«Ich ärgere mich mindestens so oft wie einst beim Tagi»

SRG-Generaldirektor Roger de Weck hat hohe Ansprüche ans Programm. Und er sagt, die Abgabe für Radio und Fernsehen werde in den nächsten Jahren nicht steigen.

SRG-Generaldirektor Roger de Weck: «Vier Jahre sind zu wenig, um schon Bilanz zu ziehen.» Foto: Reto Oeschger

SRG-Generaldirektor Roger de Weck: «Vier Jahre sind zu wenig, um schon Bilanz zu ziehen.» Foto: Reto Oeschger

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Am 14. Juni stimmt das Volk über die neue Radio- und TV-Gebühr ab. Sind Sie froh darüber?
Ja, klar! Erstmals in der Mediengeschichte entscheidet es, wie die SRG und 34 Regionalsender finanziert werden.

Haben Sie sich bei ­Gewerbeverbandsdirektor ­Hans-Ulrich Bigler schon bedankt fürs Ergreifen des Referendums?
Jetzt ist die Gelegenheit: merci, Herr ­Direktor!

Künftig soll jeder Haushalt gleich viel bezahlen . . .
. . . Einspruch, Euer Ehren: Wer im Altersheim oder Studentenhaus wohnt, zahlt künftig nichts mehr. Wer ohne Empfangsgerät auskommt, zahlt fünf Jahre gar nichts. Wer Ergänzungsleistungen zur AHV oder IV bezieht, zahlt auch nichts.

Die grosse Mehrheit der Haushalte muss aber – egal ob arm oder reich – für eine öffentliche Aufgabe gleich viel zahlen. Hätten Sie sich vor Ihrer Zeit als SRG-Generaldirektor vorstellen können, für eine Art Kopfsteuer zu plädieren?
Es ist keine Steuer. Die wäre teurer. Die Kantone würden 17 Prozent der Steuer behalten, die sie für den Bund einziehen. Die vom Bundesrat beauftragte Billag behält jetzt 4,5 Prozent und künftig weniger, zumal es keine Billag-Inspektoren mehr gibt.

Zentral ist doch, dass arme und reiche Haushalte gleich stark zur Kasse gebeten werden. Finden Sie das gerecht?
Eine einkommensabhängige Gebühr? Klingt gut, klingt aber nach Steuer. Und eine Steuer wäre schrecklich! Ein guter Kollege, Chef eines steuerfinanzierten Rundfunks, musste vor der Finanzkommission seines Parlaments antraben und sich letztlich für kritische TV-Sendungen rechtfertigen. Das wäre Staatsfern­sehen, mir graut davor. Kein Service ­public ist so staatsfern wie die SRG.

Solche Einflussnahmen liessen sich gesetzlich ausschliessen. Ganz unabhängig ist freilich auch die SRG nicht, legt doch der Bundesrat die Gebührenhöhe fest.
Ehrlich gestanden, als Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» erfuhr ich mehr Druck als jetzt.

In den letzten 25 Jahren haben sich die Gebühren nahezu verdoppelt. Was gibt den Stimmenden die Sicherheit, dass sie 2040 nicht wiederum das Doppelte zahlen müssen?
Die letzte markante Erhöhung zugunsten der SRG liegt zwei Jahrzehnte zurück. Zuletzt wurde die Gebühr 2003 und 2007 erhöht, um sozial schwächere Mitbürger zu entlasten und Lokalsender zu fördern. All das eingerechnet, ist seit 1994 die Gebühr real um 13 Prozent gestiegen, was etwa der Teuerung entspricht. Und jetzt sinkt die Gebühr – laut Bundesrat – von 460 auf rund 400 Franken. Wann hat es das je gegeben, dass eine Abgabe sinkt!

Und wann kommt der nächste Anstieg?
Auf absehbare Zeit kategorisch nicht.

Dürfen wir daraus schliessen, dass Sie während Ihrer Amtszeit keinen Erhöhungsantrag stellen werden?
Ja, so weit mein gesundes Auge reicht. Ausser es ereilt uns Ungeahntes, zum Beispiel eine plötzliche Inflation.

