Hochwassergefahr für AKW erneut auf dem Prüfstand

Die AKW in der Schweiz seien auch bei Extremhochwassern sicher. Dies betont das Ensi nicht zum ersten Mal. Eine grundlegende Untersuchung fehlt aber weiterhin.

AKW Mühleberg: Wie sicher ist es bei Extremhochwasser? Foto: Béatrice Devènes

AKW Mühleberg: Wie sicher ist es bei Extremhochwasser? Foto: Béatrice Devènes

Simon Thönen@SimonThoenen

«Schweizer Kernkraftwerke sind aus­reichend gegen Hochwasser geschützt.» Diese beruhigende Botschaft verkündete das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) gestern aufgrund von «aktualisierten Sicherheitsanalysen zur Hochwassergefährdung», welche die AKW-Betreiber verfasst und das Ensi geprüft haben. Sie wurde mit einem zweidimensionalen Flutmodell durchgeführt, das laut Ensi «auf dem neuesten Stand der Wissenschaft» ist. Untersucht wurde, ob die Sicherheit auch gewährleistet wäre, wenn das Geschiebe (Bäume, Geröll und Schwebestoffe) einer Hochwasserflut Brücken und Stauwehre bei einem AKW verstopfen sollte.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Ensi den Schweizer AKW bescheinigt, sie überstünden auch ein Extremhochwasser, ohne dass ein schwerer AKW-Unfall die Folge wäre. Bereits kurz nach Fukushima forderte das Ensi einen entsprechenden Sicherheitsnachweis von den AKW-Betreibern. Im September 2011 befand die Atomaufsicht, dass dieser erbracht sei. Die AKW durften in der Folge am Netz bleiben.

Zögerliche Transparenz

Trotz seines Persilscheins bezüglich der Hochwassergefahr liess das Ensi in der Folge weitere Untersuchungen an­stellen. Die Ensi-Befunde dazu lauteten jeweils, dass auch unter weiteren Gesichtspunkten die Hochwassersicherheit gegeben sei. So verkündete das Ensi im Februar 2013: «Kernkraftwerk Mühleberg bei Hochwasser ausreichend gegen Verklausung geschützt.» Das heisst: gegen mitgerissene Bäume und Geröll, welche sich verkeilen und die Fliessgewässer aufstauen. Unmittelbar danach, im März 2013, forderte das Ensi weitere Abklärungen für die AKW Gösgen, Beznau und erneut für Mühleberg. Ausgeklammert blieb einzig das AKW Leibstadt, weil es im Gelände deutlich erhöht über dem Rhein steht. Bei Mühleberg ging es wie zuvor um die Folgen des Flutgeschiebes. «Die neue Unter­suchung wirft ein seltsames Licht auf den damaligen Befund», findet Mühleberg-Kritiker Markus Kühni.

Anders als bei früheren Untersuchungen zur AKW-Sicherheit publizierte das Ensi diesmal aber weder den Wortlaut seiner Verfügung, welche die Unter­suchung durch die AKW-Betreiber anordnete, noch seinen Entscheid zur Untersuchung. «Das Ensi sah in den Dokumenten keinen nennenswerten Zusatznutzen für die Öffentlichkeit», begründete dies Ensi-Sprecher Sebastian Hueber. «Alle wesentlichen Informationen» seien bereits in der Mitteilung enthalten. Erst auf Anfrage des «Tages-Anzeigers» hin schaltete das Ensi am Abend seine Entscheide doch noch auf seiner Internetsite auf. Ihnen kann man entnehmen, dass das Ensi die Untersuchungen der AKW-Betreiber, die seit Dezember 2013 vorlagen, bloss «stichprobenartig überprüft» hat. Für Kritiker Kühni genügt dies nicht: «Es ist stossend, wenn das Ensi so viel Zeit zur Beurteilung braucht und dann doch nur eine stichprobenartige Überprüfung durchführt.»

Den Entscheiden ist weiter zu entnehmen, dass auch für die neue Flut­unter­suchung die Hochwasserberechnungen von 2011 verwendet wurden. Dies aber wurde bereits damals vom renommierten Klimahistoriker Christian Pfister kritisiert, weil sie historische Hochwasserkatastrophen nicht berücksichtigten. Erst zwei Jahre später setzten die Bundes­behörden eine Arbeitsgruppe ein, ­welche die Hochwasserberechnung überprüfen will – die Resultate werden aber erst in eini­gen Jahren vorliegen. Bis dahin seien einzelne Modellrechnungen wenig aus­sage­kräftig, sagt Beznau-Kritiker Heini Glauser: «Man weiss ja noch gar nicht, wie viel Wasser im Extremfall kommen könnte.»

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