Ein steiniger, aber fruchtbarer Boden

Integration auf dem Bauernhof, geht das? Ja, sagen der Bauernverband und das Staatssekretariat für Migration.

Nicht immer wissen die Flüchtlinge, was auf dem Bauernhof auf sie zukommt. Foto: Markus Forte

Nicht immer wissen die Flüchtlinge, was auf dem Bauernhof auf sie zukommt. Foto: Markus Forte

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Ein junger Eritreer sitzt auf einem Traktor. Schnitt. Ein Bauer erzählt, der Junge mache das gut. Schnitt. «Ich arbeite hart, elf Stunden am Tag.» Schnitt. Melkmaschine und Euter. Schnitt. Der junge Eritreer ­erhält ein Diplom. Schnitt.

Vergangenen Mittwoch präsentierte der Schweizerische Bauernverband gemeinsam mit dem Staats­sekretariat für Migration (SEM) die Erfolgsgeschichte des Tesfu Adhanom. Der kurze Film zeigt Adhanoms Werdegang, wie er erst Arbeit, dann ein Zuhause auf dem Bauernhof gefunden hat. Eine Erfolgsgeschichte, die zeigen soll: Flüchtlinge auf Schweizer Bauernhöfen, das kann funktionieren. Zu diesem Fazit kommen jedenfalls Bauernverband und SEM am Ende des dreijährigen Pilotprojekts «Arbeiten in der Landwirtschaft».

Das Projekt wurde 2015 ­lanciert. Insgesamt wurden 30 Flüchtlinge an 17 Bauernhöfe vermittelt. 24 schlossen den Test erfolgreich ab. 10 arbeiten heute als Angestellte auf den Testbetrieben – einer davon ist Tesfu Adhanom. Weitere 7 fanden eine Stelle auf einem anderen Hof.

Win-win – im Idealfall

Die Schweizer Landwirtschaft braucht jährlich zwischen 25'000 und 35'000 Fachkräfte. Heute kommen diese meist aus Spanien, Portugal und Osteuropa. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote unter den vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen hoch. Justizministerin Simonetta Sommaruga äusserte 2016 ihren Unmut über die Bauern. Gemessen an den ausländischen Arbeitskräften, die die Landwirtschaft jährlich rekrutiere, sei die Zahl der beschäftigten Flüchtlinge «absolut unbefriedigend». Der Bund schätzt, dass rund 70 Prozent der anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen das Potenzial haben, im hiesigen Arbeitsmarkt zu bestehen. Auch auf Bauernhöfen.

Die Projektpartner betonten am Mittwoch indes, Ziel des Projekts sei nicht die Arbeitsvermittlung gewesen; man wollte wissen, unter welchen Rahmenbedingungen anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene Arbeit in der Landwirtschaft finden und behalten können. Fachkräftemangel und Potenzial im Inland: «Im Idealfall wäre das eine Win-win-Situation für alle», sagte Jacques Bourgeois, Direktor des Bauernverbands. Die Evaluation des Projekts zeigt aber: Nur zwei Drittel der 45 Stellen konnten besetzt werden. Die abgelegenen Höfe, die langen Arbeitstage, fehlende Führerscheine und Sprachbarrieren führten zu Problemen.

«Es ist nun Sache der Kantone, die Integrationsmassnahmen zu intensivieren.»Mario Gattiker, Staatssekretär für Migration

Künftig sollen arbeitswillige Flüchtlinge mit Praktika und Schnuppertagen auf den bäuerlichen Alltag vorbereitet werden. Mario Gattiker, Staatssekretär für Migration, sagte: «Es ist nun Sache der Kantone, die Integrationsmassnahmen zu intensivieren.» Einige tun das bereits. Aargau, Bern, Freiburg, Neuenburg und das Tessin bieten neuerdings Integrationsvorlehren an landwirtschaftlichen Schulen an. Am Inforama in Zollikofen BE beginnen in diesen Tagen zehn Eritreer sowie ein Somalier und ein Kosovare die einjährige Ausbildung.

Die Branche braucht primär Erntehelfer und bietet vor allem befristete Arbeitsverhältnisse an. Markus Hausammann ist SVP-Nationalrat, Bauer und Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft. Er sagt: «Die Landwirtschaft kann einen Teil ­bei­tragen, aber nur wenn die ­Rahmenbedingungen stimmen.» Leistungen müssten abgegolten werden, die Verantwortung für den Arbeitseinsatz müsse bei den Sozialbehörden bleiben. Ein Flüchtling, der auf dem Bauernhof arbeiten wolle, wisse oft nicht, was auf ihn zukomme. Er ersetze wegen der fehlenden Erfahrung die Osteuropäer nicht. Laut SP-Nationalrätin Mattea Meyer ist es «erfreulich, dass die Landwirtschaft einen Beitrag zur Integration leistet und Flüchtlinge die Landwirtschaft unterstützen». Das Engagement müsse nun aber vorangetrieben werden. Nicht nur auf den Bauernhöfen. «Der Zugang zum Arbeitsmarkt muss generell erleichtert werden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 22:33 Uhr

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