Hat Skripal auch mit dem Schweizer Geheimdienst gearbeitet?

Der russische Doppelagent lieferte bis kurz vor seiner Vergiftung Informationen an den Westen. Das zeigt ein neues Buch über die «Akte Skripal».

Erst zu Lagerhaft verurteilt, dann in den Westen abgeschoben: Sergei Skripal beim Prozess in Moskau, 2006. Foto: Getty Images

Erst zu Lagerhaft verurteilt, dann in den Westen abgeschoben: Sergei Skripal beim Prozess in Moskau, 2006. Foto: Getty Images

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Es war im Sommer 2017, als der BBC-Journalist Mark Urban Sergei Skripal sehen wollte. Mehrmals war Urban mit dem ehemaligen russischen Spion Skripal schon im englischen Salisbury zusammengekommen. Dieses Mal winkte der Russe ab. Skripal sei für eine Woche in die Schweiz gereist, «wo er Gespräche mit Vertretern der Schweizer Geheimdienste führen wollte», schreibt Urban in seinem Buch «Die Akte Skripal», das heute erscheint. Wo sich Skripal in der Schweiz aufhielt und wen er traf, kann Urban gegenüber DerBund.ch/Newsnet nicht sagen. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) äussere sich nicht zu operativen Tätigkeiten, erklärt eine Sprecherin.

Am 4. März 2018 wurde auf Skripal und seine Tochter ein Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok verübt. Beide überlebten. Die britische Regierung machte Russland für den Anschlag verantwortlich, das Motiv blieb unklar. Skripal galt als harmloser Rentner. Tatsächlich hatte der 67-Jährige offenbar über 20 Jahre lang westliche Geheimdienste mit Informationen versorgt, vielleicht auch noch kurz vor dem Giftanschlag den Schweizer NDB.


Video: Die Chronik zum Fall Skripal

Ein Giftanschlag auf einen Doppelagenten, Spionage gegen die Schweiz und eine diplomatische Krise: Die Ereignisse in der Chronik.


Buchautor Urban beschreibt den ­Lebensweg eines Meisterspions, der zuletzt die Personalabteilung im Hauptquartier des russischen Militärgeheimdienstes GRU geleitet hatte. Skripal wusste also genau über Funktion und Einsatzorte seiner Kollegen Bescheid. Er wurde zwar 2000 mit erst 48 Jahren in Rente geschickt. Doch er blieb in Kontakt mit Mitarbeitern des GRU und übermittelte die so gesammelten Informationen dem Westen. Dafür wählte er den ältesten Trick der Geschichte: Er schrieb mit unsichtbarer Tinte in ein Buch, das er seinem Führungsoffizier beim britischen Auslandsgeheimdienst MI6 als Geschenk schickte.

Ruslan Boschirow soll GRU-Oberst Anatoli Tschepiga sein. Foto: Agentur

Später suchte Skripal westliche Nachrichtendienste persönlich auf. Zuerst berichtete die tschechische Wochenzeitung «Respekt» über einen Besuch Skripals 2012 in Prag, der «ein Gewinn für die hiesigen Geheimdienste» gewesen sei. Buchautor Urban schreibt von weiteren Reisen Skripals in die USA (2011), nach Tschechien und Estland (2012) und in die Schweiz (2017).

Fallschirmjäger und Boxer

Die Chronologie der Ereignisse liefert Hinweise, dass Skripal die Schweizer über laufende russische Spionagetätigkeiten informiert haben könnte. Etwa zeitgleich mit dem mutmasslichen Besuch des ehemaligen Obersts des russischen Militärgeheimdienstes richtete der Schweizer Nachrichtendienst seine Arbeit ganz auf die Abwehr russischer Spione aus. Der NDB bekam dafür ­grünes Licht von Verteidigungsminister ­­­Guy Parmelin. Ausserdem hatte die Bundesanwaltschaft kurz zuvor, im März 2017, ein Spionagestrafverfahren eingeleitet wegen einer Hackingoperation gegen die Anti-Doping-Agentur Wada. Hinter der Operation sollen russische Agenten stehen, die es auf das Atom-, Bio- und Chemiewaffenlabor Spiez abgesehen hatten.

Laut dem Magazin «Respekt» wies Tschechien von 2010 bis 2014 zehn Mitarbeiter der russischen Botschaft aus, die meisten nach 2012. Die Schweiz verweigerte später drei russischen Diplomaten die Akkreditierung. Es gibt keine Beweise, dass für die Enttarnung der Spionageoperationen Skripal verantwortlich ist. Doch der russische GRU dürfte den Ex-Mitarbeiter als grosses Problem betrachtet haben.

Sergei Skripal wurde 1951 in der sowjetischen Exklave Kaliningrad geboren, dem ehemaligen ostpreussischen Königsberg. Der leidenschaftliche Boxer besuchte die Militärakademie, wurde Fallschirmjäger und meisterte den strengen Auswahltest des GRU. Er wurde für verdeckte Operationen ausgebildet, leitete solche hinter der Front im Afghanistankrieg. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde er in den Westen geschickt und arbeitete als Kulturattaché getarnt an den russischen Botschaften auf Malta und in Spanien.

