Dieser Kanton ist eine kleine Grossmacht

Eine goldene Politikergeneration hat Freiburg in Bern zum mächtigsten Kanton gemacht.

Blick auf die Altstadt: Freiburg ist zur Ausweichzone für Zehntausende geworden, die am Genfersee oder in der Stadt Bern keinen bezahlbaren Wohnraum mehr fanden. Foto: Didier Marti (Getty Images)

Blick auf die Altstadt: Freiburg ist zur Ausweichzone für Zehntausende geworden, die am Genfersee oder in der Stadt Bern keinen bezahlbaren Wohnraum mehr fanden. Foto: Didier Marti (Getty Images)

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In der Politik ist es manchmal wie bei einem Feuerwerk: Das schönste Bouquet kommt ganz am Schluss. Und erst wenn die allerletzte Rakete verglüht ist, begreifen auch die Zuschauer, was für ein Spektakel sie soeben erlebt haben.

Für den Kanton Freiburg beginnt das schönste Bouquet diesen Mittwoch um 11 Uhr im Nationalratssaal mit dem Traktandum 17.215: Wahl des Bundespräsidenten für 2018. Zur Wahl steht Bundesrat Alain Berset (SP), ein Freiburger. Durch die Wahl leiten wird der erst vor einer Woche gekürte Nationalratspräsident Dominique de Buman (CVP), ein Freiburger. Einer der ersten Gratulanten wird Bersets Parteipräsident Christian Levrat sein, ein Freiburger. Compatriotes, wohin man schaut. Es ist der Höhepunkt einer Ära, der Freiburger Ära.

Kein anderer Kanton hatte in den letzten zehn Jahren so viel Macht im Bundeshaus. Basel? «14 Politiker, aber keine Schwergewichte», urteilte jüngst die «Basler Zeitung». Zürich? Hat sogar 37 National- und Ständeräte, sie halten aber nicht mehr Schlüsselämter als die 9 Freiburger Bundesparlamentarier: Der höchste Schweizer: Dominique de Buman; Christian Levrat, Präsident der SP und laut «SonntagsZeitung»-Rating der mächtigste Parlamentarier überhaupt; Jean-François Rime (SVP), Präsident des Gewerbeverbands; Jacques Bourgeois (FDP), Direktor des Bauernverbands.

Der Staatsrat im Mobility-Auto

Bis vor kurzem war die Liste der mächtigen Freiburger noch um einiges länger. Nicht nur wegen Urs Schwaller, der die CVP-Fraktion anführte, bevor er das Präsidium der Post übernahm. Auch der Chef der Armee, der Staatssekretär im Aussendepartement, der Präsident der ETH Lausanne, der SRG-Generaldirektor: Sie alle stammen aus Freiburg oder wohnen in Freiburg – und sie alle sind erst kürzlich von ihren Ämtern zurückgetreten.

Auch Jean-François Steiert zählt zu jenen Freiburgern, die Bern unlängst den Rücken gekehrt haben. Nach neun Jahren im Nationalrat wurde der 56-Jährige 2016 in die Kantonsregierung gewählt. Die neue Aufgabe bringt es mit sich, dass Steiert an diesem schönen Novembertag hinauf muss nach Jaun in den Voralpen, um eine Strasse einzuweihen. Im Auto, so hat er im Vorfeld versprochen, habe er Zeit, um über die Geheimnisse der schwarzweissen Macht zu reden.

Bundespräsident 2018: Alain Berset, Freiburger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Steiert nähert sich dann in einem winzigen Renault Clio von Mobility – am Steuer sitzt die Pressesprecherin. Und erzählen will Steiert auf der Fahrt Richtung Bulle zunächst von der rasanten Entwicklung der Region. Freiburg ist zur Ausweichzone für Zehntausende geworden, die am Genfersee oder in der Stadt Bern keinen bezahlbaren Wohnraum mehr fanden. Kein anderer Kanton ist seit der Jahrtausendwende so stark gewachsen. Steiert, der die Bau- und Raumplanungsdirektion leitet, ist nicht nur glücklich darüber. «Der Kanton ist stark zersiedelt», sagt er, während der Clio immer tiefer in die Hügel vordringt. Nun will der Staatsrat das explosionsartige Wachstum mit einem neuen Richtplan in geordnetere Bahnen lenken.

An Jaun ging der Boom fast spurlos vorüber. Und doch erzählt dieses abgelegene Dorf auf 1000 Metern über Meer vieles über den Aufstieg dieses Kantons in Bundesbern. «Levrat schuldet mir wegen Jaun noch eine Flasche Wein», sagt Steiert, als er sich nach 50-minütiger Fahrt aus dem Beifahrersitz zwängt. Der SP-Präsident hatte 2016 gewettet, Steiert werde als SPler im konservativen Jaun nicht mehr als 15 Stimmen machen. Es wurden 63. Die Zeiten, als die CVP den Kanton dominierte, sind vorbei. Freiburg hat davon profitiert: Mit mehreren starken Parteien wächst auch das Potenzial für starke Vertreter im Bundeshaus.

