Hanfbauer Rappaz spricht über das Sterben

Die Flamme seines Lebens sei langsam am Erlöschen, sagt der umstrittene Walliser Hanfaktivist Bernard Rappaz. Dennoch denkt er nicht daran, seinen Hungerstreik abzubrechen. Mit einem Bein stehe er bereits im Grab.

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Mit Bernard Rappaz persönlich zu sprechen, ist im Moment nicht möglich. Obwohl der inhaftierte Hanfbauer geschwächt ist, beantwortet er aber noch seine Post. So haben wir ihm unsere Fragen in einem Brief gestellt und diesen ins Spitalgefängnis des Uni-Spitals Genf geschickt. Kurz bevor Rappaz am Montag ins Berner Inselspital verlegt worden ist – wo er zwangsernährt werden soll –, hat er den Brief erhalten und noch am gleichen Tag beantwortet. Rappaz’ Antworten haben wir aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt und teilweise gekürzt.

Herr Rappaz, wie geht es Ihnen nach über 50 Tagen Hungerstreik?
Ich fühle mich wie eine Flamme, die flackert und langsam erlischt. Und auch ängstlich, seit mich Madame Thatcher (Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten) nach Bern versetzt hat.

Was sagen die Ärzte?
Die Ärzte in Genf haben ihre Arbeit gut gemacht. Sie haben eine klare Ethik und haben mich jeden Tag über die Risiken informiert. Sie haben immer gefragt, ob ich essen will. Hier in Bern habe ich Angst, dass sie die Menschenrechte nicht respektieren. Es ist, als wäre ich auf Kuba.

Haben Sie kürzlich daran gedacht, den Hungerstreik abzubrechen?
Es ist mein siebter Hungerstreik in Gefangenschaft, und ich habe bisher nie aufgehört zu hungern, bis ich frei war. Wenn ein nicht gewalttätiger Aktivist diese gefährliche Waffe einsetzt wie ein Soldat, geht er das Risiko ein, zu sterben. Dazu bin ich bereit.

Lohnt sich ein Hungerstreik? Sie schaden Ihrer Gesundheit schwer.
Für die Gerechtigkeit zu kämpfen, für das Recht der Gefangenen und die Bürger, das lohnt sich immer.

Für wen hungern Sie? Für die Gesellschaft? Oder um sich selber ein Denkmal zu setzen?
Für den gerechten Umgang mit Hanf in der Schweiz, gegen die ungerechte und kolossale Strafe, die mir die Oligarchie der Richter im Wallis auferlegt hat, für eine bessere Gesellschaft, in der der Umgang mit Hanf als Genussmittel genauso geregelt ist wie der Umgang mit den beiden schweren, aber legalen Drogen: Tabak und Alkohol. Ich will kein Monument. Meine Person ist unwichtig.

Ist Leben nicht wichtiger als Hanf?
Es ist besser, aufrecht zu sterben, als liegend zu leben. Die legale Nutzung von Hanf könnte helfen, den Planeten zu retten. Aus Hanf lässt sich Papier herstellen, Textilien und Öl. Er kann Bäume ersetzen, Baumwolle und Palmöl. Hanf hat ein enormes therapeutisches Potenzial.

Spüren Sie Unterstützung seitens der Kiffer?
Ja, ich werde unterstützt. Aber viele haben Angst vor Repressionen und bleiben deshalb unerkannt.

Sollten Sie verhungern, denken Sie, dass deshalb Cannabis legal wird?
Mein Tod ist nicht wichtig. Das ist mein Problem. Hanf wird irgendwann legal werden, so wie er in der Vergangenheit legal war.

Für Ihre Freunde, Ihre Familie und auch für das Pflegepersonal muss es hart sein, Sie sterben zu sehen. Denken Sie nicht an Ihre Mitmenschen?
Jeder europäische Soldat, der nach Afghanistan in den Krieg zieht, nimmt das Risiko auf sich, dass er seine Frau, seine Kinder, seine Familie nicht mehr sehen wird. Wenn man mich zwangsernährt, verlängert das nur die Qual. Man stirbt einfach später.

Wenn Sie in der Haut der Walliser Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten stecken würden, was täten Sie?
An ihrer Stelle würde ich mich nicht von den politisch Rechten beeinflussen lassen. Ich würde mit dem Herzen handeln und mich vom gesunden Menschenverstand leiten lassen. Vor allem auch, weil ich ihr versprochen habe, den künftigen Entscheid des Grossen Rats (über das Begnadigungsgesuch) zu respektieren und danach nicht mehr zu hungern. Frau Waeber-Kalbermatten braucht keine Angst zu haben, dass andere Gefangene meinem Beispiel folgen. Es ist zu hart.

Was denkt ein Mensch, wenn er ständig Hunger hat?
Man schwebt oft – oder ist das wegen meines THC-Gehalts in meinem Fett? (Anm. der Red.: THC ist der Wirkstoff im Cannabis). Nach drei Tagen fängt der Körper an, Aceton zu produzieren, ein natürlicher Appetithemmer. Ich habe keinen Hunger mehr und fühle mich sehr offen für Spiritualität. Manchmal verlässt mein Geist meinen Körper.

Werden Sie bald sterben?
Ich habe in meinem Leben schon über 600 Tage gefastet – seit ich 13 Jahre alt bin. Ich kenne meine Grenzen nicht. Ich könnte jeden Tag an einem Herzversagen sterben. Die Ärzte fürchten sich mehr davor als ich. Wenn man schon mit einem Fuss im Grab steht, bereitet sich auch der Geist darauf vor. Wenn man Angst hat vor dem Tod, isst man. Das ist bei mir nicht der Fall.

Sind Sie ein Märtyrer?
Nein. So fühle ich mich nicht. Ich liebe das Leben, meine Kinder, die Natur und gutes Essen! Aber ich führe einen Kampf, der hinter Gittern nicht aufhören kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2010, 22:33 Uhr

Kurz bevor er seine Haftstrafe antrat: Bernard Rappaz am 13. März dieses Jahres auf dem Farinet-Weinberg in Saillon VS. (Bild: Reuters )

Bernard Rappaz beantwortete die Fragen des TA handschriftlich.

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