Falscher Schweiz-Sitz für Abramowitsch

Laut einem Eintrag im britischen Handelsregister wohnt Oligarch und FC-Chelsea-Boss Roman Abramowitsch seit Monaten in der Schweiz. Doch dem ist nicht so.

Abramowitsch wurde als Besitzer des FC Chelsea bekannt. Foto: Paul Gilham (Getty Images)

Abramowitsch wurde als Besitzer des FC Chelsea bekannt. Foto: Paul Gilham (Getty Images)

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Name: Mister Roman Abramowitsch.
Geburtsdatum: **/10/1966.
Nationalität: Russisch.
Hauptwohnsitz: Schweiz.

So steht es offiziell im Handelsregister des Vereinigten Königreichs. Der Eintrag verblüfft. Denn er betrifft einen Mann, der in die Schweiz ziehen wollte, es aber bislang nicht tat. Und er betrifft seine Firma Fordstam Limited.

Fordstam ist ein Anagramm für Stamford. An der Stamford Bridge in London steht das Stadion des Chelsea FC. Über Fordstam kontrolliert Roman Abramowitsch den Vierten der Premier League.

Im britischen Register wird der 51-Jährige als Fordstam-Hauptaktionär und so als Chelsea-Besitzer ausgewiesen. Seit Monaten ist dort «Switzerland» als sein Hauptwohnsitz («Country/State Usually Resident») für jeden einsehbar. Die staatliche Datenbank ist öffentlich.

Doch der bekannteste Oligarch der Welt ist bekanntlich nicht in den Skiort Verbier gezogen. Er hatte dies nur beabsichtigt. Um sein Aufenthaltsgesuch an den Kanton Wallis gab es ein Hin und Her. Es endete vorläufig mit einem Brief von Boss zu Boss: von Fussballchef Abramowitsch zur Direktorin des Bundesamts für Polizei (Fedpol). Abramowitsch schrieb Nicoletta della Valle im November 2017, dass er sein zwischenzeitlich zurückgezogenes Gesuch reaktivieren wolle. Doch das Fedpol erklärte sich dafür für unzuständig.

Vor dem Rückzug registriert

Seit die «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» am Wochenende über das Hickhack schrieben, geht diese Nachricht um die Welt. Nur darf nicht über die Hintergründe des Falls berichtet werden. Ein Zürcher Gericht hat es auf Antrag des Multimilliardärs vorerst untersagt – mit Verweis auf mögliche Verletzungen von Persönlichkeitsrechten. Erlaubt bleibt, dass über das Aufenthaltsgesuch an und für sich berichtet wird. Und hier wird es nun interessant, wenn man die Chronologie genauer anschaut.

Sein Ersuchen, in die Schweiz zu ziehen, hatte Abramowitsch im Juli 2016 nach Sitten übermittelt. Das Wallis reagierte erfreut. Man hätte den Superreichen (Platz 139 der Forbes-Liste) gerne als Steuerzahler gehabt. Was danach passierte, darf zurzeit nicht detailliert öffentlich werden. Nur so viel: Vom 22. Mai 2017 datiert die Bestätigung ans Handelsregister in London, wonach Abramowitsch in der Schweiz seinen Hauptwohnsitz habe. Keine drei Wochen später, am 7. Juni 2017, zog der Oligarch sein Gesuch um eine Aufenthaltsbewilligung im Wallis zurück.

Bis heute hat Abramowitsch gemäss einer verlässlichen Quelle nie einen Schweizer Wohnsitz gehabt. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) wollte sich nicht zur Falschangabe im britischen Handelsregister äussern. Es verweist auf seine Auskunft von vergangener Woche: Darin bestätigte es das Gesuch und den Rückzug, aber es schrieb nichts von einer vor- oder nachher erteilten allfälligen Bewilligung. Daraus folgt: Abramowitsch wohnte in den letzten Jahren nie offiziell im Land.

