Frühes Französisch lohnt sich nicht

«Je früher, desto besser», sagen viele Befürworter des Frühfranzösischunterrichts. Wissenschaftlich wird das nun aber infrage gestellt.

Selbst Fachleute sind sich uneins, ab welchem Alter Fremdsprachen erlernt werden sollten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Selbst Fachleute sind sich uneins, ab welchem Alter Fremdsprachen erlernt werden sollten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Es ist ein emotionaler Streit. Für die ­Befürworter von zwei Fremdsprachen in der Primarschule geht es um nichts weniger als den nationalen Zusammenhalt. Es sei erwiesen: Je früher die Kinder Fremdsprachen lernten, desto besser. Der Entscheid des Thurgauer Parlaments, das Frühfranzösisch aus der Primarschule zu verbannen, habe eine fatale Signalwirkung. Romands, Tessiner und Deutschschweizer könnten sich bald nur noch auf Englisch unterhalten. Die Gegner des Frühfranzösisch hingegen warnen vor überforderten Kindern.

Eine neue wissenschaftliche Expertise zeigt nun: Der viel zitierte Grundsatz «je früher, desto besser» trifft für den Fremdsprachenunterricht in der Schule nicht zu. «Frühstarter in Fremdsprachen haben kaum messbare Vorteile gegenüber älteren Startern», schreibt Markus Kübler, Abteilungsleiter Forschung und Entwicklung der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen. Er hat im Auftrag des Schaffhauser Lehrerverbands (LSH) die verfügbaren Studien über das Lernen von Sprachen in der Schule zusammengetragen. Weil ältere Schüler schneller und effizienter lernten, könnten sie den Rückstand gegenüber «Frühstartern» in der Regel wettmachen, heisst es in dem Papier, das der LSH kürzlich veröffentlicht hat. Ins­gesamt 13 Studien zwischen den Jahren 2002 und 2007 zeigten, dass «ältere Lerner in Fremdsprachen letztlich bessere Ergebnisse erzielen, verglichen mit jüngeren Lernern».

Lernen macht trotzdem Spass

Trotz unterschiedlicher Lernerfolge: Den Schülern mache das Erlernen von Fremdsprachen grossmehrheitlich Spass, so Kübler. Als «überfordert» bezeichneten sich gemäss der zitierten Studien jeweils zwischen 20 und 28 Prozent der Schüler. Die Befürworter des frühen Fremdsprachenunterrichts stützen sich ebenfalls auf wissenschaftliche Befunde, häufig solche aus der Hirnforschung. Je jünger das Gehirn, desto mehr könne es aufnehmen, lautet die Logik. Auch die Konferenz der kantonalen Erziehungs­direktoren (EDK) schreibt in einer Broschüre, dass das Fremdsprachenlernen «spätestens in der Primarschule beginnen sollte». Primarschulkinder durch­liefen noch Entwicklungs- und Lernphasen, die für das Sprachenlernen wichtig seien. Die vor rund zehn Jahren verabschiedete Fremdsprachenstrategie der EDK sieht vor, dass die Kinder in der dritten Klasse mit der ersten und in der fünften Klasse mit der zweiten Fremdsprache beginnen sollten.

Die Ergebnisse der Hirnforschung könnten allerdings nicht einfach so auf das schulische Lernen übertragen werden, schreibt Kübler. Elsbeth Stern, Professorin am Institut für Verhaltenswissenschaften der ETH Zürich, teilt diese Einschätzung. «Die Vorstellung, dass es eine kritische Phase gibt, in der kleine Kinder besonders leicht Fremdsprachen lernen, ist falsch», sagt sie. Ein kleines Kind sei gar nicht fähig, auf Instruktion eines Lehrers eine Sprache zu lernen. Das liege unter anderem daran, dass kleine Kinder noch keine Vorstellung von Grammatik hätten. Wenn ein Kind aber durch einen Umzug in ein neues Sprachgebiet verpflanzt werde, lerne es schnell. «Es ist also überhaupt nicht dasselbe, ob ein Kind eine Sprache in der Schule lernt oder ob es durch seine natürliche Umgebung dazu gezwungen wird», sagt Stern. Aus ihrer Sicht macht der Fremdsprachenunterricht erst ab der vierten Klasse Sinn. Auch dann gelte: Zwei oder drei Lektionen pro Woche bewirkten keine Sprachwunder. «Ein Kind lernt eine Sprache erst, wenn es eine gute Gelegenheit dazu hat und die Notwendigkeit sieht», sagt sie. Wie ein Land seine Mehrsprachigkeit nutzen könne, mache Finnland vor: Das zweisprachige Land (Finnisch und Schwedisch) setze die Kinder früh einem Sprachbad aus: Mit Austauschprogrammen würden die Kinder dazu gezwungen, die fremde Sprache anzuwenden.

Guter Unterricht kostet Geld

Der Schaffhauser Lehrerverband zieht ebenfalls Schlüsse aus der Expertise: Die Anzahl der Fremdsprachen in der Primarschule sei zweitrangig. Für ein Gelingen des Unterrichts brauche es aber bessere Bedingungen – etwa kleinere Lerngruppen, muttersprachliche Lehrpersonen oder die Möglichkeit, die Kinder einem «Sprachbad» auszusetzen: Mindestens ein Viertel des gesamten Schulunterrichts müsste in der gewünschten Fremdsprache erfolgen. Es brauche in der ganzen Schweiz endlich eine vertiefte Diskussion darüber, was man mit dem Fremdsprachenunterricht eigentlich erreichen wolle, sagt LSH-Präsidentin Cordula Schneckenburger. Aus diesem Grund habe der LSH die Expertise machen lassen. «Die Folgeprobleme einer knausrigen und eher verfehlten Sprachenpolitik können wir nicht allein im Kanton Schaffhausen lösen», sagt sie.

In anderen Kantonen sind häufig Lehrpersonen an den dort hängigen Volksinitiativen oder Vorstössen gegen die zweite Fremdsprache in der Primarschule beteiligt. In Zürich, wo es derzeit keine solchen Bestrebungen gibt, haben die Sekundarlehrkräfte Ende Juni ein Positionspapier verabschiedet. Das Fremdsprachenkonzept an der Volksschule müsse neu ausgerichtet werden, fordern sie – und zwar noch vor der Einführung des neuen Lehrplans 21. Mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen sei ein «effizientes und gewinnbringendes Fremdsprachenlernen» nur «unbefriedigend» möglich.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2014, 22:46 Uhr

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