«Frauen müssen sich halt eine Zeit lang gegen den Beruf entscheiden»

Interview

Alleinerziehende Mutter, Unternehmerin, liberale Politikerin, für Gleichberechtigung – aber gegen den Familienartikel. Das geht alles zusammen, erklärt die Baselbieter FDP-Präsidentin Christine Frey.

Soll der Staat für Betreuungsstrukturen sorgen? Arbeitstätige Mutter mit ihrer Tochter zu Hause. (Foto: Dezember 2008 in New York)

Soll der Staat für Betreuungsstrukturen sorgen? Arbeitstätige Mutter mit ihrer Tochter zu Hause. (Foto: Dezember 2008 in New York)

(Bild: Keystone Dima Gavrysh)

Thomas Ley@thomas_ley

Frau Frey, Sie und Ihre Baselbieter FDP lehnen den Familienartikel deutlich ab. Was haben Sie als Frau eigentlich gegen die Förderung familienfreundlicher Betreuungsmodelle?
Natürlich gar nichts. Ich bin ja selber berufstätige Mutter. Alleinstehend, mit zwei Kindern (13 und 15) und mit eigener Firma. Die Kinderbetreuung teile ich fifty-fifty mit meinem Ex-Mann. Zudem bin ich Gemeinderätin in Münchenstein, Vorsteherin des Departements Bildung, Kind und Familie. Für mich könnten also moderne Betreuungsmodelle nicht selbstverständlicher sein.

Umso weniger verstehe ich, warum Sie gegen den Familienartikel sind.
Ich finde, der Bund – der Staat – muss nicht alle Probleme lösen. Das Bewusstsein für die Förderung von Kindertagesstätten, Mittagstischen oder Tagesschulen ist in Gemeinden wie unserer angekommen. Die entsprechende Diskussion ist bei uns längst durch. Münchenstein ist mit etwa 12'000 Einwohnern eine grosse Gemeinde, mit vielen sozial schwachen Familien. Wir nahmen darum eine Anschubfinanzierung des Bundes in Anspruch. Derzeit planen wir Kitas und Kindergärten in der Nähe der Schule, damit die Mittagstische in den Schulen stattfinden können.

Das gilt alles für Münchenstein. Aber was ist mit Müttern, die in konservativen Gemeinden leben, die nicht bereit sind, Kitas einzurichten oder eine Finanzierung in Anspruch zu nehmen?
Dort können betroffene Eltern immer noch eine Petition lancieren oder das Thema gemäss Artikel 68 des Gemeindegesetzes an der Gemeindeversammlung zur Sprache bringen.

… und dann scheitern, weil die Mehrheit nun einmal anders tickt. Solchen Familien bleibt doch nur der Wegzug.
Das sind Vorurteile. Durch den Zuzug von jungen Familien aus der Stadt vermischen sich die Gemeinden immer mehr, sodass auch in Randgebieten und kleinen Gemeinden das Bedürfnis nach familienexterner Betreuung entsteht und damit der Druck auf die Gemeinden, solche auch anzubieten.

Teilen Sie denn die Furcht der SVP, aus dem Familienartikel würden Milliarden-Ansprüche erwachsen?
Das kommt drauf an, welche Ansprüche man hat. Es könnte schon teuer werden, wenn aus dem Familienartikel immer mehr bürokratische Vorgaben erwachsen: also Standards, welche Ausbildung die Betreuungspersonen haben müssen, oder wie viele Kinder auf eine Betreuungsperson kommen dürfen. Ich bin der Meinung, dass Gemeinden das alles pragmatisch handhaben dürfen.

Und Sie riskieren damit, dass es Betreuungsskandale gibt.
Sorry, das ist doch ein Witz. Ich kenne im Baselbiet keine Kita, in der es einen Skandal gab.

In Zürich gab es das durchaus.
Ja, in einigen privaten Kitas, aber ich spreche von öffentlich subventionierten Krippen.

Sollte sich die FDP nicht distanzieren von der Kampagne der SVP gegen «Staatskinder» und einen angeblichen Zwang, Kinder abgeben zu müssen?
Aber das ist doch klar. Das ist überhaupt nicht unsere Art zu argumentieren. Und ich weiss auch von einigen SVP-Leuten, die bei dieser Kampagne finden: Muss das sein? Aber ich verstehe ohnehin nicht, warum dieses Thema jetzt überhaupt so hoch gehängt wird. Warum bin ich ein schlechterer Mensch, wenn ich gegen den Familienartikel bin?

Das «Tages-Anzeiger-Magazin» warnt die FDP, mit der Ablehnung des Familienartikels vor allem urbanen Schichten ein falsches Signal zu geben.
Ich verstehe das Argument. Aber ich bin dezidiert dagegen, dass man solche Geschäfte bloss aufgrund eines möglichen Symbolgehalts entscheiden sollte. Für uns als FDP sollte nur eines zählen: Es ist aus liberaler Sicht falsch, die Familienpolitik mit einem solchen Artikel zu regulieren.

Sind Zeichen in der Politik nicht wichtig? Die FDP-Frauen scheinen das jedenfalls zu finden.
Ja, und darum sind sie für Quoten und für den Familienartikel, aber für mich sind das alles Partikularinteressen.

Waren Ihre eigenen Kinder eigentlich in einer Krippe?
Nein, ich konnte mich selbst organisieren und hatte die Hilfe von Nachbarn und Grosseltern. Vom Mittagstisch in der Gemeinde haben wir aber auch profitiert.

Gut für Sie. Aber ist es nicht ein Grundsatzproblem, dass Familien immer auf Goodwill hoffen müssen – Goodwill der Familie, der Gemeinde, des Bundes?
Es ist in der Tat ein Grundsatzthema. Aber das sieht für mich so aus: Kinder zu haben, ist nicht einfach. Man muss einen Entscheid treffen, der Einschränkungen zur Folge hat. Das Leben geht danach nicht einfach weiter, und das sollte es auch nicht. Es sollte eine Hürde geben.

Eine Hürde, Kinder zu haben?
Nein, eine Hürde, Kinderbetreuung zu erhalten. Damit ist es aus meiner Sicht dasselbe wie mit der Arbeitslosigkeit oder mit der gesundheitlichen Betreuung. Viele gehen davon aus, dass bei einem Problem einfach der Staat einspringt. Diese Anspruchshaltung stört mich. Wo bleibt der Eigeneffort?

Kinderbetreuung bleibt ohne externe Tagesstrukturen noch immer mehrheitlich an den Frauen hängen. Sie können ihre Potenziale, ihre Bildung nicht in der Wirtschaft nutzen. Ist das vernünftig?
Um es klarzumachen: Ich bin sehr für Gleichberechtigung. Ich wechsle meine Autoräder selber. Aber Gott sei Dank gibt es noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen müssen sich halt eine Zeit lang gegen den Beruf entscheiden, wenn sie Kinder wollen. Damit sollen die Männer nicht aus der Verantwortung entlassen werden, ganz und gar nicht. Aber es sind nun einmal wir Frauen, die Kinder zur Welt bringen können, nicht die Männer.

DerBund.ch/Newsnet

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