Es geht um mehr als nur um die Wurst

Ganze acht Öko-Agrar-Initiativen stehen ab Herbst im Raum: Warum schlägt die Schweizer Politik dem Stimmbürger immer stärker auf den Magen?

Verschiedene Vorlagen zielen auf eine gesündere Ernährung ab: Ein Metzger beim Wursten. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Verschiedene Vorlagen zielen auf eine gesündere Ernährung ab: Ein Metzger beim Wursten. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schaut euch die Peperoni an. Die Cherrytomätchen. Glänzende Auberginen. Wunderschöne Rüebli, knackig und orange. Scherzend und lachend packen die Frauen das Gemüse in farbige Taschen ein. Die schweren Sachen zuerst, zuoberst ein feines Kräutersträusschen.

Sie tragen Strohhüte, Gartenkleider, Handschuhe. Es ist ein Donnerstagmorgen, der schönste Morgen in der «Gmüeserei» in Sissach. Erntezeit. «Im Garten erlebt man alles zusammen. Den Erfolg, den Misserfolg.» Pascal Benninger, einer der wenigen Männer heute, trägt ebenfalls einen Strohhut. Es ist heiss in Sissach.

Fünfzig Prozent ist Benninger von der «Gmüeserei» angestellt, einer Genossenschaft, die nach einem simplen Prinzip funktioniert: Alle müssen beim gemeinsamen Gemüseanbau mithelfen, der Ertrag wird geteilt. Seit März bepflanzen die Genossenschafter ein Feld, nun hat zum ersten Mal die Ernte begonnen.

Essen aus dem eigenen Boden

Im Schatten hinter Benninger sitzt Maya Graf, grüne Nationalrätin aus Sissach. Sie ist auch Genossenschafterin, aus Solidarität. Das Projekt: exakt nach ihrem Gusto. Im Kleinen ändern, was im Grossen ohnmächtig macht. «In den vergangenen Jahrzehnten ist die Globalisierung über uns hinweggefegt, und wir wussten nicht, wie mit uns geschieht», sagt Graf. Projekte wie dieses hier in ihrer Baselbieter Heimat seien eine Reaktion darauf. Mit eigenen Händen etwas anbauen, die Wertschöpfungskette wieder überblicken, Essen aus dem eigenen Boden. «Es ist ein Versuch, der Hilflosigkeit etwas entgegenzustellen.»

Projekte wie in Sissach gibt es in der ganzen Schweiz. Und es bleibt nicht bei den Peperoni und Rüebli aus dem gemeinsam bewirtschafteten Feld – parallel hat die Politik das Thema Essen in einer Art und Weise für sich entdeckt, dass man beinahe den Überblick zu verlieren droht.


Video: Bundesrat hält Initiative für Ernährungssouveränität für gefährlich

Die Initiative würde zu höheren Preisen führen, warnt Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Der Bundesrat wählt deutliche Worte, um gegen die Initiative zu werben. (Video: SDA)


In der nächsten Zeit stimmen wir über die rekordhohe Zahl von acht Öko-Agrar-Initiativen ab, die alle darauf abzielen, die Herstellung unserer Lebensmittel zu verändern. Am 23. September geht es um «Fair Food» und «Ernährungssouveränität». Die Volksinitiativen unterscheiden sich in ihrer Radikalität, wollen aber beide das Essen auf unseren Tellern nachhaltiger, umweltschonender, tierfreundlicher und sozialverträglicher machen.

Regulieren und verbieten

Bereits im November folgt die Hornkuh-Initiative. Im Bundeshaus hängig sind Volksbegehren für ein Pestizidverbot und für sauberes Trinkwasser; lanciert werden demnächst Initiativen für ein Importverbot von tierquälerisch erzeugten Produkten sowie für eine Ernährungserziehung der Jugend.

Dazu kommen zahlreiche Vorstösse im Parlament: Warnungen vor fett-, salz- oder zuckerhaltigen Lebensmitteln sollen gesetzlich verankert, Werbung für ungesunde Speisen eingeschränkt, Produkte besser deklariert und eine schweizweite Zuckersteuer eingeführt werden.

