«Grossanlässe haben 
eine gewaltige Hebelwirkung»

Ex-Tourismus-Professor Hansruedi Müller setzt sich sowohl für sportliche Grossevents als auch für die Berghilfe ein.

Hansruedi Müller, Tourismus-Experte und abtretender Präsident von Swiss Athletics, findet klare Worte: «Der Turm in Vals ist verwerflich. Er wird nie gebaut.»

Hansruedi Müller, Tourismus-Experte und abtretender Präsident von Swiss Athletics, findet klare Worte: «Der Turm in Vals ist verwerflich. Er wird nie gebaut.»

(Bild: Valérie Chételat)

Herr Müller, die Leichtathletik hat mit Kariem Hussein, Mujinga ­Kambundji und Selina Büchel neue Aushängeschilder. Die Europa­meisterschaften 2014 in Zürich waren finanziell aber ein Flop.
Vorab möchte ich festhalten, dass die EM Zürich 2014 ein phantastisches Sportfest war, innovativ inszeniert und hervorragend organisiert. Aber ja, wir haben das Zuschauerpotenzial überschätzt. Doch hat Swiss Athletics die EM angerissen, um die Leichtathletik wieder auf Vordermann zu bringen. Wir brauchten den Grossanlass als Hebel, um den Sport in allen Bereichen zu popularisieren: Nachwuchs, Leistungssport, Kampfrichter, Medien.

Wie nachhaltig ist dieser Schub?
Wir haben viel in den Leistungssport investiert. Gleichzeitig haben wir in Zusammenarbeit mit der UBS den Kids Cup ausgebaut und sind mit diesem animierten Dreikampf zurück an die Schulen gegangen.

Auf einen Grossanlass folgt nicht selten das grosse Loch. Davor haben Sie selber immer wieder gewarnt.
Die Gefahr ist da. Ich habe das bei der Expo.02 in der Region Biel-Seeland beobachtet und war deshalb gewarnt. Wir haben ein paar Weichen gestellt, um dem entgegenzuwirken, aber einfach ist es nicht. Sebastian Coe, der OK-Präsident der Olympischen Spiele 2012 in London, hat gesagt: Sechs bis acht Jahre nach einem Grossevent braucht es wieder einen neuen Grossevent. Denkbar wäre etwa, dass wir die Leichtathletik-Hallen-EM in die Schweiz holen. Sie lässt sich problemlos in einem Eishockey­Stadion durchführen. Das ist nun aber Aufgabe der neuen Crew.

Im Zusammenhang mit dem 
EM-Defizit haben Sie von einer Grossevent-Falle gesprochen. 
Was haben Sie damit gemeint?
Es gab eine Fehleinschätzung bezüglich des Potenzials beim Ticketverkauf. Gerechnet haben wir mit einer Auslastung über alle Tage von 92 Prozent und Einnahmen von 14 Millionen Franken. Dieses Ziel haben wir mit etwas über 80 Prozent Auslastung und neun Millionen Einnahmen bei weitem nicht erreicht. Das ist eine der grössten Unsicherheiten bei solchen einmaligen Anlässen. Unter dem Strich fehlten letztlich 1,14 Millionen Franken – bei einem Budget von 35 Millionen.

Da ist der Bund eingesprungen?
Wir hatten einen Verteilschlüssel, wie das Minus getragen wird: Die Hälfte des Defizits trägt die öffentliche Hand, also Bund, Kanton und Stadt, die andere Hälfte Private, also der schweizerische und der europäische Verband, Weltklasse Zürich und weitere private Institutionen.

Ist es überhaupt möglich, solche Anlässe in der Schweiz rentabel durchzuführen?
Nicht ohne Mitfinanzierung der öffentlichen Hand. Ohne diese braucht man sich gar nicht zu bewerben. Selbst im Fussball verlangt die Uefa Staatsgarantien. Für die Leichtathletik-EM hat die öffentliche Hand von Anfang an 10 Millionen Franken gesprochen.

Sie haben sich als Professor kritisch zu Grossanlässen geäussert und machen doch immer wieder bei der Organisation solcher Anlässe mit. 
Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich habe mich nie gegen Kunstturn-Europameisterschafen oder eine Eishockey-Weltmeisterschaft geäussert. Selbst die Euro 08, bei der ich anfangs skeptisch war, wurde letztlich zum ­Erfolg. Damit haben wir aber wohl das Limit bezüglich Grösse erreicht. Sehr kritisch war ich immer bei Schweizer Kandidaturen für Olympische Spiele – beispielsweise bei Bern 2010. Bis ich bei der Bewerbung Graubünden 2022 einen Schwenker machte. Wenn wir uns schon bewerben, stellt sich die Frage: Was 
ist in der Schweiz machbar, was nachhaltig?

