Gewerkschaften und Kirchen kämpfen gegen 24-Stunden-Shops

Die im Sommer gegründete Sonntagsallianz hat das Referendum gegen neue Öffnungszeiten für Tankstellenshops ergriffen. Sie befürchtet einen generellen Dammbruch bei den Ladenöffnungszeiten.

Darf gemäss Beschluss des Parlaments in Zukunft rund um die Uhr geöffnet haben: Tankstelle mit Shop in Lully FR.

Darf gemäss Beschluss des Parlaments in Zukunft rund um die Uhr geöffnet haben: Tankstelle mit Shop in Lully FR. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

National- und Ständerat hatten in der Wintersession eine Lockerung der Regeln über die Nacht- und Sonntagsarbeit beschlossen: Mit der Änderung des Arbeitsgesetzes sollen Tankstellenshops künftig rund um die Uhr alle Produkte aus dem Sortiment verkaufen dürfen.

Die sogenannte Sonntagsallianz – ein im Juni 2012 gegründeter Zusammenschluss von 21 gewerkschaftlichen und kirchlichen Organisationen – hat nun das Referendum gegen die Öffnungszeiten an Tankstellenshops lanciert.

«Zeit für Erholung und zum Auftanken»

Die Lockerung gilt für jene Shops, die an Hauptverkehrswegen mit starkem Reiseverkehr liegen. Gemäss heute geltendem Gesetz dürfen Tankstellenshops nachts zwar Kaffee oder Sandwichs verkaufen, nicht aber andere Produkte. Deshalb müssen sie einen Teil ihres Lokals absperren.

Für die Sonntagsallianz untergraben die Änderungen «wichtige gesellschaftliche Freiräume», wie sie mitteilte. Erstmals werde so der 24-Stunden-Arbeitstag im Detailhandel eingeführt. Betroffen davon seien Frauen, die fast 70 Prozent des Verkaufspersonals ausmachten.

«Nachtarbeit muss eine absolute Ausnahme bleiben», sagte Vania Alleva, Co-Präsidentin der Gewerkschaft Unia in Bern. Nachtarbeit sei «extrem gesundheitsschädlich», sagte Alleva. Der Gesundheitsschutz dürfe nicht durchlöchert werden. Dieser sei ein zentraler Bestandteil des Arbeitsgesetzes.

«Übergeordnete Strategie»

Die Gewerkschafterin wirft dem politischen Gegner «Tricksereien» vor. «Die Einführung des 24-Stunden-Arbeitstages bei Tankstellen führt zwangsläufig zur generellen Einführung des 24-Stunden-Arbeitstages im Detailhandel», sagte Alleva.

Denn im Parlament lägen weitere Vorstösse vor, die alle das gleiche Ziel hätten: eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Diese Vorlagen müssten als Gesamtpaket betrachtet werden. Alleva spricht deshalb von einer «übergeordneten Strategie» der Liberalisierungsbefürworter.

Auch SP und die Grünen unterstützen das Referendum. «Es gibt kaum jemanden, der vom 24-Stunden-Shopping profitiert, aber viele, die darunter leiden», sagte die Waadtländer SP-Ständerätin Géraldine Savary. Nebst dem Verkaufspersonal seien dies auch die Anwohner der Tankstellenshops, die eine grössere Lärmbelästigung in Kauf nehmen müssten.

Frauen stärker betroffen

Die Kirchen sprechen von einem Angriff auf die Familien. Bei den Tankstellenjobs handle es sich häufig um «klassische Frauenjobs mit schlechten Arbeitsbedingungen», sagte Liselotte Fueter, Co-Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz.

Fueter malt ein düsteres Szenario: Da Frauen oftmals für die Kinderbetreuung zuständig seien, fehlten sie zu Hause. «Die häufigste Lösung ist wahrscheinlich, dass Kinder nachts notgedrungen sich selbst überlassen sind», sagt sie.

Für den Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, gehört die Nachtruhe zum Lebensrhythmus der Menschen. «Im Leben ist es wichtig, Mass zu halten», sagte Werlen. Die Sonntags- und Nachtruhe seien für die Erholung da – und ermöglichten das gemeinsame religiöse Feiern.

Im Referendumskomitee sind mit der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (SGARM) auch Ärzte vertreten. «Der Mensch ist nicht für die Nachtarbeit gemacht», sagte SGARM-Präsident Klaus Stadtmüller. Nachtarbeit könne zu Schlafstörungen führen. Das sei wissenschaftlich erwiesen.

Der Verband der Tankstellenshop-Betreiber der Schweiz (VTSS) teilt mit, er bedaure das Referendum. Das Parlament habe lediglich einem «bürokratischen Unsinn» ein Ende gesetzt, schreibt der VTSS: Die bisherige Unterscheidung zwischen gastronomischen Artikeln und anderen Shopartikeln habe keinen Sinn gemacht. Das Personal sei ja sowieso vor Ort zur Bedienung der Tankstelle.

Befürworter der Liberalisierung im Sonntags- und Nachtverkauf kritisiert das Engagement der Kirchenvertreter als «Einmischung der Kirchen in die Tagespolitik». (mw/sda)

Erstellt: 08.01.2013, 11:25 Uhr

Artikel zum Thema

«24-Stunden-Shopping-Gesellschaft ist ein Mythos»

Interview Der Nationalrat will den Tankstellenshops Öffnungszeiten rund um die Uhr erlauben. Das wolle aber gar niemand, sagt SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini. Mehr...

Freipass für Tankstellenshops

An Hauptverkehrswegen liegende Tankstellenshops sollen künftig frei über Produkte und Öffnungszeiten entscheiden können. Dies hat der Nationalrat entschieden. Gewerkschaften gehen auf die Barrikaden. Mehr...

Ständerat will Laden-Öffnungszeiten liberalisieren

Die kleine Kammer hat eine Motion angenommen, die eine schweizweite Liberalisierung der Öffnungszeiten fordert. Auch die nächtlichen Verkaufsverbote für gewisse Tankstellenshops sollen gelockert werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Für einen Leonardo kriegt man zwei Neymars
Sweet Home Vegetarische Feste

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Affentheater: Ein Kapuzineraffe begutachtet das neue Primatengehege im Zoo Servion (VD). (13. Dezember 2017)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...