«Ich muss lernen, mehr Vertrauen zu schenken»

Grünliberalen-Chef Martin Bäumle sagt, dass er nach seinem Herzinfarkt mehr delegieren, an seinen Mandaten aber festhalten will.

«Meine Arbeit macht sehr viel Spass»: Martin Bäumle will die GLP in den Wahlkampf 2015 führen. Foto: Manuel Zingg (Ex-Press)

«Meine Arbeit macht sehr viel Spass»: Martin Bäumle will die GLP in den Wahlkampf 2015 führen. Foto: Manuel Zingg (Ex-Press)

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Sie sagten schon nach Ihrem Schwächeanfall vor zwei Jahren, Sie wollten sich künftig schonen. Diesen März hatten Sie einen Herzinfarkt – und sagen jetzt wieder dasselbe...
Diesmal wird es definitiv anders. Meine Probleme vor zwei Jahren waren psychosomatischer Natur; ich wog mich darum in falscher Sicherheit. Jetzt werde ich darauf achten, mir gezielt Ruhe- oasen frei zu halten und nicht mehr 24 Stunden lang erreichbar zu sein.

Benötigen Sie auch medizinische Massnahmen?
Ich befinde mich immer noch in ambulanter Reha, und ich muss jetzt vielleicht mein Leben lang Medikamente nehmen. Achten muss ich auch auf meinen Cholesterinspiegel; da gibt es eine erbbedingte Schwäche, wie ich erst jetzt weiss. Ich werde meine Ernährung anpassen, und ich will regelmässiger Sport treiben. Ich muss auch lernen, auf persönliche Angriffe gelassener zu reagieren, und ich möchte mehr Vertrauen schenken können und Aufgaben delegieren.

Ihre Mandate allerdings wollen Sie allesamt behalten. Weshalb verzichten Sie nicht auf eines?
Meine Ärzte haben mir versichert, dass nicht die Zahl der Mandate entscheidend ist. Es wäre im Gegenteil vielleicht ein Fehler, auf eine Tätigkeit zu verzichten, die einem Spass macht und Erfüllung gibt.

Sie sind unter anderem Parteipräsident, Nationalrat, Mitglied der Umweltkommission, Stadtrat von Dübendorf. Das macht alles unverzichtbar viel Spass?
Ich schliesse mittelfristig eine Veränderung nicht aus. Aber ich habe immer gesagt, dass ich die Grünliberalen in den Wahlkampf 2015 führen möchte, und das Nationalratsmandat ist eng mit dem Amt des Parteichefs verknüpft. Sie haben aber recht, meine Arbeit in der Umweltkommission macht sehr viel Spass. Ich träume seit meiner Kindheit von der Energiewende. Und dass mich die Wählerinnen und Wähler von Dübendorf vor ein paar Tagen glanzvoll als Stadtrat bestätigten, ist für mich eine grosse Ehre.

Auch Ihre Partei hat bei den letzten Kantonalwahlen kräftig zulegen können, vor allem in Bern. Mit anderen Mitteparteien geht es abwärts. Was machen Sie besser?
Ich persönlich? Null. Der Erfolg in Bern ist das Verdienst der dortigen Kantonalsektion, eine tolle Leistung von Nationalrat Jürg Grossen, seinem Co-Präsidium und dem ganzen Team. Ich hatte damit nichts zu tun.

In erster Linie hat aber doch die Marke «grünliberal» bei den Wählern wieder einmal eingeschlagen, meinen Sie nicht?
Es stimmt, dass uns unsere ökologische Haltung zusammen mit unseren wirtschafts- und gesellschaftsliberalen Positionen ein klares Profil gibt. Anders als die BDP oder die FDP meinen wir es ernst mit dem Umweltschutz und lehnen darum auch den zweiten Strassentunnel am Gotthard ab.

Die BDP ist in Bern abgestürzt. Die Stimmen der Grünliberalen könnten entscheiden, ob BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf 2015 die Wiederwahl schafft. Bekommt sie diese, wenn ihre Partei so verliert?
Wir sollten aus diesem einen Wahl­wochenende noch keinen allgemeinen Trend konstruieren. Die BDP gewann in Bern vor vier Jahren sensationell hoch; diesmal hat sie überraschend deutlich verloren.

Aber wenn es doch so weitergeht wie am Wochenende? Sie haben die Legitimation von Widmer-Schlumpf in der Vergangenheit schon offen infrage gestellt.
Ich wies darauf hin, dass rechnerisch sowohl die BDP als auch die FDP im Bundesrat übervertreten sind. Es ist also nicht an diesen Parteien, bei den Bundesratswahlen irgendwelche hochtrabenden Forderungen und Bedingungen zu formulieren. Es wäre aber verfrüht, jetzt schon über 2015 zu sprechen.

Sprechen wir über die jüngsten Exekutivwahlen, beispielsweise in Zürich. Bei Regierungskandidaturen ist Ihr Personal oft chancenlos. Starke Marke, schwache Köpfe?
Nein, ich glaube eher, es dauert zuweilen etwas länger, bis man einer jungen Partei Regierungsverantwortung übertragen will. In Zürich war auch die Konstellation sehr ungünstig. Wir wurden dort quasi zwischen dem Links- und dem Rechtsblock zerrieben.

Aber warum sind Sie immer noch der einzige Parteiexponent, den man öffentlich wahrnimmt?
Ich teile Ihre Einschätzung nicht. Wir haben aber zugegebenermassen oft Hemmungen, uns zu verkaufen, ja. Häufig wollen sich unsere Leute öffentlich nur äussern, wenn sie zu 100 Prozent über ein Thema Bescheid wissen oder eine Doktorarbeit dazu verfasst haben. Dabei nehmen die meisten Politiker schon mit 20-prozentigen Kenntnissen Stellung.

Bleiben Sie Parteipräsident, weil Sie keinen valablen Nachfolger sehen?
Wissen Sie, jeder ist ersetzbar. Aber ich würde nicht weitermachen, wenn ich in der Partei kein Bedürfnis hierfür spürte.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.04.2014, 00:01 Uhr

Martin Bäumle

Politiker und Ex-Unternehmer

Als 2004 ein Richtungsstreit die Zürcher Grünen entzweite, führte Bäumle den liberalen Flügel der Partei an. Zusammen mit gleichgesinnten Parteikollegen gründete er die Grünliberalen, die er fortan präsidierte. Seit 1998 ist Bäumle, der demnächst 50 Jahre alt wird, Finanzvorsteher von Dübendorf, seit 2003 zudem Nationalrat. Er hat an der ETH Chemie studiert und danach postgradual Atmosphärenwissenschaft. Danach führte er bis 2007 ein eigenes Unternehmen für Luftschadstoff-Messungen. (TA)

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