente auszahlt, muss sie dies bis ans Lebensende der betreffenden Person tun. Bei der heutigen Langlebigkeit ist das ein Risiko. Wenn eine Pensionskasse aber sagt: «Hier hast du dein Vorsorgekapital», hat sie danach keine Verpflichtungen mehr. Sie muss sich nicht mehr darum kümmern, ob sie den Ertrag generieren kann und sie trägt das Risiko der Langlebigkeit nicht. Die Pensionskassen übertragen das Risiko des Kapitalertrags auf den Einzelnen – der es dann sinnvoll anlegen muss.

Also sind die Pensionskassen mitschuldig, wenn Gelder missbraucht und danach Ergänzungsleistungen bezogen werden müssen?
Von Schuld oder Missbrauch möchte ich nicht sprechen, es handelt sich vielmehr um einen Systemfehler. Aber ich glaube, dass Kapitalauszahlungen einen falschen Anreiz für Pensionskassen darstellen. Es erstaunt mich deshalb nicht, dass die Pensionskassenlobby gegen das Vorgehen des Bundesrats ist.

Aber letztlich wird ja niemand dazu gezwungen, sich Geld aus der Pensionskasse auszahlen zu lassen.
Ja, das stimmt. Und viele Leute regen sich über das Vorgehen des Bundesrats auf; das sei doch ihr Geld und ihre Freiheit, sagen sie. Wer Freiheit möchte, muss auch Verantwortung für sein Alterskapital übernehmen: Wenn jemand Geld bezieht, ausgibt und danach via Ergänzungsleistungen den Steuerzahler einspringen lässt, finde ich das problematisch.

Gab es solche Fälle im Kanton Schwyz?
Ja, wir hatten mehrere Fälle aus allen möglichen Einkommensschichten. Besonders krass: Eine Person bezog das ganze Pensionskassengeld und verspielte es im Casino. Zwei Personen liessen sich innerhalb eines Tages das Kapital auszahlen, meldeten sich dann eine Woche später bei uns und sagten, sie hätten kein Geld mehr. Was mich besonders stört: Überall gibt es in den Kantonen Sparpakete und Sparmassnahmen. Aber wenn man intelligent sparen will, muss man doch dort sparen, wo man unnötige Leistungen erbringt. Ergänzungsleistungen an Personen auszurichten, die eigentlich einmal über ein hohes Alterskapital verfügt haben, ist sozialpolitisch unnötig und finanzpolitisch ein Desaster.

Leiden darunter nur die Kantone?
Nein, auch die Arbeitgeber. Diese sind dazu verpflichtet, mindestens 50 Prozent des Pensionskassenbeitrags ihrer Angestellten zu erbringen. Weil Arbeitgeber und Arbeitnehmer einmal beschlossen haben, sich gemeinsam um die Altersvorsorge zu kümmern. Was derzeit läuft, darf deshalb auch den Arbeitgebern nicht egal sein. Mit ihren Steuern finanzieren die Firmen Ergänzungsleistungen, obwohl sie schon einen Beitrag zu den Pensionskassen geleistet haben. Ich finde, eine zweite Säule, die nicht für die Altersvorsorge verwendet wird, ist keine zweite Säule.

DerBund.ch/Newsnet

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