«Ich bin schockiert»

Wegen eines Asylzentrums spürte Barbara Bär den Zorn des Volkes. Jetzt sagt die Urner Regierungsrätin, was sie gestern Abend empfand.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Die Szene ist exemplarisch für diesen missglückten Abend: Ein aufgebrachter Mann lehnt sich nach vorne und gestikuliert. Hinter dem Tisch sitzt Barbara Bär, lacht lautlos und schüttelt leicht den Kopf. «Ich bin schockiert», sagt sie am Tag danach. Am Donnerstagabend war die Urner FDP-Regierungsrätin gemeinsam mit Kantons­vertretern nach Seelisberg gekommen, um über die geplante Unterkunft von Asylbewerbern in einem leer stehenden Hotel zu informieren. Dazu kam es nicht. «Die Situation ist nach 10 Minuten eskaliert, und mir wurde das Wort abgeschnitten», sagt Bär, verheiratet, drei erwachsene Kinder, Sozial-, Gesundheits- und Umweltdirektorin. Ein «Strauss» an Aufgaben.

Ohren zu, Mund auf

Seelisberg über dem Vierwaldstättersee: 700 Einwohner und ein einmaliger Blick aufs Rütli. Die Dorfbewohner hatten Anfang Juli per Infoblatt erfahren, dass das Hotel Löwen im Zentrum ab September als Asylunterkunft für maximal 60 Personen genutzt wird. «Dass nur 5 bis 10 Personen auf einmal kommen, konnten wir gar nicht mitteilen», sagt Bär. Auch dass eventuell weniger als 60 Personen kommen, wollte niemand hören. Ein genervter Schulrat hielt sich laut «Blick» im Laufe der kurzen Veranstaltung einmal die Ohren zu.

Andere machten den Mund auf: «Ich bedaure, dass die Regierungsrätin anscheinend nicht gelernt hat, sensibel und behutsam mit uns Einheimischen umzugehen», sagte jemand. Es war nicht der einzige Angriff. Die Beleidigungen seien «persönlich» und «sehr verletzend» gewesen, sagt Bär. Zu Wort kam sie an diesem Abend nicht mehr. Nach und nach verliessen viele der mehr als 400 Anwesenden die Veranstaltung, bevor sie richtig begonnen hatte.

Yogi-Bären

Gemeindepräsident Karl Huser-Lüönd hätte eigentlich auch zu seinen Mitbürgern sprechen sollen, doch am Donnerstagmorgen teilte er Bär mit, dass er nicht auf dem Podium sein werde. Die 59-Jährige wurde zum Blitzableiter. Sie habe durchaus Verständnis für die Ängste der Bevölkerung, sagt Bär. «Aber ich habe mehr Anstand erwartet.» Man werde nun gemeinsam einen runden Tisch bilden und nach vernünftigen Lösungen suchen.

Es ist nicht das erste Mal, dass man sich in Seelisberg emotional mit dem Thema Ausländer auseinandersetzt. In den 70er-Jahren kamen die Anhänger des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Noch heute bieten sie dort Ayurveda-Behandlungen an. Damals befürchtete das Tourismusdorf, dass man beim Wort Seelisberg nur noch an «Yogi-Bären» denke. Auch nun haben viele Bewohner Angst, dass der Tourismus im Dorf leiden wird.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Barbara Bär eine Gemeinde über ein Asylzentrum informiert. 2013 in Realp lief es allerdings besser. «Auch diese Veranstaltung war sehr gut besucht. Aber die Dorfbewohner haben Fragen gestellt», sagt Bär. «Und sie wollten die Antworten hören.»

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