Wie haben Sie es ­geschafft, beim Radio- und TV-Gesetz fast alle Kritiker umzustimmen und in Ihr Boot zu holen – etwa die Verleger und Economiesuisse?
Die SRG hat keine Sekunde mitgewirkt am Erarbeiten dieses Gesetzes, das übrigens ihre Einnahmen eher mindert. Schluss mit Legenden!

Sie spannten eine PR-Firma ein.
Das ist Ihr Lieblingsthema. Beim Amtsantritt 2011 stellte ich verblüfft fest: Die angebliche Lobbymaschine SRG weiss manchmal gar nicht, welche Dossiers in Bundesbern anstehen, seit der politikerfahrene Daniel Eckmann in Pension gegangen ist. Bundesbern ist wie das Rädchenwerk einer Uhr, so holte ich den Rat professioneller ­Uhrenarbeiter der Agentur Furrer Hugi. Sie haben ein Mandat, das wir schon 2011 offengelegt haben.

Die beobachten doch nicht nur. Furrer Hugi spricht auch mit Politikern. Oder etwa nicht?
Kennen Sie einen Lobbyisten, der die Parlamentarier beschweigt?

Eben. Finden Sie es denn richtig, dass die mit öffentlichen Geldern finanzierte SRG eine PR-Firma engagiert?
Wir erzielen gut 25 Prozent kommerzielle Einnahmen. Ohnehin ist es ein Schweizer Trumpf, anstelle von Behörden einen unternehmerischen Service public zu haben: Von SBB, Post, Swisscom und SRG wird erwartet, dass sie unternehmerisch handeln. Dazu gehört, die Rahmenbedingungen nicht ausser Acht zu lassen. Für die SRG-Sender ist die ­Information über die kommende Volksabstimmung heikel, da sie Partei sind. Haben Sie spezielle Vorgaben erlassen, wie damit ­umzugehen ist?
Das ist unnötig. Die Redaktionen arbeiten unabhängig, da ist eine Firewall.

Aber die Redaktionen sind doch nicht unbefangen. Sie wissen ja, woher ihr Geld kommt.
Von professionellen Journalisten erwarten Sie und ich, dass sie jedes Thema souverän zu behandeln wissen. Dies stellen unsere Redaktorinnen und Moderatoren unter Beweis.

Auf der Website der SRG hingegen werden nur Argumente der Befürworter aufgeführt. Jene der Gegner fehlen.
Muss ich jetzt den Unterschied zwischen Journalismus und Unternehmensmitteilungen erklären?

Nein, nicht nötig. Ihrer ­Ansicht nach dürfen also ­Mitteilungen eines öffentlich ­finanzierten ­Unternehmens einseitig sein?
Wer zahlt, befiehlt zu schweigen? Nein. Bei der Vernehmlassung des Radio- und Fernsehgesetzes wurde die SRG einge­laden, Stellung zu nehmen. Seither ­vertritt sie ehrlich und sachlich ihre ­Meinung.

Dann finden Sie es auch ­richtig, dass sich die ­SRG-Regionalvereine für ein Ja ins Zeug legen?
Diese haben die statutarische Aufgabe, «die öffentliche Debatte über den Service public zu führen». Wer wollte rund 23'000 SRG-Vereinsmitgliedern anordnen: «Seid still!» Podiumsdiskussionen zu veranstalten, ist eine direktdemokratische Tradition.

Sie rechtfertigen die Abgabe mit dem Service public. Lässt sich damit alles rechtfertigen? Auch «Glanz & Gloria»?
Als Spross des lebenslustigen Freiburger Katholizismus wundere ich mich: Warum wollen Kritiker alles, was Spass macht, aus dem Service public verbannen? «Musikantenstadl» und «Sternstunde Philosophie» – ich geniesse ­beides. Um das breite Publikum zu erreichen, kommt es im Journalismus immer auf die Mischung an.

