Flucht und Segen

Wirtschaftsflüchtlinge müssen von ihrem Image als «schlechte Asylsuchende» befreit werden. Ein Kommentar.

Sie wollen nichts anderes als wir: Afrikanische Bootsflüchtlinge auf einem Schiff der italienischen Marine. Foto: Matteo Giudelli (Keystone)

Sie wollen nichts anderes als wir: Afrikanische Bootsflüchtlinge auf einem Schiff der italienischen Marine. Foto: Matteo Giudelli (Keystone)

Hannes Nussbaumer@tagesanzeiger

Wer das nötige Geld hat, kann sich die Staatsbürgerschaft von Malta kaufen. Rund 1,4 Millionen Franken kostet der Pass – es ist ein EU-Pass, schliesslich gehört der Inselstaat zur Union. Die Verantwortlichen rühmen Maltas Programm als «Pioniermodell». Es richte sich nach der «neuen Realität»: der Globalisierung.

Tatsächlich verlangt die Globalisierung Mobilität und Flexibilität. Am besten aufgestellt ist, wer sich zur rechten Zeit an den richtigen Ort begibt und dort seine Fähigkeiten optimal einbringt. In der globalisierten Welt ist jeder ein Unternehmer seiner selbst. Kein Wunder, entstehen da Angebote, welche die individuelle Beweglichkeit erhöhen. Dass dafür Geld verlangt wird, liegt in der Natur von Angebot und Nachfrage.

Nun kann man den Handel mit Staatsbürgerschaften aus politischen oder moralischen Gründen ablehnen. Das ändert nichts daran, dass das maltesische Geschäftsmodell bestens in die liberale Wirtschaftsordnung passt.

Die bestmögliche Umgebung finden

Damit gerät allerdings unsere Widersprüchlichkeit in den Fokus. Zum einen sind wir alle, angetrieben von Politikern und Firmenchefs, um unsere Globalisierungs-Fitness bemüht: Flexibel, mobil und erfüllt von einer lebenslangen Veränderungsbereitschaft – so hat der moderne Mensch zu sein. Zum anderen begegnen wir ausgerechnet jenen, die diese Eigenschaften exemplarisch verkörpern, mit denkbar heftiger Abwehr: den Asylsuchenden aus der Zweiten oder Dritten Welt, die nicht vor Verfolgung, sondern vor der wirtschaftlichen Misere in ihrer Heimat geflohen sind und deshalb als «unechte», als «Wirtschaftsflüchtlinge» abgestempelt werden. Dabei machen sie nichts anderes als der Käufer eines maltesischen Passes, als der Spitzenverdiener, der nach Wollerau zieht, als der deutsche Arzt, der an ein Schweizer Spital wechselt: Sie alle versuchen, die bestmögliche Umgebung für sich und ihre persönliche Entfaltung zu finden.

Es ist weder möglich noch sinnvoll, all jenen, die aus wirtschaftlichen Gründen Asyl beantragen, dieses zu gewähren. Aber es ist höchste Zeit, diese Asylsuchenden von ihrem Image als «schlechte» Flüchtlinge zu befreien. Sie wollen nichts anderes als wir alle: Aufstieg und Wohlergehen.

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