Ein Gänseleber-Graben trennt das Land

Der Nationalrat will die Einfuhr von Foie gras verbieten. Romands sind alarmiert.

Rücksicht auf die Gans: SP-Politiker Matthias Aebischer will ein Importverbot für «tierquälerisch erzeugte Produkte».

Rücksicht auf die Gans: SP-Politiker Matthias Aebischer will ein Importverbot für «tierquälerisch erzeugte Produkte». Bild: Matthias Bein/Keystone

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Matthias Aebischer (SP, BE) steht in der Wandelhalle und seufzt. Jetzt muss er also auch noch der Deutschschweiz erklären, warum er die Foie gras verbieten will, die Stopfleber von Ente oder Gans, die diesseits des Röstigrabens kaum verspeist wird – jenseits der Sprachgrenze aber, mon Dieu! An Weihnachten und an Neujahr ist die Foie gras für viele Westschweizer ein zentraler Bestandteil des Festtagsmenüs. Und auch unter dem Jahr erfreut sie sich grosser Beliebtheit. Die Stopfleber ist gewissermassen der Rauchlachs der Romandie: eine kulinarische Delikatesse, ein Symbol für Wohlstand und ein Objekt kultureller Selbstvergewisserung.

Aber damit soll jetzt Schluss sein. Am Mittwoch hat sich der Nationalrat für einen faktischen Foie-gras-Bann ausgesprochen. Eher überraschend überwies eine Allianz von Mitte-links-Politikern und Bauern einen Vorstoss von SP-Politiker Aebischer, der ein Importverbot für «tierquälerisch erzeugte Produkte» verlangt. Betroffen sind unter anderem Eier aus Batteriehaltung und Froschschenkel, aber eben auch die Foie gras, weil das Stopfen von Enten und Gänsen mit einem Maisbrei aus Rücksicht auf das Tierwohl in der Schweiz schon seit geraumer Zeit verboten sei.

«Ein striktes Verbot würde eine in der Romandie über viele Jahrhunderte verankerte Tradition vernichten.» Josef Zisyadis, Präsident Slow Food Schweiz

Und jetzt herrscht Aufregung in der Romandie. Alle würden nur noch von der Foie gras sprechen, sagt SP-Nationalrat Aebischer. Dabei gehe es ihm nicht primär darum, die Stopfleber zu verbannen. «Ich will etwas Grundsätzliches klären: Wenn wir in der Schweiz eine gewisse Tierhaltung verbieten, weil es sich um Tierquälerei handelt, dann können wir nicht einfach hingehen und die entsprechenden Produkte aus dem Ausland beziehen.» Für Aebischer ist es eine Frage des Tierschutzes, aber auch eine der Logik und der Konsequenz.

Für viele Romands jedoch geht es um eine Frage des Genusses und der Identität. Zum Beispiel für Aebischers Fraktionskollegin Valérie Piller-Carrard (SP, FR). Sie hat sich bei der Abstimmung über das Importverbot enthalten. Warum? «Wie sollte ich dieses Verbot unterstützen? Ich bin selbst eine Liebhaberin von Foie gras.» Natürlich sei sie sich bewusst, dass es sich bei dieser Speise um eine sehr frankofone Tradition handle. «Aber es enttäuscht mich, dass dem Nationalrat die kulturelle Sensibilität fehlt, den Minderheiten in der Schweiz ihre kulinarischen Eigenheiten zu belassen», sagt Piller-Carrard.

Traditionelle Methode: Der südfranzösische Bauer Bernard Lavergne beim Stopfen seiner Gänse. Foto: Rebecca Marshall (Laif)

Ganz ähnlich tönt es bei Josef Zisyadis, Alt-Nationalrat der PDA und Präsident von Slow Food Schweiz: «Ein striktes Verbot von Foie gras würde eine in der Romandie über viele Jahrhunderte verankerte kulinarische Tradition vernichten.» Zudem sei ein solcher Eingriff unnötig. Es gebe inzwischen sehr wohl Möglichkeiten, Foie gras auf eine tierschonende und ökologische Weise herzustellen. Viele Kleinbauern würden diese Methoden bereits anwenden. «Wir sollten uns darauf konzentrieren, die industrielle Produktion zu bekämpfen.» Zisyadis will sich nun in Bern für diese Differenzierung einsetzen.

Auch Berset mag die Leber

Voraussetzung für das Verbot ist, dass nach dem Nationalrat auch der Ständerat die Motion überweist. Wie das aber realisiert werden soll, ist ohnehin eine offene Frage. Innenminister Alain Berset, auch er schwärmte schon von der Foie gras, verwies auf eine ganze Reihe offener Fragen: Wie will die Politik tierquälerische Produktionsbedingungen definieren? Wie kann der Bund ausländische Hersteller überprüfen? Und wie wäre ein Importstopp mit internationalen Handelsabkommen zu vereinbaren?

Stellt sich schliesslich die Frage, ob ein Foie-gras-Verbot die Liebhaber der Stopfleber zu einem Verzicht bewegen würde. «Nein», sagt SP-Nationalrätin Piller-Carrard. «Ich werde weiter Foie gras geniessen. Auch wenn ich dafür nach Frankreich reisen muss. On verra.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2017, 20:15 Uhr

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