«Ein Begleiter in jedem Zug ist absolut unmöglich»

Nach der Attacke von Salez: Der Präsident der Lokführer will, dass kein Zug ohne Begleiter fährt. Branchenexperten zu dieser Forderung und der überlasteten Notrufzentrale.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Lokführer-Präsident Hans-Ruedi Schürch fordert nach der Brand- und Messerattacke letzten Samstag in der Nähe von Salez SG: «Es braucht wieder in jedem Zug einen Zugbegleiter.» Dieser könne zwar eine Attacke wie jene in Salez nicht immer verhindern, aber den Täter möglicherweise abschrecken.

Benedikt Weibel war von 1993 bis 2006 Chef der SBB. Er lehnt Schürchs Forderung ab: «In jedem Zug einen Zugbegleiter einzusetzen, ist absolut unmöglich.» Und selbst wenn ein Zugbegleiter präsent sei, heisse das nicht, dass er eine Gewalttat verhindern könne. «Mit gewissen Restrisiken müssen wir leben», sagt Weibel. Auch wegen der Kosten sei es nicht möglich, das Personal in den Zügen derart aufzustocken. Weiter ist mehr Personal an den Bahnhöfen für Weibel ebenfalls keine sinnvolle Option. Auch damit könne man nicht alle Risiken eliminieren. «Wie Erich Kästner sagte: Leben ist immer lebensgefährlich.»

Zur Forderung nach mehr Zugbegleitern sagt Walter von Andrian, Chefredakor der «Eisenbahn-Revue»: «Ein Zugbegleiter kann in einer gefährlichen Situation auch nicht immer etwas ausrichten.» Einen positiven Effekt könne seine Präsenz aber schon haben: «Wenn jemand im Zug anwesend ist, der schnell Verstärkung organisieren könnte, kann das durchaus abschreckend wirken.» Er glaube aber nicht, dass es für solche Situationen ein Patentrezept gebe, sagt von Andrian. Auch mehr Sicherheitspersonal an den Bahnhöfen wäre seiner Meinung nach nicht sinnvoll. «Das nützt letztlich auch nicht viel, wenn im Zug etwas passiert – und umgekehrt.» Ausserdem könne man nicht eine immer billigere Bahn und gleichzeitig mehr Personal fordern.

Notrufzentrale war überlastet

Nicht nur die unbegleiteten Züge stehen nach der Attacke in Salez in der Kritik. Zufälligerweise kam es zur gleichen Zeit noch zu einem anderen gewalttätigen Vorfall: In einem Interregio von Bern nach Zürich attackierte ein Betrunkener seine Partnerin. Laut einem Zeugenbericht begann der Mann kurz vor Burgdorf damit, die Frau zu schlagen und zu würgen. Ein Zeuge rief bei der Notrufnummer der Bahnpolizei an (0800 117 117) und berichtet danach, er habe minutenlang keine Antwort erhalten. Er habe mehrmals angerufen, und immer sei nur die Stimme ab Band gekommen.

Christian Ginsig, stellvertretender Leiter der SBB-Medienstelle, sagt zur Überlastung der Notrufzentrale: «Es ist noch zu früh, um Schlüsse zu ziehen.» Dafür brauche man erst solide Rückmeldungen. Man werde abwarten, ob Staatsanwaltschaft oder Polizei nach der Auswertung des Falls Salez Empfehlungen abgeben. «Falls dann eine Änderung bezüglich unseres Sicherheitsdispositivs verlangt wird, werden wir selbstverständlich entsprechende Massnahmen einleiten.» Sowohl was die Notrufzentrale als auch was die Sicherheit vor Ort betreffe. Zudem werde man das Ereignis intern auswerten.

«Die Transportzentrale beantwortet in einem Jahr 147'000 Anrufe», sagt Ginsig. Notrufe würden mehrsprachig und rund um die Uhr prioritär behandelt. Dass der Anrufer bei Burgdorf nicht durchgekommen sei, liege daran, dass ein grosser Teil des Personals mit den Notrufen aus Salez beschäftigt war. «Wäre der Mann aber länger drangeblieben, hätte er auf jeden Fall noch mit einem Mitarbeiter sprechen können», sagt Ginsig. In einem solchen Fall solle man nicht mehrmals anrufen, sondern in der Leitung bleiben.

Weiter sagt Christian Ginsig, dass man als Passagier und Zeuge einer gewalttätigen Situation entweder den Notrufknopf drücken oder die Notrufnummer der Kantonspolizei (117) oder jene der Transportpolizei (0800 117 117) wählen soll. Und das Zugpersonal informieren – falls der Zug begleitet ist. Zur Frage, ob die Notbremse in einer solchen Situation ratsam ist, sagt Ginsig: «Grundsätzlich ist das Ziehen der Notbremse nur bei sehr schweren Ereignissen sinnvoll. Eine Notbremse kann aber durchaus auch bei einem Halt gezogen werden. Der Lokführer fährt in einem solchen Fall nicht weiter.»

«Eisenbahn-Revue»-Chefredaktor Walter von Andrian sagt zur überlasteten Notrufzentrale vom letzten Samstag: «Natürlich ist es ein Zufall, wenn in zwei Zügen gleichzeitig etwas passiert.» Andererseits sei dies aber auch nicht komplett unmöglich – angesichts der vielen Züge und der hohen Passagierzahlen.

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