Warum treibt das Thema Ernährung die Menschen so stark um? Und welche Menschen? Der Sammelerfolg unterschiedlichster Kreise, der Druck der Politiker im Bundeshaus: Längst sind es nicht mehr nur frustrierte Bauern oder Öko-Fundamentalisten am äussersten linken Rand, die mehr Kontrolle darüber wollen, wie unser Essen hergestellt wird. Es sind Stadt- und Landmenschen gleichermassen, Linke und Rechte, Junge und Alte. Es ist eine Bewegung ohne Bewegungscharakter. Der Schweizer, die Schweizerin hat offensichtlich genug von Pestiziden und Antibiotika, von Stopflebern und Batteriehühnern. Besinnen wir uns nach dem alles dominierenden Prinzip der Wirtschaftlichkeit auf die Moral zurück? Oder geht es uns einfach so gut, dass auch politisch nicht mehr die Versorgung, sondern das Gewissen im Vordergrund steht?

«In Zeiten der Selbstoptimierung ist es wichtig geworden, was wir unserem Körper zuführen.»Michael Hermann, Politgeograf

Zeitgeist, lautet die Antwort von Politgeograf Michael Hermann. «In Zeiten der Selbstoptimierung ist es extrem wichtig geworden, was wir unserem Körper zuführen.» Das geht viel weiter als früher. Und ist – fast schon – mehrheitsfähig. «Es sind eben keine klassisch linken Vorlagen mehr, sondern eher Lifestyle-Vorlagen für ein viel breiteres Publikum.» Gleichzeitig beobachtet Hermann auch einen gewissen Hang zur Radikalität: Nicht nur lassen sich mit diesen Themen die Massen ansprechen, sie sind auch Ausdruck für einen erzieherischen Trend nach einem gefälligen und gesunden Leben. Per Gesetz, verordnet vom Staat.

Und darum: ein Grauen für viele Bürgerliche. Für SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni sind die zahlreichen Initiativen und Vorstösse ein Zeichen dafür, dass die Diskussion längst aus dem Ruder gelaufen ist. Sie kämpft seit Jahren gegen die «staatliche Einmischung» in die Ernährung. Zuletzt hat sie im Juni eine Motion eingereicht: Sie will einen Artikel im Lebensmittelgesetz streichen, der den Bundesbehörden die Kompetenz gibt, der Öffentlichkeit und den Schulen ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln.

Umfrage

Soll sich der Staat in unsere Ernährung einmischen?




«Väterchen Staat – Hände weg von meinem Teller! Das sollte die Devise sein», sagt Flückiger. Essen sei etwas sehr Privates, doch der Staat habe mit der Ernährungserziehung und -gestaltung ein neues Betätigungsfeld entdeckt. «In unserem heutigen Überfluss sucht man nach neuen politischen Themen. Da bietet sich das Essen an: Darüber machen sich die Konsumenten täglich Gedanken.»

Zurück zum Lokalen, mehr Sensibilität für die Tierhaltung, nachvollziehbare Produktionsprozesse: Viele Ziele der diversen Initianten teilt auch die SVP-Nationalrätin. Nur: Flückiger will die Menschen nicht dazu verpflichten, den Staat nicht dazu befugen. «Man kann sich ja schon heute über die Herkunft der Lebensmittel informieren und ganz freiwillig beim Bauern, in der Dorfmetzg oder beim Bäcker einkaufen.» Essen solle ein Genuss bleiben, das schlechte Gewissen dürfe uns den Appetit nicht verderben. «Oder wollen wir ein freudloses Volk werden, das jeden Bissen zweimal umdreht?»

Viele Schweizer haben offensichtlich genug von Pestiziden und Antibiotika.

Die letzte Aussage der SVP-Nationalrätin würde Meret Schneider wohl unterschreiben. Den ganzen Rest: bewahre. Die Diskussionen im Parlament machen Schneider ungeduldig. «Es ist Zeit, endlich hinzuschauen! Wir trimmen unsere Landwirtschaft auf Höchstleistung, beschleunigen damit den Klimawandel und vergrössern das Tierleid», sagt die 26-Jährige. Sie sitzt im Vegi-Restaurant Tibits in Zürich – natürlich – und rattert landwirtschaftliche Kennwerte auf die Hektare genau herunter. 10 Schweine auf der Fläche eines Parkplatzes. 14 Hühner pro Quadratmeter. «Tiere dürfen auch in der Schweiz auf engstem Raum gehalten werden. Und für diese Massenproduktion importieren wir jährlich 1,2 Millionen Tonnen Getreidefuttermittel. Das ist doch absurd», sagt die grüne Ustermer Gemeinderätin.