Er selber reagierte nicht auf neue Anfragen dieser Zeitung. Vergangene Woche hatte ein Sprecher erklärt, dass man sich nicht zu privaten Dingen oder laufenden Verfahren äussere.

Königreich kontrolliert besser

Mit dem Eintrag im britischen Handelsregister hat Fordstam Abramowitsch im Mai 2017 als PSC benannt – «Person with Significant Control». Der Oligarch übt also eine bedeutende Kontrolle über die Firma aus. Offengelegt sind Anteile von 75 Prozent oder mehr. Die PSC-Kategorie ist ein relativ neuer Kontrollmechanismus. Erst seit April 2016 müssen grosse Teilhaber offengelegt werden. Die Pflicht soll Firmenstrukturen und die wahren Eigentümer transparenter machen.

Ein PSC wie Abramowitsch muss neben seinem Namen, seinem Geburtsdatum und seiner Nationalität auch das Land angeben, in dem er lebt. Jede Änderung muss die Firma dem Handelsregister melden – und zwar innerhalb von 14 Tagen, nachdem sie selbst davon erfahren hat. Jede falsche Angabe oder jedes Nichteinhalten der Vorschriften gilt als Straftat und ist mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bedroht.

In Grossbritannien hatten Bewohner mit Hauptwohnsitz im Ausland, genannt «Residents Non-Domiciled», lange nur sehr geringe Steuern bezahlen müssen. Jüngst wurden die Fiskalgesetze verschärft, die auch viele Oligarchen angezogen hatten. Ein praktisch steuerfreier Aufenthalt ist neu nur noch 15 bis maximal 20 Jahre möglich. Dies bewegt einige Superreiche, über einen Wegzug aus dem Königreich nachzudenken.

Entdeckung eines Bloggers

Auch bei Abramowitsch könnte die Uhr ticken. Er hatte Chelsea 2003 gekauft und war auch in jener Zeit nach London gezogen. Damals wurde auch die Holding Chelsea Limited gegründet. Nach fünf Jahren wurde sie umbenannt in Fordstam Limited.

Dass die Firma Abramowitsch beim britischen Staat mit Wohnort Schweiz angibt, wurde vom russischen Blogger und Korruptionsbekämpfer Georgi Alburow entdeckt und in einem Tweet kommentiert. Gestern war der Registereintrag online noch unverändert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2018, 21:44 Uhr

FC Chelsea

Finanziert über Steuerparadies

Als Roman Abramowitsch 2003 im englischen Fussball einstieg, wurde die Holding Chelsea Limited gegründet, die heutige Fordstam Limited. Zurzeit besitzt Fordstam zu 100 Prozent die Firma Chelsea FC, die wiederum eine Holding ist für weitere zwölf Firmen. Kernstück ist die Sportabteilung mit dem gleichnamigen Champions-League-Sieger von 2012. Es zählen aber auch Unternehmen für Merchandising, Catering, Sicherheit und Investitionen dazu. Alle haben irgendwie etwas mit Fussball zu tun. Und alle haben ihren Sitz an derselben Adresse an der Stamford Bridge.

Fordstams Einnahmen stammen aus den Erlösen von Eintrittskarten, Vermarktung und Übertragungsrechten. Zuletzt wies die Gesellschaft einen Verlust von umgerechnet rund 111 Millionen Franken (vor Steuer) aus, bei einem Umsatz von knapp 440 Millionen. Die Steuerleistung fiel entsprechend niedrig aus: etwas mehr als eine Million Franken.

Abramowitsch fördert seinen FC, indem Fordstam Kredite erhält, mit denen die Tochterfirmen finanziert werden. Ausgewiesen wurde zuletzt ein Gesamtkredit von umgerechnet über 1,4 Milliarden Franken. Geliehen wurde das Geld von einer Firma namens Lindeza Worldwide Limited auf den britischen Jungfern-Inseln, einem Steuerparadies in der Karibik. (bo)

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