Über 20 Jahre lang versorgte Sergei Skripal westliche Geheimdienste mit Informationen.

In Madrid gelang es 1996 einem Mitarbeiter des britischen MI6, ein freundschaftliches Verhältnis zu Skripal aufzubauen und ihn umzudrehen. Skripal ging zurück nach Moskau, stieg zum Personalleiter des GRU auf, lieferte aber gleichzeitig Informationen nach London, auch noch im Ruhestand. Das ging gut, bis die Russen einen Agenten bei den Briten einschleusten. Skripal wurde in Moskau verhaftet und 2006 wegen Hochverrats zu 13 Jahren Arbeitslager verurteilt. Er musste die Strafe nicht absitzen: 2010 wurde in den USA das russische Spionagenetzwerk um Anna Chapman enttarnt. Ost und West einigten sich wie im Kalten Krieg auf einen Austausch. Chapmans Gruppe durfte nach Moskau, Skripal und drei Kollegen in den Westen. Skripal wollte nach Salisbury. 2012 starb seine Frau, kurz danach sein Sohn. Seither hat er nur noch Tochter Julia, die in Moskau lebt.

Am Samstag, 3. März 2018, flog Julia nach London, um ihren Vater zu besuchen. Vermutlich sei sie beschattet worden, glaubt Buchautor Urban. Am Tag darauf besuchte Sergei mit der Tochter das Grab seiner Frau. Das machte er jeden Sonntag so. Die Attentäter wussten vermutlich, dass sie genug Zeit hatten, die Türklinke des Skripal-Hauses mit Nowitschok zu bestreichen. Nicht eingeplant war, dass die Skripals im Restaurant Zizzi essen gingen. Kurz danach brachen sie auf einer Parkbank zusammen, wurden aber sehr schnell ins Spital gebracht. Das rettete ihr Leben.

«Touristen» unter Verdacht

Als Antwort auf den Mordversuch wies Grossbritannien noch im März dieses Jahres 23 russische Diplomaten aus, wegen Verdachts auf Spionage. Auch die USA und 22 weitere Länder entzogen russische Akkreditierungen. Die Schweiz schloss sich diesen Sanktionen nicht an.

Das Buch endet mit der Entlassung der Skripals aus dem Spital. Beide sind seither verschwunden. Ihr Haus in Salisbury steht leer. Skripal habe sich «nach dem Giftanschlag offenbar entschlossen, nicht mehr mit mir zu reden», schreibt Urban. Über die Gründe, warum Skripal 20 Jahre lang den Briten Informationen lieferte, kann der BBC-Journalist nur spekulieren. Geld dürfte eine Rolle gespielt haben, Skripal soll bei jedem Treffen mit dem MI6 mehrere Tausend Dollar erhalten haben. Möglicherweise war Enttäuschung über die Politik im Spiel. Doch Urban betont, dass Skripal stets russischer Nationalist geblieben sei.

Erst nachdem Urban sein Manuskript abgeschlossen hatte, tauchten Fotos und Namen der beiden mutmasslichen Täter auf. Vergangene Woche identifizierten die Rechercheplattformen «Bellingcat» und «The Insider» einen Mann als Anatoli Tschepiga, Oberst des GRU und Träger der Auszeichnung «Held der Russischen Föderation», die vom Staatspräsidenten vergeben wird. Nach Grossbritannien war Tschepiga unter dem Namen Ruslan Boschirow eingereist, gemeinsam mit einem Kollegen namens Alexander Petrow. Wladimir Putin bezeichnete die Verdächtigen als «Zivilisten» und «Touristen». Bislang nicht dementiert wurden Enthüllungen, dass der falsche Boschirow und sein Freund mehrmals nach Genf gereist waren, zuletzt kurz vor dem Attentat.

Warum sollten die Russen eine komplexe Operation mit einem militärischen Nervengift gewählt haben, um den Überläufer Skripal zu töten? Einerseits, weil sie es könnten und keinen Gegenschlag des Westens fürchten müssten, stellt Mark Urban fest. Andererseits, um ein Exempel zu statuieren und eine Botschaft an aktive Spione zu schicken: Wenn ihr überlauft, kann euch niemand beschützen. Wie bei der Ermordung des Überläufers Alexander Litwinenko 2006 mit dem radioaktiven Stoff Polonium, sollte Nowitschok «einen russischen Fingerabdruck hinterlassen».

Auch Wladimir Putin war Spion, er hatte im Direktorat S des KGB gearbeitet, zuständig für verdeckte Operationen. Als er später gefragt wurde, ob im Ausland lebende Verräter nicht bestraft gehörten, antwortete Putin: «Die Spezialeinheiten haben ihre eigenen Regeln, und jeder kennt diese Gesetze.»

Mark Urban: Die Akte Skripal. Der neue Spionagekrieg und Russlands langer Arm in den Westen. Droemer HC 2018. 320 S., 32.90 Fr. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.10.2018, 21:09 Uhr

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