Es war 2003, als eine ganze Clique von ihnen ­– Berset, Levrat, Schwaller, Rime und de Buman – gleichzeitig ins Bundesparlament gewählt wurden; Steiert und Bourgeois kamen 2007 dazu. Und noch im gleichen Jahr landete die Freiburger SP-CVP-Connection ihren grössten Coup: die Abwahl von SVP-Bundesrat Christoph Blocher. Auch die Rentenreform 2020 wäre ohne die Achse Berset–Schwaller–Steiert kaum denkbar gewesen; diese Freiburger Machtdemonstration scheiterte dann aber am Schweizer Stimmvolk.

«Moitié-moitié» und «Jùutütsch»

Doch was kommt nach diesen starken Figuren? Von den nach 2007 neu gewählten Freiburger Parlamentariern kann keiner die Fussstapfen seiner Vorgänger ausfüllen – bis anhin zumindest. Markiert das Doppelpräsidium von Berset und de Buman das Ende des starken Freiburger Jahrzehnts?

Keine Zeit jetzt für diese Frage. In Jaun schreiten die Männer zur Einweihung der neuen Strasse. Erst redet der Kantonsingenieur – auf Französisch. Dann der Gemeindeammann – auf «Jùutütsch», jenem Dialekt, der nur in Jaun mit seinen 670 Einwohnern gesprochen wird. Dann spricht Steiert «moitié-moité», halb Französisch, halb Deutsch.

Nationalratspräsident 2018: Dominique de Buman, Freiburger. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Diese Zweisprachigkeit sei in der Politik ein enormer Vorteil, sagt Steiert. Viele nationale Verbände seien von Deutschschweizern dominiert. «Wenn diese Organisationen einen Quoten-Romand suchen, fragen sie viel eher einen Freiburger als einen Genfer oder Waadtländer.» Denn im Unterschied zu anderen Romands können auch die Welschfreiburger Deutsch.

Kommt hinzu, dass Bern nur 21 Intercity-Minuten von Freiburg entfernt liegt. Wer wollte da ein interessantes Mandat, einen attraktiven Job ausschlagen? Zumal diese Stellen daheim eher rar sind. Die Wirtschaft wird geprägt von der Landwirtschaft, der Lebensmittelindustrie und von staatsnahen Betrieben wie der Kantonalbank und der Groupe E. Beim Bruttoinlandprodukt pro Einwohner liegt der Kanton auf dem drittletzten Platz. Seit Jahren versucht die Regierung, unter Slogans wie «Hightech in the Green» oder «Blue Economy» neue Arbeitsplätze zu kreieren. Die Erfolge blieben überschaubar. Weil Grossfirmen fehlen, zieht es viele junge, talentierte Freiburger in die Politik und zum Bund, wo sie ebenfalls von ihrer Zweisprachigkeit profitieren und oft rasch aufsteigen. Die sichtbare Macht im Parlament wird gestützt durch den diskreten Einfluss der hohen Beamten.

Man unternehme jetzt einen neuen Versuch, Arbeitsplätze im Kanton zu schaffen, erzählt Steiert, als die Strasse eingeweiht und der Vully geleert ist und der Clio zurück nach Freiburg rollt. Ein Hauptproblem sei bislang gewesen, dass der Kanton Grossinvestoren kaum geeignete Grundstücke anbieten konnte. Im Mai 2017 hat Freiburg nun einen 100 Millionen Franken schweren Fonds geäufnet, um Land zu kaufen. «Dass der Kanton in der Wirtschaftspolitik derart aktiv agiert, ist neu», sagt Steiert. Bei der Ankunft in Freiburg reicht es noch für einen Ristretto, dann muss er weiter.

«Ein historischer Zufall»

Was also kommt aus Freiburg nach den Machtpolitikern Berset, Levrat, Schwaller & Co.? Serge Gumy weiss es: nicht viel. Der 47-jährige Chefredaktor von «La Liberté», der wichtigsten Zeitung im Kanton, sitzt in seinem Büro am Boulevard de Pérolles und erinnert sich an die Anfänge dieses Freiburger Machtphänomens. «Für mich», sagt Gumy, «war die goldene Freiburger Generation ein historischer Zufall.» Eine Gruppe von talentierten Politikern, die sich teilweise in der Kantonspolitik gefunden, gegenseitig angespornt und dann später in Bern erfolgreich kooperiert hätten. Heute befänden sich noch mehrere Angehörige dieser Gruppe im Bundeshaus, einige davon eindeutig an den Hebeln der Macht. «Doch der Höhepunkt ist bereits überschritten», glaubt Gumy. Momentan haben die Freiburger Parteien nur schon Mühe, eine Nachfolgerin für die wegen eines Skandals zurückgetretene grüne Staatsrätin Marie Garnier zu finden. Manchmal, sinniert Gumy, werfen starke Figuren eben auch viel Schatten auf den möglichen Nachwuchs.

Heller als beim Doppelpräsidium im Jahr 2018 wird die goldene Freiburger Generation nie mehr strahlen. Erst wenn die letzte grosse Karriere verglüht ist, wird sich zeigen, wie tief die Dunkelheit dahinter tatsächlich ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2017, 19:02 Uhr

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