Als Touristiker predigten Sie Nachhaltigkeit. Olympische Winterspiele sind doch das Gegenteil davon.
Im Prinzip ist die Gefahr sehr gross, doch müssen wir aufpassen. Es gab in der Vergangenheit erfolgreiche Winterspiele, etwa Calgary 1988. Die Stadt ist mit den Spielen aufgeblüht, hat die ganze Hochschulstruktur umgebaut. Auch der Olympic Hill oder die Skigebiete sind nach 30 Jahren noch sehr populär.

In Sotschi dürfte dies anders sein.
Eines der negativsten Beispiele ist wohl Albertville. Dort wurde wild gebaut, ohne umfassend an die Nachnutzung zu denken. Bei Sotschi muss man wissen, dass Russland zuvor kein Wintersportzentrum hatte. Die Region wurde aufgebaut als Trainingsort. Ich traue Russland durchaus zu, dass die Anlagen ausgelastet werden und Sotschi weitere Gross­anlässe anziehen wird.

In Demokratien haben es ­Olympische Spiele schwer. 
Westliche Kandidaten haben ihre Bewerbungen für die Winterspiele 2022 zurückgezogen. Geblieben 
sind China und Kasachstan.
Klar ist es einfacher, in autoritär regierten Ländern solche Grossanlässe durchzuführen. Aber die Olympische Bewegung ist bei der Vergabepolitik tatsächlich in eine unheilvolle Richtung gegangen, die nicht nachhaltig ist. Der neue Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, hat das erkannt. Eine Konferenz im letzten Dezember hat die Satzungen zur Vergabe der Spiele angepasst. Sehr viel, was wir seit langem fordern, wurde aufgenommen: Neu können Wettbewerbe an Satellitenstandorten ausgetragen werden, was die Anforderungen an die Mobilität massiv vereinfacht. Und die Spiele dürfen länderübergreifend organisiert werden. Somit wäre Genf in Kombination mit Frankreich ein möglicher Standort.

Sind mit dem Umdenken beim IOK die Chancen für Olympische Spiele in der Schweiz also gestiegen?
Tendenziell schon. Wir haben 60 Jahre Erfahrung mit erfolglosen Kandidaturen. Ich habe stets kritisiert, dass viele Schweizer Bewerbungen von vornherein aussichtslos waren. Jede Kandidatur kostet viel Geld. Sion 2006 hat damals 20 Millionen Franken gekostet.

Für 2022 stehen nun aber autoritäre Regimes im Vordergrund. Wird das IOK nicht zum Handlanger solcher Regierungen, wenn es ihnen zu Spielen verhilft?
Wer definiert, was ein autoritäres Regime ist? Was mir an der ganzen Debatte schon seit 30 Jahren missfällt, ist, dass Olympia-Kandidaturen dermassen viel Aufmerksamkeit bekommen. Andere Sportanlässe rücken komplett in den Hintergrund. Wer spricht denn über die Kunstturn-EM, die nächstes Jahr in Bern stattfindet? Oder wer kritisiert, dass das nächste Eidgenössische Schwingfest in Estavayer-le-Lac stattfindet, einem Ort, der mit dem öffentlichen Verkehr sehr schlecht erschlossen ist? Ich hätte gerne, wenn die Medien dort ebenso kritisch hinschauen würden.

Haben nicht wiederkehrende ­Anlässe wie Weltklasse Zürich oder die Lauberhorn­rennen einen ­grösseren Effekt als die Ski-WM 2017 in Sankt Moritz, für die Sie sich engagieren?
Wiederkehrende Events sind ganz wichtig. Gerade bezüglich Nachhaltigkeit. Hier können die Organisatoren aus Fehlern laufend lernen. Eine Weltmeisterschaft hingegen bietet ein ganz anderes Fenster. Da ist man während einer ganzen Woche präsent. Viele Weltcup-Rennen sind zudem nicht nach der Destination, sondern nach dem Berg benannt: Versuchen Sie mal ein Hotel in Lauberhorn zu buchen.

Die Popularität des Wintersports nimmt ab. Kann eine Ski-WM 
diesem Trend entgegenwirken?
Was, wenn nicht Weltmeisterschaften? Solche Grossanlässe haben eine gewaltige Hebelwirkung. Man kann über fünf oder mehr Jahre Projekte aufbauen. Fraglich ist nur, ob bei Swiss Ski der Wille da ist, das Potenzial der WM voll auszunutzen. Urs Lehmann, der Präsident von Swiss Ski, sagte mir einmal: Weisst Du, Hansruedi, ihr Leichtathleten habt es eben nötig, den Kids Cup neu zu beleben, wir nicht.

