Die Zeitenwende

Sollte die EU die durchgängige Sommerzeit einführen, dürfte es ihr die Schweiz gleichtun. Bereits ertönt die Forderung, auch Schul- und Arbeitszeiten nach hinten zu verschieben.

Kampf um die Zeitumstellung im Stummfilmzeitalter: Der Schauspieler Harold Clayton Lloyd im Film «Safety Last!» von 1923. Foto: World History Archive (WHA, Keystone)

Kampf um die Zeitumstellung im Stummfilmzeitalter: Der Schauspieler Harold Clayton Lloyd im Film «Safety Last!» von 1923. Foto: World History Archive (WHA, Keystone)

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Als die Sommerzeit erstmals eingeführt wurde, hatte das zwei Gründe: Kohle. Und Krieg. Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) sorgte sich das Deutsche Kaiserreich um seine Energiereserven. Aus diesem Grund wurde entschieden, die Uhren in der Nacht auf den 1. Mai 1916 eine Stunde vorzustellen: Mit mehr natürlichem Licht in den sommerlichen Abendstunden, so die Überlegung, würde sich der Kohleverbrauch reduzieren – womit Ressourcen für den Kampfeinsatz frei würden. Die Deutschen verloren den Krieg trotzdem, und sie brachen das Experiment Sommerzeit 1918 fürs Erste wieder ab. Doch jetzt, exakt 100 Jahre später, sieht es danach aus, dass die Sommerzeit in Europa zur Normalzeit werden könnte. Das wünscht sich jedenfalls EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der gestern eine politische Offensive gegen die Zeitumstellung ankündigte. Das wünscht sich ebenso eine Mehrheit im EU-Parlament – und vor allem wünschen es sich offenbar Millionen Europäerinnen und Europäer, deren Meinung die EU unlängst in einer Online-Umfrage ermittelte.

Der Schweiz steht damit eine Debatte ins Haus, deren Dimensionen über 60 verlorene oder gewonnene Minuten hinausreichen. Dass man mit der EU gleichziehen wird, daran ist kaum zu zweifeln. Noch hält sich der Bund zurück: Sollten die EU-Länder konkrete Entscheide treffen, werde man die Situation und die Auswirkungen für die Schweiz analysieren, heisst es beim Justizdepartement. Indes war es stets das Drohgespenst der «Zeitinsel», mit dem der Bundesrat in den vergangenen Jahren gegen Änderungen am jetzigen Regime argumentierte. Man will also gleich sein wie die anderen. Mehr noch: Die «Übereinstimmung mit den benachbarten Staaten» ist in der Schweiz der einzige gesetzlich festgelegte Zweck der Sommerzeit.

«Falls die Sommerzeit im Winter beibehalten wird, müssen wir
bis 9 Uhr morgens warten, bevor die Sonne ins Schulzimmer scheint.»
Christian Cajochen, Schlafforscher

Darin klingt an, wie schwer man sich hierzulande stets damit tat, der Sommerzeit einen konkreten Nutzen abzugewinnen. Die Skepsis war von Anfang an greifbar. 1917 lehnte der Bundesrat im Unterschied zu den Nachbarstaaten die Neuerung ab, weil er an einer massgeblichen Kohleersparnis zweifelte. Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) führte er die Sommerzeit per Sondervollmacht ein, doch nur für zwei Jahre. Als die Zeitumstellung Ende der 70er-Jahre europaweit zum Standard wurde, war der Widerstand der Eidgenossen massiv. Der verspätete Schweizer Nachzug nach 1980 wurde quasi mit dem Brecheisen herbeigeführt. In der bislang einzigen Volksabstimmung zum Thema hatte sich der Souverän 1978 deutlich gegen die Sommerzeit ausgesprochen.

«Unnatürliche» Sommerzeit

«Für mich gilt dieser Volksentscheid immer noch», sagt Yvette Estermann. Wer sich mit der Schweizer Sommerzeitdebatte befasst, stösst zwangsläufig auf die Luzerner SVP-Politikerin: Seit ihrer Wahl in den Nationalrat vor elf Jahren ficht Estermann einen einsamen Kampf gegen das halbjährliche Zeigerdrehen. Schon ein halbes Dutzend Vorstösse hat sie dazu eingereicht. Dass die Zeitumstellung dank Hilfe aus Brüssel nun möglicherweise dahinfällt, sei eine «gute Nachricht», hält die Nationalrätin fest. Weniger positiv findet sie, dass ausgerechnet die Sommerzeit verstetigt werden soll: die «unnatürliche Zeit, unter der Kinder und Pendler leiden».

Auch Estermann glaubt nicht, dass sich die Schweiz verweigern kann, falls Europa auf Sommerzeit umsattelt. Klar ist für sie aber, dass die Debatte damit nicht endet: «Wenn die ewige Sommerzeit kommt, muss sich etwas ändern. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Arbeitszeiten flexibler werden und dass wir die Kinder eine Stunde später zur Schule schicken.»

«Spättypen» würden profitieren

Mit ihren Forderungen kann Estermann durchaus auf Unterstützung aus der Fachwelt hoffen. «Der Schulanfang in der Schweiz ist im internationalen Vergleich früh. Es gibt viele Schulen, die vor 8 Uhr morgens beginnen», sagt der Basler Schlafforscher Christian Cajochen. «Falls die Sommerzeit im Winter beibehalten wird, müssen wir bis 9 Uhr morgens warten, bevor die Sonne ins Schulzimmer scheint.» Gemäss Cajochen wäre daher ein späterer Schulanfang, zumindest für die Mittelstufe, aus chronobiologischer Sicht «wünschenswert». Er weist auch darauf hin, dass flexiblere Arbeitszeiten tägliche «Pendlerverstopfungen» verhindern könnten.

Ganz grundsätzlich werden die Zeitumstellung und ihre Auswirkungen auf den menschlichen Biorhythmus in der Fachwelt praktisch einhellig negativ beurteilt. Durch die Streichung könnte zweimal im Jahr ein «Mini-Jetlag» verhindert werden, so Cajochen. Zur Frage, ob die «ewige Sommerzeit» die richtige Alternative wäre, äussert er sich differenziert: Profitieren würden «eher Spät- als Frühtypen» Und die Gesellschaft sei in den letzten 50 Jahren «später oder mediterraner» geworden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 22:35 Uhr

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