«Geärgert? Ich kann mich nicht erinnern»

Er nennt die No-Billag-Initiative «No-SRG-Initiative»: Der neue SRG-Präsident Jean-Michel Cina will sich im Abstimmungskampf stark engagieren.

Beurteilt die No-Billag-Initiative als existenzbedrohend: SRG-Präsident Jean-Michel Cina. Foto: Adrian Moser

Beurteilt die No-Billag-Initiative als existenzbedrohend: SRG-Präsident Jean-Michel Cina. Foto: Adrian Moser

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Zuerst ein paar Fragen an Sie als Medienkonsument. Wann haben Sie sich über eine SRG-Sendung zum letzten Mal so richtig geärgert?
Geärgert? (überlegt) Ich kann mich nicht erinnern.

Ist alles immer tipptopp, was die SRG produziert?
Jedenfalls nichts, was bei mir Ärger verursacht hätte. Es ist aber ohnehin nicht meine Aufgabe, in die Programme und die redaktionelle Freiheit einzugreifen.

Haben Sie ein Ritual? Welche Sendungen schauen Sie oder hören Sie täglich?
Ich höre und schaue oft zeitversetzt, und zwar auch über Websites und beispielsweise über Twitter. Auf dem Twitter-Kanal des ZDF habe ich etwa das ­Streitgespräch zwischen Angela Merkel und Martin Schulz verfolgt.

Sprechen wir über den Betrieb SRG. Welches sind Ihre Eindrücke nach drei Monaten als Präsident?
Ich habe ein Hightechunternehmen angetroffen, das betriebswirtschaftlich sehr gut aufgestellt ist – und das natürlich sehr gefordert ist durch das Miteinander von Radio, Fernsehen, Internet und sozialen Medien.

Gibt es Dinge, die Sie überraschten?
Der harte Konkurrenzkampf mit deutschen, französischen und italienischen Sendern ist mir bewusster als vorher. Spannend ist es für mich, unsere Trägerschaft mit rund 24'000 Vereinsmitgliedern aus der ganzen Schweiz kennen zu lernen. Sie sind unser Fundament, quasi unsere Aktionäre. Sie sichern unsere Unabhängigkeit. Ich sage immer: Uns kann man weder kaufen noch verkaufen, wir gehören der Schweiz.

«Ein ganz kleines, hochkommerzielles Fernsehen hätte vielleicht ein winziges Potenzial.»

Ein schöner Werbespot. Aber Sie möchten doch sicher auch manches ändern oder verbessern.
Mich beschäftigt, wie wir die Jungen besser an uns binden können. Wir alle passen auf, dass die SRG mit ihren Angeboten in der ganzen Bevölkerung der Schweiz verankert bleibt. Einerseits sind wir gefordert, neben dem erwachsenen auch ein junges Publikum anzusprechen. Andererseits ist es wichtig, dass noch mehr junge Menschen auch in der Trägerschaft mitmachen. Wir müssen sie dafür begeistern. Das gilt ebenso für Menschen aus eingewanderten Familien. Die SRG will Junge und Migranten noch besser bedienen.

Und wie wollen Sie die Jungen und die Migranten gewinnen?
Die SRG hat bereits viele Angebote entwickelt. Weitere Initiativen werden folgen, warten Sie ab.

Die No-Billag-Initiative dürfte Sie ebenfalls beschäftigen. Die Initiative kommt 2018 zur Abstimmung – ein heisserer Start für Sie ist fast nicht denkbar.
Ich habe Erfahrung mit anspruchsvollen und heissen Phasen. Als Walliser Staatsrat habe ich das neue Raumplanungs­gesetz und die Zweitwohnungsinitiative umgesetzt. Viel heisser geht es nicht, glauben Sie mir. Es stimmt aber: Die SRG erlebt zum ersten Mal eine Initiative, die direkt auf ihre Abschaffung zielt.

Die No-Billag-Initianten sagen, sie seien nicht gegen die SRG, sondern gegen die Gebührenpflicht.
Was auch immer die Initianten sagen – würde diese Initiative angenommen, gäbe es kein öffentliches Radio und Fernsehen mehr. Der Wortlaut der Initianten lässt da keinen Spielraum offen.

Wir hätten doch sicher auch nach einem Ja zur Initiative noch Radio- und Fernsehsender.
Ein ganz kleines, hochkommerzielles Fernsehen hätte vielleicht, und nur in der Deutschschweiz, ein winziges Potenzial. Ein solcher Kanal müsste extrem viel Werbung bringen, woran weder die Zuschauer noch die Verleger Freude hätten. Für die sprachlichen Minderheiten gäbe es wohl praktisch gar nichts mehr.

«Ich musste die Zweitwohnungsinitiative umsetzen. Viel heisser geht es nicht mehr, glauben Sie mir.»

