ETH empört mit Genversuch

Hilfsorganisationen bezichtigen die ETH Zürich, einen Gentechfeldversuch in Nigeria gegen den Willen der lokalen Bevölkerung durchzuführen.

Maniok gehört in Afrika zu den wichtigsten Lebensmitteln. Foto: Gloria Rodriguez (Alamy Stock)

Maniok gehört in Afrika zu den wichtigsten Lebensmitteln. Foto: Gloria Rodriguez (Alamy Stock)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein happiger Vorwurf: «Die ETH Zürich betreibt risikoreiche Forschung auf dem Buckel der Ärmsten», sagt Judith Reusser von der Hilfsorganisation Swissaid. Auslöser ihrer Kritik ist ein Feldversuch der Hochschule in Ibadan im Südwesten Nigerias. Dort untersuchen Forscher unter der Leitung von Samuel Zeeman, Professor für Pflanzenbiochemie, gentechnisch veränderten Maniok. Ziel ist es, mithilfe eines manipulierten Gens einen höheren Stärkeertrag der Pflanze zu erzielen, denn deren Nährwert baut nach der Ernte rasch ab.

Das Projekt stösst vor Ort auf harsche Kritik: 88 nigerianische Nichtregierungsorganisationen haben Einspruch dagegen erhoben – und fühlen sich weder von den Forschern noch von den lokalen Behörden ernst genommen. So bezeichnet etwa die Health of Mother Earth Foundation die öffentliche Konsultation als «Scharade», weil die nigerianische Biosicherheitsbehörde das Projekt bereits zwei Tage nach Bestätigung des Eingangs der Einsprachen ohne deren Prüfung bewilligt habe. «Die Nigerianer müssen sich damit abfinden, dass sie ohne ihre Zustimmung zu Versuchskaninchen werden», wird Nnimmo Bassey, Direktor der Organisation, in lokalen Medien zitiert.

Die ETH wehrt sich

Das ist auch die Hauptkritik der Schweizer NGOs. «Es ist stossend, dass die öffentlich finanzierte ETH die Befürchtungen der Bevölkerung in Nigeria nicht ernst nimmt. Stattdessen profitiert sie von den tiefen Sicherheits- und Bewilligungsstandards im Land», sagt Reusser von Swissaid. Gemäss Paul Scherer von der Schweizer Allianz Gentechfrei stehen Regierungen in Entwicklungsländern häufig unter Druck, gentechfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Das verdeutliche der öffentlich einsehbare Antrag der ETH: Dort fänden sich kaum Angaben zur Umwelt- und Gesundheitssicherheit wie etwa zu Allergien oder toxischen Effekten, sagt Reusser. «In der Schweiz wäre der Versuch wohl nie bewilligt worden.»

Die ETH wehrt sich gegen die Vorwürfe. «In Nigeria gelten bei Feldversuchen mit genetisch veränderten Pflanzen ähnlich strenge Vorschriften wie in der Schweiz. An diese halten wir uns strikt», sagt Samuel Zeeman, der das ETH-Institut für molekulare Pflanzenbiologie leitet. Das International Institute of Tropical Agriculture (IITA), das den Versuch in Nigeria umsetze, sei «hervorragend ausgestattet und fachlich gut besetzt». Für den Standort habe man sich entschieden, weil Maniok eine tropische Pflanze ist. Zudem sei die IITA eine international renommierte Forschungseinrichtung.

Zeeman erhofft sich Erkenntnisse, die letztlich den lokalen Maniokbauern zugute kämen: «Sollte es uns gelingen, den Stärkeabbau in der Pflanze zuverlässig zu reduzieren, könnten andere, tatsächlich angebaute Manioksorten durch Züchtung und biotechnologische Ansätze verbessert werden.» Das könne zur Ernährungssicherheit in Afrika beitragen. Das vierjährige Projekt werde mit 773'000 Franken von der Bill and Melinda Gates Foundation finanziert – nicht mit öffentlichen Schweizer Geldern.

Mangelnde Transparenz lässt sich der Pflanzenbiochemiker auch in Bezug auf die lokale Bevölkerung nicht vorwerfen. Diese sei in drei nationalen Zeitungen über das Projekt informiert worden, und die Forscher hätten in einem Vorstellungsgespräch ähnliche Fragen beantwortet, wie sie von der Health of Mother Earth Foundation aufgeworfen worden seien. «Wir nehmen die Sorgen ernst und sind dialogbereit.» Einer Gesprächseinladung seitens der ETH seien die Schweizer NGOs jedoch nicht nachgekommen, so Zeeman. «Wir waren an einem Gespräch interessiert», kontert Reusser. «Zur Vorbereitung haben wir schriftliche Fragen gestellt, woraufhin wir monatelang keine Antwort mehr erhielten.»

Gemäss internationalem Recht scheint sich die ETH mit dem Projekt nichts zuschulden kommen zu lassen: Den grenzüberschreitenden Verkehr mit gentechnisch veränderten Organismen regelt das Cartagena-Protokoll; sowohl die Schweiz als auch Nigeria sind Parteien. Das Protokoll verlange eine Risikoevaluation der ETH sowie die Zustimmung von Nigeria vor der Einfuhr der Organismen und zum Versuch ihrer Freisetzung, sagt Anne Gabrielle Wüst Saucy, Sektionschefin Biotechnologie im Bundesamt für Umwelt. Beides sei protokollkonform erfolgt.

Besondere Verantwortung

Doch eine Blackbox gibt es: Haftpflicht und Wiedergutmachung sind dort nicht geregelt. Das entsprechende Zusatzprotokoll habe Nigeria noch nicht ratifiziert. Zudem dürfe die Schweiz das Projekt vor Ort nicht kontrollieren, weil der Freilandversuch unter nigerianisches Recht falle, sagt Wüst Saucy.

Daraus erwachse der ETH als öffentlicher Institution eine Verantwortung, sagt Manuel Flury von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. «Nicht alle Länder sind in der Lage, derartige Vorhaben professionell zu beurteilen», sagt der Co-Leiter des Globalprogramms Ernährungssicherheit. Die ETH-Forscher müssten sich deshalb nicht nur an den nigerianischen Gesetzen, sondern auch an weitergehenden internationalen Standards orientieren, so Flury. Zudem müssten sie die Anliegen der Bevölkerung berücksichtigen.

Ethische Bedenken versus technologischer Fortschritt: Der Streit zwischen NGOs und Forschern verdeutlicht den Grundkonflikt in der Gentechnik. Und er wird zu einem brisanten Zeitpunkt öffentlich: In drei Wochen stimmt die Schweiz über die Initiative für Ernährungssouveränität ab. Diese will auch ein Gentechverbot in die Verfassung schreiben. Swissaid ist im Unterstützungskomitee – und befeuert nun den Abstimmungskampf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 20:50 Uhr

Artikel zum Thema

EU-Gericht bremst neue Gentechnik

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass auch moderne molekulare Methoden streng reguliert werden müssen. Das Urteil schränkt den Spielraum des Bundesrats ein. Mehr...

«Crispr gehört nun der Welt»

Interview Emmanuelle Charpentier hat das Werkzeug mitentwickelt, das die Gentechnik revolutioniert hat. Sie sieht die Gefahren der neuen Technologie – die Verantwortung liege aber nicht mehr bei ihr. Mehr...

Gentech-Blumen in Schweizer Gärten und keiner merkte es

Die Petunien der Farbe orange machten einen Forscher stutzig. War da nicht ein Experiment vor 30 Jahren, das als Meilenstein in der modernen Züchtung galt? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Wettbewerb

Gratis nach Singapur fliegen

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...