Die Schweiz empört sich

Die Schweiz-Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» beobachtet unsere «First World Problems».

Aussensicht auf ein Vorurteil: Wir Schweizer machen aus jeder Kleinigkeit eine Riesenaufregung?

Aussensicht auf ein Vorurteil: Wir Schweizer machen aus jeder Kleinigkeit eine Riesenaufregung? Bild: Peter Schneider/Keystone

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Über die Schweizer gibt es einige Klischees, die meisten sind ziemlich positiv. Ordentliche, gewissenhafte, seriöse Leute; die Züge sind pünktlich, die Tunnel halten Hunderte, vielleicht Tausende Jahre. Doch es gibt auch weniger schmeichelhafte Vorurteile. Die Schweizer, heisst es, machen aus jeder Kleinigkeit eine Riesenaufregung. Und: Wenn sich der Schweizer einmal aufregt, dann ausdauernd und mit grosser Ernsthaftigkeit.

Ein aktuelles Beispiel handelt von Christian Carisch ( 24), Militärmusikant bei der Schweizer Armee. Vor einigen Wochen beging er einen folgenschweren Fehler: Beim Zapfenstreich im Bündner Ort Landquart verpasste er seinen Einsatz. Das Schlagzeugsolo setzte einen Takt zu spät ein. Man muss kein Militärmusiker sein, um zu wissen, dass Zwischenfälle dieser Art in der besten Armee vorkommen. Carisch aber hat das Pech, Bürger eines Landes zu sein, in dem man die Dinge nur selten auf sich beruhen lässt. Der Militärschlagzeuger erhielt eine Disziplinarstrafe, 150 Franken. Es liege ein «leichter Fall von Nichtbefolgung der Dienstvorschriften vor», heisst es in dem offiziellen Papier, über das sich inzwischen Tausende Menschen im Internet empören.

Jede Menge First World Problems

Eine absurde Sommerloch-Geschichte? Nicht für die Schweizer. Der Fall Carisch hat innerhalb weniger Stunden Hunderte Kommentare generiert. Es scheint, als habe die Schweiz keine echten Nöte, keine Nachrichten, keine Skandale, nur Probleme für Menschen, die keine existenziellen Sorgen haben, sogenannte First World Problems. Davon aber eine ganze Menge.

Etwa: Eine 85-jährige Dame wird zur Heldin des Landes. Todesmutig schwimmt die Frau im Zürichsee auf die Schiffe zu, es sind grossartige Bilder, David gegen Goliath. Die NZZ schreibt vom «zivilen Ungehorsam», anonyme Zuschauer applaudieren, die Frau selbst ist irgendwann zu erschöpft für Medientermine. Ziel ihrer Mission ist es, die Schiffe zum Hornen (Tuten) zu bringen.

Seit Anfang Juli gilt am Zürichsee ein Verbot, das Schiffshorn, wie jahrzehntelang üblich, beim Anlegen und Abfahren zu betätigen. Nur noch bei Gefahr dürfen die Kapitäne hornen, ein Anwohner hatte geklagt, er fühlte sich von dem Lärm belästigt. Der Triumph der alten Dame: Der Gefahrenton, den sie mit ihrem Schwimmen provoziert, dauert vier Sekunden, der verbotene Anlegegruss nur etwa eine Viertelsekunde. So werden in der Schweiz Schlachten gewonnen.

Nun könnte man sagen: Ist doch wunderbar, wenn eine Gesellschaft derart gefestigt ist, dass politisches Engagement nur noch nötig ist, um das lieb gewonnene Schiffhorn wiederzubeleben, wenn Menschen Zeit haben, über einen Schlagzeuger zu debattieren, der seinen Einsatz verpasst hat. Tatsächlich aber ist es eine Zumutung, nicht nur aus journalistischer Perspektive. Denn die Debatten werden nicht in dem Plauderton geführt, den sie verdient hätten. Stattdessen ist etwa von zivilem Ungehorsam die Rede.

Der unkomplizierte Rest der Welt

Und noch ein jüngerer Skandal aus der Schweiz, dieses Mal ein echter: Die 25-jährige Türkin Funda Yilmaz, in der Schweiz geboren, schweizerisch sozialisiert, wird nicht eingebürgert. Zwei Gründe dafür: Sie weiss nicht, wo man in ihrer Gemeinde Altöl entsorgt. Und sie erledigt ihre Einkäufe im Discounter und nicht im Dorfladen. Durchs Land ging ein Aufschrei, die zuständige Kommission zeigte sich dennoch uneinsichtig. Bei derart wichtigen Themen wie Müllentsorgung und Einkaufsverhalten könne man keine Nachsicht zeigen.

Jeder Schweizer kennt den Moment, in dem ihm die Proportionen schmerzhaft bewusst werden. Meist ist das nach der Rückkehr aus einem längeren Urlaub. Begeistert berichtet man dann, wie locker die Menschen in anderen Weltgegenden (oder auch nur in Frankreich) das Leben nähmen, wie entspannt sie den Prüfungen des Alltags begegneten und wie unkompliziert andernorts alles sei. Überraschend viele Menschen seien dabei auch noch gut gelaunt. Dem kann man nur entgegenhalten, was die meisten Onlineforen schon lange wissen: First World Problems sind eben auch Probleme. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2017, 23:11 Uhr

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