Sie engagieren sich bei der Berghilfe für Randgebiete. Wie passt das zum Engagement für Grossevents?
Das sind tatsächlich verschiedene Welten. Aber die Berghilfe ist kein marginales Phänomen. Sie hat 2014 Projekte mit über 28 Millionen Franken unterstützt, davon fast 4 Millionen im Tourismus. Dabei geht es nicht um die Zentren oder den alpinen Wintersport, sondern um naturnahen oder ländlichen Tourismus.

Bergbahnen stehen nicht im Fokus?
Die sind von der Förderung ausgenommen, ausser wenn es um Erschliessungen für die Alpwirtschaft geht.

Schweiz Tourismus fördert mit der Grand Tour of Switzerland die Zentren und schliesst Randregionen aus. Das finden Sie wohl nicht gut.
Im Gegenteil. Wenn Schweiz Tourismus etwas macht, muss es um Leuchttürme gehen. Wenn wir zum ersten Mal nach Indien fahren, gehen wir auch nicht aufs Land in Bengalen, sondern in die Städte und zum Taj Mahal. Dabei kommen wir auf den Geschmack für andere Regionen. So ist es den Engländern und Japanern in der Schweiz auch gegangen.

Randregionen machen mit Grossprojekten von sich reden: das Resort in Andermatt oder der Turm in Vals. Ist das an diesen Orten sinnvoll?
Dem Resortprojekt in Andermatt stand ich anfänglich sehr positiv gegenüber. Bis dahin ging der globale Tourismus-Trend zu Resorts an der Schweiz vorbei – mit Ausnahme vielleicht der drei Türme von Aminona bei Crans-Montana. Andermatt hätte ein Lehrstück werden können: Eine Militärbrache wird günstig gekauft und veredelt durch einen Golfplatz oder einen Konzertsaal, der in Zusammenarbeit mit dem KKL betrieben werden sollte. Damit kann man Investoren anziehen. Heute bin ich aber desillusioniert. Das Gelände ist schon viel zu lange eine Baustelle. Kaum jemand kauft dort eine Villa, wenn er über Jahre hinweg von Kränen umgeben ist.

Warum harzt es denn?
Das hat mit der Finanzkrise zu tun, mit dem starken Franken, der Verunsicherung durch die Zweitwohnungsinitiative, den demokratischen Prozessen.

Und das Grossprojekt in Vals?
In der Schweiz gab es immer wieder Pläne für Türme, die bald ins Stocken geraten sind – zum Beispiel das Hochhaus auf der Schatzalp bei Davos oder das Luxushotel auf dem Kleinen Matterhorn. Das Projekt in Vals ist verwerflich. Das höchste Gebäude der Schweiz soll in einem äusserst ländlichen Gebiet gebaut werden. Investor Remo Stoffel soll doch zunächst einmal die Hotelanlagen zur Therme Vals beleben. Es lohnt sich nicht, ihm die Aufmerksamkeitsprämie für einen Turm zuzugestehen, der nie gebaut werden wird.

Vals steht auch für die Tendenz, die Alpen in ein Disneyland umzugestalten. Auf dem Jungfraujoch gibt es eine Schokolade-Erlebniswelt, auf vielen Bergen Sky-Walks.
Unsere Welt ist nicht mehr dieselbe wie vor 50 oder 100 Jahren. Wir dürfen nicht einfach die Hände in den Schoss legen, wir brauchen Highlights. Die Schweiz war da stets eine Pionierin, sonst hätte man die Jungfraubahn vor 100 Jahren gar nicht erst gebaut. Die «Disneylandisierung» sollte aber konzentriert und in hoher Qualität an einzelnen Standorten stattfinden. Es geht nicht darum, neue Tourismusgebiete zu erschliessen. Aber das Jungfraujoch und die Kleine Scheid­egg sollen gut inszeniert werden.

Sie sind also für das V-Bahnprojekt?
Die Gegner haben mich zweimal um Unterstützung gebeten, doch meine Vorschläge wurden nicht aufgenommen. Über die Form des V-Projektes kann man sicher diskutieren, aber das Projekt ist nötig, weil die Männlichenbahn erneuert werden muss. Zudem bietet sich die Gelegenheit, einen Umsteigeknoten in Grindelwald Grund zu bauen und das Parkplatzproblem besser zu lösen.