Bedürfnis nach Bodenhaftung

Draussen regnet es, endlich, deshalb hat Schneider ihr Programm umgestellt. Eigentlich wollte sie am Zürcher Theater Spektakel Unterschriften für das neueste Projekt ihrer Organisation sammeln, die Volksinitiative gegen Massentierhaltung, aber bei Regen eilen die Menschen zu schnell am Stand vorbei.

Meret Schneider ist Co-Geschäftsleiterin von Sentience Politics, einem Verein, der sich seit drei Jahren politisch «für das Wohl aller empfindungsfähigen Lebewesen» einsetzt. In dieser Zeit hat er mit einigem Erfolg in den Städten Zürich, Bern, Basel und Luzern Vorstösse zu nachhaltiger Ernährung lanciert und unter anderem gefordert, dass alle öffentlichen Kantinen vegane Menüs anbieten müssen.

Meret Schneider sammelt Unterschriften gegen Massentierhaltung. Foto: Samuel Schalch

Es seien vor allem «moderate» Fleischesser, die sich für ihre neue Initiative gegen Massentierhaltung interessierten, sagt sie. «Sie wollen mehr darüber wissen, wie die Tiere gelebt haben – und sind dann schockiert, wenn ich ihnen Zahlen und Fakten liefere», erzählt die Veganerin. Dass Ernährungsinitiativen in der Bevölkerung gerade jetzt so viel Zuspruch erfahren würden, sei kein Zufall: Die Landwirtschaft werde industrieller, der moderne Mensch jedoch habe ein Bedürfnis nach Bodenhaftung, gerade im Konsum. «Dazu passt es schlecht, Fleisch von Schweinen zu essen, die nie Tageslicht gesehen haben und mit Antibiotika vollgepumpt waren.»

Schneider spricht leidenschaftlich, bleibt aber nüchtern in der Argumentation. Das macht sie zur typischen Vertreterin der jüngeren Generation von Öko-Agrar-Aktivisten. Deren Gesinnung lässt sich nicht mehr einfach an Batik-Shirts und Sandalen ablesen; sie sind technikaffin, gut vernetzt und bestens informiert. Und sie operieren mit der Macht der Zahlen statt mit der Kraft der Ideologie. Damit erreichen sie Menschen in allen politischen Lagern. Gleichzeitig sind sie kompromissloser als ihre Vorkämpfer. «Es gibt nicht ein bisschen Tierschutz in den Ställen oder ein wenig nachhaltigere Produkte in den Regalen», sagt Schneider.

Maya Graf und Meret Schneider sind in der gleichen Partei, haben ähnliche Haltungen – und gehen doch ganz anders vor. Graf sieht sich als «Ermöglicherin», damit die Menschen wieder mehr Verantwortung für ihr eigenes Essen übernehmen können. Wie in der Genossenschaft im Baselbiet. Schneider hingegen will gerne noch einen Schritt weiter gehen. Am Ziel der beiden ändert das freilich nichts. Glänzende Auberginen, Rüebli, knackig und orange. Aus dem eigenen Garten und nicht aus dem Gewächshaus in Nordspanien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 09:25 Uhr

Collection

Die Seite Drei

Artikel zum Thema

«Wer Kinder so ernährt, spielt mit ihrer Gesundheit»

Mangelernährung in der Schweiz: Experte Hans Biesalski spricht im Interview über den «versteckten Hunger». Mehr...

Ein Familienleben ohne Zucker

Die Levy-Hoffmanns haben das «pure Gift» komplett von ihrem Menüplan gestrichen. Wie lebt es sich ungesüsst? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Paid Post

Langlaufträume in Österreichs Winterwunderland

Seefeld und Achensee verbinden Natur, Sport und Kulinarik. Zwei Profis verraten Ihnen ihre Geheimtipps.

Kommentare

Gössis grosse FDP-Show

Reportage Niemand betreibt im Moment besseres Politmarketing als der Freisinn. Wie gelingt das der Präsidentin? Mehr...