Flucht vor der Krise

Porträt

Die spanische Familie Fernandez lebt seit einem Monat auf dem Campingplatz Wollishofen. Sie floh vor der Wirtschaftssituation in ihrem Land – und ist in Zürich damit nicht alleine.

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Jvo Cukas

Victorino Fernandez de Arróyabe Irazabal sitzt in einem Campingstuhl auf dem Zeltplatz Wollishofen. Sein leicht autistischer Sohn Alejandro springt um ihn herum, herzt und beisst ihn abwechselnd. Gerade gab es Abendessen. «Seit wir hier sind, essen wir jeden Tag Würste. Wir müssen sparen und hier ist alles ziemlich teuer», meint Fernandez. Ein Blick in die Vorratskiste vor ihrem Zelt zeigt, wie viel Geld für ihren Menüplan zur Verfügung steht: Fast alle Produkte sind verpackt im Grün einer Billigproduktelinie eines Schweizer Grossverteilers.

Der 44-jährige Ingenieur arbeitete bis Juli als Lehrer an einem technischen Gymnasium im baskischen Vitoria-Gasteiz. Sein Fünfjahresvertrag lief aus. Zusammen mit sechs anderen Lehrkräften verlor er seinen Job. Zwar hätte er eine neue Anstellung gefunden. «Mit dem angebotenen Lohn von 1400 Euro könnte ich meine Familie aber nicht durchbringen», erklärt er. Seine gleichaltrige Ehefrau Rosinete, eine Spanierin mit brasilianischen Wurzeln, findet seit sechs Jahren keinen Job mehr. «Selbst für Stellen als Putzfrau oder Serviceangestellte, gibt es unglaublich viele Bewerbungen. Allein der leichte Akzent meiner Frau reicht aus, um einen gebürtigen Spanier zu bevorzugen.» Seine Frau lebt seit fast 20 Jahren im Land.

Gemeinde von Glückssuchern

Als die spanischen Sommerferien anbrachen, war für beide klar: Sie müssen ihr Glück im Ausland versuchen. «Wir dachten erst an Norwegen, entschieden uns aber für die Schweiz.» Selbst Brasilien stand auf dem Radar des Ehepaares: «Die wirtschaftliche Situation dort ist besser als in Spanien.» Aber in ein Land, «in dem man jemanden selbst für drei Euro überfällt», wollten sie ihren kleinen Sohn nicht bringen.

Auf dem Campingplatz Wollishofen hat sich eine kleine Gemeinde von Glückssuchern gebildet. Weitere Spanier, die ihre Familien zurückliessen, um hier eine Arbeit zu suchen, Ungaren, Rumänen: Sie alle geben sich gegenseitig Tipps für die Jobsuche, helfen sich beim Hüten der Kinder oder leihen sich gegenseitig Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs aus. Freiwillig weilen die Fernandez nicht auf dem Zeltplatz. Eigentlich wollten sie eine kleine Wohnung mieten, was in Spanien ein Leichtes wäre. «Hier hat man keine Chance, wenn man noch keinen Job gefunden hat. Und die Preise sind sehr hoch.»

Vom Lehrer zum Maler

Dennoch geht es den Fernandez vergleichsweise gut. Noch können sie von ihrem Ersparten leben. «Ich hatte nie zuvor in meinem Leben Geldprobleme», erklärt Fernandez. Im Gegenteil: Lange arbeitete er in seinem Job als Gymnasiallehrer und gab mehrmals wöchentlich Abendkurse an einer zweiten Schule. Nicht, weil es nötig war, wie er beteuert, sondern weil er für seine Familie etwas erreichen wollte. Drei Wohnungen hatte er kaufen können: Eine für seine Familie, eine für seinen Sohn und eine als Altersvorsorge. «Wir werden vermutlich keine Pension mehr bekommen, die Sozialwerke in Spanien sind zu marode.»