Sie sagten einmal: «Das Heikle an Seilbahn-Sanierungen ist, dass dabei jeweils die Kapazitäten um das Zwei- oder Dreifache erhöht werden.»
Ja, eine verflixte Krux, die systemimmanent ist. Dabei muss man wissen, dass rund ein Drittel der Bergbahnen ständig rote Zahlen schreibt. Bei den meisten Bergbahnen gibt es wegen der technischen Erneuerungen viel zu grosse Kapazitäten. Nehmen wir die Firstbahn: Die alte Sesselbahn war ein Erlebnis, brachte aber nur 480 Personen pro Stunde hoch. Beim Bau der neuen Bahn war es gar nicht anders möglich, als eine moderne Bahn mit der drei- bis vierfachen Kapazität zu errichten. Mein Vorgänger Jost Krippendorf und ich sprachen von einem «Engpassüberwindungsautomatismus». Das Rezept, wie dieser Teufelskreis überwunden werden könnte, kenne ich allerdings auch nicht. Bei den Bergbahnen gibt es kaum ein Gesundschrumpfen.

Warum nicht?
Bei jedem Einzelfall wird es kompliziert. Plötzlich schalten sich Mäzene ein wie im Saanenland. Oder es hängt zu viel von der Bahn ab. Ins Skigebiet Pizol gibt es zwei Bergbahnen. Beide waren sanierungsbedürftig und der Kanton sagte lange Zeit, es gebe nur eine Bewilligung. Schliesslich wurde aber auch die Bahn von Bad Ragaz aus neu gebaut, weil sonst für die Siedlung bei der Mittelstation eine Strasse hätte gebaut werden müssen. Vielleicht müsste man Stilllegungen mit Prämien attraktiv machen.

Ist es in der Hotellerie nicht ähnlich? Die Hoteliers sagen, dass die Zweitwohnungsinitiative es ihnen verunmögliche, unrentable Hotels in Zweitwohnungen umzuwandeln.
Da gibt es in der Tat ähnliche Tendenzen. Der Kompromiss bei der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative hilft aber, den Strukturwandel zu beschleunigen. Kleine Player werden andere Wege gehen müssen oder verschwinden.

Der starke Franken dürfte mit dazu beitragen.
Ja. Die Aufhebung der Untergrenze für den Wechselkurs war ein Schock. Er beschleunigt den unvermeidbaren Wandel in der Branche.

Müsste man nicht den Massentourismus aufgeben und den naturnahen Tourismus durch die Einrichtung von Naturparks fördern? Es gibt Touristiker, die halten die Entvölkerung von Tälern nicht für ein Übel.
Die Entvölkerung von Tälern sollte kein Schreckgespenst sein. Das sage ich auch als Stiftungsrat der Berghilfe. Man darf aber nicht mangelnde Innovations­bereitschaft beklagen und gleichzeitig jede Investition kritisieren.

Es kommt doch darauf an, ob mit einem Projekt an bestehende ­Strukturen angeknüpft wird oder nicht.
Sicher. Aber die grösste Fehlentwicklung geschah nicht bei den Bergbahnen oder den Hotels, sondern durch den jahrelangen, schleichenden Bau von jährlich Tausenden von Zweitwohnungen. Diese Strukturen werden bleiben, ein Gesundschrumpfen ist kaum möglich. Wir haben in der Schweiz rund zehnmal so viele Betten in Zweitwohnungen als in Hotels. Jetzt ist es wenigstens möglich, Neubauten zu verhindern. Wenn der Zweitwohnungsbau gestoppt wird, geht es auf Dauer auch der Hotellerie besser.

Wie könnte der Sommertourismus in den Bergen aufgewertet werden?
Rentable Bahnen haben einen guten Sommer. Im Sommer gibt es zwar weniger Umsätze, aber auch weniger Kosten. Der Winter ist für die Jungfraubahnen das unrentabelste Geschäft: Die Tageskarte kostet weniger als ein Retourbillett aufs Joch. Zudem müssen Pisten präpariert und gesichert werden und ein Rettungsdienst in Bereitschaft stehen. Das ist sehr kostenintensiv.

Viele Gebiete setzen auf Biker. Ich bin stets skeptisch, wenn etwas zum Allerheilmittel stilisiert wird. Plötzlich setzen alle auf Mountainbikes. Es reicht aber nicht für alle. Im kanadischen Whistler sind die Ausbauten für Mountainbikes ein krasser Eingriff in die Landschaft und die Mountainbiker in Schwarz oder im Military-Look dominieren das Dorfbild. Der Andermatt-Investor Samih Sawiris hat gesagt, dass keine Gruppe mehr als zehn Prozent der Gäste betragen dürfe. Es kommt auf den richtigen Gästemix an.

DerBund.ch/Newsnet

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