Und diese Mischung stimmt?
Im Gegensatz zu Kommerzkanälen ist unsere Mischung nicht einzig nach­fragebestimmt, sondern stark auftragsbestimmt. RTL strahlt kein Wissenschafts- oder Kulturmagazin, keine anspruchsvollen Dokumentarfilme, keine Sendung mit Behinderten zur besten Sendezeit aus.

Ihre Newsportale im Internet machen privaten Medienhäusern zu schaffen. Mit Ihrem Gratisauftritt erschweren Sie, für Informationen im Internet Geld zu verlangen. Laut Verfassung müssten Sie aber Rücksicht nehmen auf die Presse. Kümmert Sie das nicht?
Auftragsgemäss konzentrieren wir uns auf Bild und Ton. Es wäre aber Verschwendung, kostspielige Audios und Videos nicht auch im Internet zu verbreiten. Vereinzelt finden sie dort mehr Publikum als in den Kanälen.

Dafür würde eine Mediathek reichen, wie sie das ZDF kennt.
Auch das ZDF bringt Textnachrichten, denn das Internet verknüpft Bild, Ton und Text. Unser Effort gilt dem Audiovisuellen. Wir haben einen Bruchteil der Mittel unserer audiovisuellen Wettbewerber, sodass wir nicht im Traum daran denken, auch noch Zeitung zu machen.

Und die Rücksicht auf die Verleger?
Die SRG ist weder das Problem noch die Lösung. In den USA hat der Public Broadcasting Service gut ein Prozent Marktanteil: Geht es den Verlegern dort besser? Eher schlechter. Das Problem privater Medienhäuser ist ein anderes: die Scheidung eines uralten Paars – Werbung und Information. Früher brauchte die Werbung Zeitung, Radio und TV als Vehikel, um ihr Publikum zu finden. Heute findet Werbung ihr Zielpublikum zusehends auf Plattformen wie Google.

Wann öffnet die SRG ihre ­Internetportale für Werbung?
Der Bundesrat hat das 2010 grundsätzlich befürwortet.

Wann ist es soweit? Nach der ­Volksabstimmung?
Das würde mich bass erstaunen. Keine Ahnung, fragen Sie den Regierungssprecher! Um einen relevanten Anteil am Internet-Werbemarkt zu erzielen, sollten die Schweizer Medien zusammenspannen, einschliesslich SRG: Allein fehlt jedem von uns die erforderliche Masse an Nutzern gegenüber Facebook mit 3,4 Millionen Profilen in der Schweiz und Google mit 5 Millionen Nutzern.

Wenn Sie auf Ihre ersten vier Jahre als SRG-Generaldirektor zurückblicken: Was ist Ihnen besonders gut gelungen? Was würden Sie heute anders machen?
Vier Jahre sind zu wenig, um schon Bilanz zu ziehen. Mir sind ein paar Schraubendrehungen gelungen.

Auf welche Schraubendrehung sind Sie denn am meisten stolz?
Mehr Mittel fürs Angebot, weniger fürs Administrative. Und trotz dem teuren digitalen Umbruch stabile Technologiekosten dank Standardisierung.

Wie steht es mit dem Programm? Sind Sie zufrieden, wenn Sie die SRG-Sendungen schauen und hören?
Am Tag, an dem ich zufrieden wäre, müsste ich meinen Stuhl räumen. Ich ­ärgere mich mindestens so oft wie einst beim Tagi (lacht).

Worüber vor allem?
Sendekritik mache ich ab und zu – auf Einladung der SRF-Redaktionen und nicht in Ihrer geschätzten Zeitung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2015, 15:59 Uhr

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Roger de Weck

Journalist wird Generaldirektor

Der 61-jährige Freiburger ist perfekt zweisprachig. Als Journalist schrieb er etwa für die «Tribune de Genève» und die «Weltwoche». Von 1992 bis 1997 war er Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», danach in derselben Funktion bei der «Zeit». Seit 2011 führt er die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) als Generaldirektor.

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