Im Juni 2015 hat das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) nur eine hauchdünne Mehrheit im Volk gefunden. Macht Sie das mit Blick auf «No Billag» nervös?
Wir nehmen diese Abstimmung sehr ernst. Unsere Aufgabe wird es sein, der Bevölkerung aufzuzeigen, was die SRG für dieses Land leistet und welche Folgen eine Abschaffung für das Publikum und das Gemeinwesen hätte.

Der vormalige SRG-Generaldirektor Roger de Weck hat sich in der RTVG-Abstimmung stark exponiert, was viele als strategischen Fehler werten. Sie auch?
Das ist Ihre subjektive Bewertung der Vergangenheit. Ich konzentriere mich auf das Jetzt und die Zukunft der SRG. Fest steht, dass ich mich gemeinsam mit dem Generaldirektor und anderen stark gegen die «No-SRG-Initiative» engagieren werde. Ich finde es im Übrigen eine Merkwürdigkeit, dass zeitgleich mit der No-Billag-Initiative auch die Forderung nach staatlichen Subventionen für private Verlage diskutiert wird.

Diese Forderung kommt freilich von einer anderen Seite, von der SRG-freundlichen Linken nämlich. Unterstützen Sie die Idee?
Gegenüber einer direkten Presseförderung bin ich skeptisch. Gemeinsam müssen Private, SRG und Politik andere Wege prüfen, um den Qualitätsjournalismus und die Medienvielfalt in der Schweiz zu wahren.

Das Verhältnis der SRG zu den Verlegern war in den letzten Jahren schwierig. Haben Sie sich mit Verlegerpräsident Pietro Supino schon getroffen?
Wir hatten ein erstes Kennenlerntreffen. Aus meiner Sicht ist es sehr gut verlaufen. Es ist mir wichtig, unsere Beziehungen zu den Verlegern weiter zu entspannen.

Die Verleger wehren sich gegen die Versuche der SRG, in das Geschäft mit der Onlinewerbung einzusteigen. Werden Sie an diesen Bestrebungen festhalten?
Gewisse Formen von Onlinewerbung liessen sich gar nicht verhindern: Wenn wir ein Fussballspiel live streamen oder über Play SRF senden, können und dürfen wir die Werbeeinblendungen gar nicht herausschneiden. Die klassische Bannerwerbung ist nachrangig.

Die Grünen fordern in einem Positionspapier ein Werbeverbot für die SRG. Was würde der Wegfall der Werbeeinnahmen bedeuten?
Es steht der SRG nicht zu, medienpolitische Positionspapiere von Parteien zu kommentieren.

Bald kommt ein neues Mediengesetz, das solche Fragen regeln wird. Was sind Ihre Erwartungen?
Eines nach dem anderen. Jetzt sollten wir zunächst die Volksabstimmung abwarten. Und dann folgt das neue Mediengesetz. Jetzt schon zu spekulieren, bringt nichts.

Man könnte bösartig vermuten: Sie planen die Expansion, halten sich aber aus strategischen Gründen bis nach der Abstimmung zurück.
Eine so eigenartige Bewertung meiner Aussagen muss ich Ihnen überlassen. Ihre Interpretation trifft nicht zu. Wunschszenarien und Forderungen sind einfach fehl am Platz. Vielmehr streben wir noch mehr Kooperationen mit Privaten an.

Werfen wir trotzdem einen Blick in die langfristige Zukunft. Wo steht die SRG in zehn Jahren? Gibt es ihre Programme nur noch im Internet?
Ich bin nicht Madame Teissier. Ich würde aber das klassische, lineare Fernsehen noch lange nicht abschreiben. Und überhaupt: Die SRG wird in ihrem Kerngeschäft der audiovisuellen Produktion immer Inhalte von grosser Qualität, Relevanz und Attraktivität herstellen. Die Herstellung bleibt in jedem Fall kostenintensiv.

Sie waren Fraktionschef der CVP im Bundeshaus, danach Walliser Staatsrat, jetzt SRG-Präsident. Welches war das schwierigste Amt?
Es gab in meinem Leben bisher zwei sehr anspruchsvolle Aufgaben. Die eine war das Amt des CVP-Fraktionschefs, die andere das Präsidium der KdK, der Konferenz der Kantonsregierungen.

Was hat die KdK besonders anspruchsvoll gemacht?
Die unterschiedlichen Interessen, die da aufeinanderprallten. Beim Finanzausgleich einen gemeinsamen Nenner zu finden, die KdK in dieser Frage nicht auseinanderbrechen zu lassen – das war ungeheuer komplex. Ich bin froh, dass ich hier vor meinem Rücktritt noch eine Lösung gefunden habe – sogar gegen die abweichende Haltung meines Kantons.