Zwei Wohnungen sind gerade vermietet – für je 350 Euro im Monat. Doch einer der Mieter bezahlt seit Monaten nichts mehr ein. An einen Verkauf der Wohnungen, um mehr flüssiges Geld zu haben, ist derzeit nicht zu denken. «Man findet einfach keine Käufer.»

Die Schweiz sollte die grosse Wende im Leben der Fernandez bringen. Doch die Situation ist auch hier nicht einfach. Er meldete sich an bei mehreren Temporärbüros, ist bereit, jegliche Art von Stelle anzunehmen. Die Arbeitsvermittler machen ihm denn auch Hoffnung: Mit seinen Berufserfahrungen sollte er etwas finden. Doch obwohl Fernandez Spanisch, Portugiesisch und Englisch spricht, sind seine fehlenden Deutschkenntnisse ein Hemmnis. Nun versucht er, Grundkenntnisse mit einem Sprachbuch zu erwerben.

Schwierige Arbeitssuche

Vor wenigen Tagen unterschrieb er einen Vertrag als Maler bei einem Temporärbüro, glaubte endlich am Ziel zu sein. Er arbeitete dort einen Tag. Sein Vorarbeiter war sehr zufrieden. Doch der Geschäftsführer schickte ihn nach getaner Arbeit nach Hause. Zu gross war die Angst, es könnte zu einem Arbeitsunfall kommen, weil er die Anweisungen nicht verstehen würde. «Ich konnte mich aber in Englisch bestens verständigen.»

Seine Frau hatte etwas mehr Glück. Am vergangenen Mittwoch trat sie eine Stelle in einer Wäscherei an. Erschöpft kehrt sie nach einer 13-Stunden-Schicht auf den Campingplatz zurück. Ihr setzt das bisher einen Monat andauernde Leben im Zelt sichtlich zu. Kaum Privatsphäre, keine Möglichkeit sich dauerhafter einzurichten, sich auch mal richtig hübsch zu machen. Und dennoch haben sie hohe Kosten: «Mehr als 1500 Franken bezahlen wir pro Monat für den Platz». Die täglichen Duschen für je zwei Franken nicht miteingerechnet. Die Stimmung zwischen den Fernandez scheint angespannt.

Angst um den Sohn

Und immer wieder die Sorge um den kleinen Alejandro: An seiner Schule in Spanien, so sagen sie, kümmerten sich mehrere ausgebildete Fachkräfte um den leichten Autisten. Hier sind sie sich nicht sicher, ob er die gleiche Unterstützung bekäme. «Es ist für ihn sowieso schwierig, sich verständlich zu machen. Hier kennt er nicht einmal die Sprache.» Zudem machen sie sich Sorgen, weil das Schuljahr in der Schweiz bereits begonnen hat, sie ihr Kind aber hier erst einschulen wollen, wenn beide eine Arbeit gefunden haben. In Spanien müsste Alejandro Anfang September wieder die Schulbank drücken.

Sollten bis dahin nicht beide beschäftigt sein, will zumindest einer mit dem Sohn zurück nach Spanien. Doch die Mutter weiss: «Für unseren Sohn wäre das schlimm. Wenn wir mit ihm darüber sprechen, sagt er immer, er wolle uns beide bei sich haben.»

Der sechsjährige Alejandro ist fasziniert von den Schweizerischen S-Bahnen. Stundenlang könnte er den Zügen zuschauen, die nahe am Campingplatz vorbeisausen. Läutet das Telefon seines Vaters, fragt er immer: «Papa, hast du nun eine Arbeit gefunden? Dann könnten wir uns doch einen kleinen Zug kaufen.»

Wenigstens einen Hoffnungsschimmer gibt es nun am Horizont der Fernandez. Bald können sie den Campingplatz verlassen und in ein möbliertes 1-Zimmer-Appartement ziehen. Die monatliche Miete: 1900 Franken.

DerBund.ch/Newsnet

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