Vermissen Sie das Wallis?
Eigentlich nicht, denn ich wohne ja noch dort. Meine Zeit als Mitglied der Walliser Regierung liegt gedanklich schon weit hinter mir. Ich setze mich jetzt mit Begeisterung für die SRG ein, diese so wichtige Institution.

Ein Programm, das Sie geärgert hat, wollten Sie nicht nennen. Können Sie uns abschliessend dafür sagen, welche SRG-Sendung Ihnen ganz besonders Freude bereitet?
Der grosse Fernseh-Zweiteiler über den Gotthard hat mich berührt. Oder, wenn Sie mich denn auf das Wallis ansprechen, den Beitrag über die Walliser Skilehrer bei den Chinesen fand ich toll. Fast jede Ausgabe der Radiosendung «Echo der Zeit» ist eine Perle. Es gibt Momente, da bin ich richtig stolz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 21:46 Uhr

Grüne fordern eine werbefreie SRG

Wäre die SVP der Absender, würde das nicht weiter erstaunen. Doch nun sind es die Grünen, die ein Werbeverbot für die SRG fordern. Eine Arbeitsgruppe der Partei hat ein medienpolitisches Positionspapier zuhanden des Vorstands verfasst und Forderungen formuliert: Unter anderem soll das Budget bei 1,5 Milliarden Franken plafoniert werden (Stand 2015), eine unabhängige Aufsichtsbehörde für gebührenfinanzierte Medien soll geschaffen werden und eben: Die SRG soll werbefrei werden. Dies sei ein logischer Schritt, sagt Parteipräsidentin Regula Rytz: «Die SRG-Inhalte verlagern sich immer mehr ins Netz. Das Onlineangebot der SRG ist aber werbefrei und soll es bleiben.»

Daneben gibt es für die Grünen noch weitere Gründe gegen SRG-Werbung: «Es gehört nicht zum Auftrag der SRG, das Publikum als zahlungsfähige Kundschaft anzusprechen und Inhalte und Struktur des Programms entsprechend werbefreundlich zu gestalten», heisst es im Papier. Die Unverwechselbarkeit der Programme müsse sichergestellt werden. Laut Regula Rytz ist die Kommerzialisierung der SRG in den letzten Jahren vorangeschritten. Gemeint ist die Anpassung des Programms an die Interessen der Werbeauftraggeber: Werbeblöcke, publikumswirksame Formate sowie die Ausstrahlung gewisser Sendungen zu Haupt-Einschaltzeiten. Auch begründet Regula Rytz die Forderung mit dem Ziel, im Medienmarkt klare Verhältnisse zu schaffen, die Aufgaben von SRG und Privaten klarer zu definieren.

Der Abbau der Werbung könne im Rahmen der neuen Mediengebühr und durch zusätzliche Einnahmequellen kompensiert werden, heisst es in dem 16-seitigen Arbeitspapier, das in eine ­Resolution umgegossen und im Oktober von den Delegierten verabschiedet werden soll. Eine dieser Einnahmequellen könnte nach Ansicht der Grünen ein «Shared Content Modell» sein: Private dürften die SRG-Angebote verwenden und würden dafür bezahlen. Der Nationalrat hat gestern einer Motion der Fernmeldekommission zugestimmt, die den Bundesrat mit einer Vorlage beauftragt.

«Weit weg von realistisch»

Eine werbefreie SRG würde im Grundsatz auch von der SP begrüsst, wie Nationalrat Matthias Aebischer sagt. Doch es stelle sich die Frage, wie die knapp 400 Millionen Franken Werbeeinnahmen ersetzt würden. Allein mit Shared Content liesse sich dieser Betrag niemals kompensieren, sagt er. Doch wenn das Online-Werbeverbot bestehen bleibe und das SRG-Angebot sich ins Internet verlagere, nähmen die Werbeeinnahmen der SRG ohnehin ab. Durch das Bevölkerungswachstum und steigende Gebühreneinnahmen würde der Fehl-betrag wettgemacht, sagt Aebischer.

FDP-Medienpolitiker Kurt Fluri bezeichnet die Forderung der Grünen als eine «Teil-No-Billag-Initiative» – sie würde der SRG ein Viertel ihrer Einnahmen streitig machen. Eine werbefreie SRG sei vielleicht wünschbar, aber weit weg von der Realisierbarkeit. Auch die Grünen wollen das Werbeverbot bei der SRG allerdings nicht von heute auf morgen realisieren, sondern schrittweise. Die Nachbarländer lieferten dafür unterschiedliche Modelle, heisst es im Papier: «Es kann zum Beispiel als Erstes auf Werbung im Hauptprogramm nach 20 Uhr oder rund um Kindersendungen verzichtet werden», sagt Regula Rytz. (Tages-Anzeiger)

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