«Die Männer müssen die Macht teilen»

Kathrin Bertschy, die Co-Präsidentin von Alliance F., fordert einen Frauenanteil von 50 Prozent.

«Es ist erwiesen, dass gemischte Teams bessere Entscheidungen treffen.» Bild: Franziska Rothenbuehler

«Es ist erwiesen, dass gemischte Teams bessere Entscheidungen treffen.» Bild: Franziska Rothenbuehler

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2011 wurde die Schweiz erstmals von einer Frauenmehrheit regiert. Nun sind noch zwei Frauen im Bundesrat, in den Parlamenten stagniert oder fällt der Frauenanteil gar. Ihre Prognose für die Wahlen 2019?
Eine ganze Reihe profilierter National- und Ständerätinnen hat angekündigt, dass sie nicht wieder antritt. Ich sehe nicht, dass an ihrer Stelle alles Frauen nachrücken werden. Es ist deshalb möglich, dass Ende 2019 noch weniger Frauen im Bundesparlament vertreten sein werden als heute. Dabei ist ihr Anteil schon heute tief – im Nationalrat liegt er bei einem Drittel, im Ständerat bei mickrigen 15 Prozent. Bald ist es 50 Jahre her, seit das Stimmrecht für Frauen eingeführt wurde, aber wir sind noch weit davon entfernt, dass sie angemessen an politischen Entscheiden teilhaben, geschweige denn, dass es normal wäre, dass Frauen politisieren.

Sie sind pessimistisch.
Wir machen uns grosse Sorgen. In vielen Kantonen hat ein regelrechter Backlash eingesetzt – gleich in fünf Regierungen sitzen neu nur noch Männer. Das verheisst nichts Gutes für künftige Wahlen. Eine Studie von Politologe Fabrizio Gilardi hat gezeigt: Wenn eine Frau gewählt wird, kandidieren bei den nächsten Wahlen in den Nachbarsgemeinden mehr Frauen. Im Umkehrschluss droht ein sinkender Frauenanteil eine Negativspirale auszulösen. Den Frauen fehlen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie man Beruf, Familie und Politik vereinbaren kann. So werden Rollenbilder weiter zementiert.

Ist es schlimm, wenn die Frauen zeitweilig nicht mitregieren?
Eine Regierung, der nur oder grossmehrheitlich Männer angehören, repräsentiert unsere Bevölkerung nicht. Aber gerade das ist der Anspruch unseres Konkordanzsystems – die Bevölkerung soll sich in den Parlamenten und Regierungen wiedererkennen. Wie aber sollen wir junge Frauen für die Politik begeistern, wenn dort vor allem ältere Männer sitzen?

Welche Folgen hat dies für die Politik?
Wird die Bevölkerung in Parlamenten und Regierungen nicht widerspiegelt, ist die Quali­tät unserer Demokratie schlecht. Die Männer bestimmen aber auch, wie politisiert wird: Politik spielt sich heute in der Konfrontation ab und weniger in einem Austausch. Die Sitzungen finden abends oder in Sessionen statt – dann, wenn Kitas und Tagesschulen geschlossen sind. Die Spielregeln wären wohl anders, wenn sie gemeinsam oder von Frauen gemacht würden.


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Führt diese Männerdominanz auch zu anderen Entscheiden?
Natürlich! Wären mehr Frauen in der Politik, hätten wir längst Massnahmen beschlossen, um die Lohngleichheit zu fördern. Wir hätten Tagesschulen und würden die Kosten dafür auch nicht über die Einkommen der Zweitverdienerinnen finanzieren, sondern über Steuergelder. Dafür wäre nicht so viel Geld in Tunnelbauten verlocht worden.

Tagesschulen oder Tunnels – das ist ein grosser Unterschied.
Ja. Es ist bezeichnend, dass für jene Leistungen, die eher Männern am Herzen liegen – das ist die Armee, die Landwirtschaft, der Verkehr – der Bund zuständig ist. Leistungen hingegen, die wichtig sind, um Frauen den Männern wirtschaftlich gleichzustellen und es ihnen zu ermöglichen, erwerbstätig zu sein, liegen in der Kompetenz von Kantonen und Gemeinden.

Blackrock, die weltweit grösste Firma im Asset-Management, will nicht mehr in Schweizer Unternehmen investieren, wenn die Schweiz in der Genderfrage nicht vorwärtsmacht.
Es ist bitter, wenn uns ein Unternehmen aus dem Ausland zeigen muss, wie selbstverständlich es im Grunde ist, dass Frauen mitbestimmen. Aber letztlich geht es Blackrock um Geld: Es ist erwiesen, dass gemischte Teams bessere und auch nachhaltigere Entscheidungen treffen als homogene. Es ist auch völlig klar: Als die Talente auf die Menschheit verteilt wurden, sind davon kaum 94 Prozent bei den Männern gelandet und nur 6 Prozent bei den Frauen. Dennoch sitzen in den Geschäftsleitungen der Schweizer Unternehmen 94 Prozent Männer.

Die Schweiz ist in der Gleichstellung ein Entwicklungsland – in kaum einem anderen Land ist der Anteil der Frauen in der Politik, im Militär oder in Geschäftsleitungen so tief wie bei uns. Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, es hat mit unserem direktdemokratischen System zu tun. In einem technokratischen System beschliesst die Regierung, dass Frauen und Männer gleichgestellt werden. Wir aber müssen in 26 Kleinstaaten die Gleichberechtigung mit der Gesellschaft aushandeln. Das ist nicht einfach, denn für viele Männer ist es schon praktisch, wenn die Frau zu Hause ist und ihnen den Rücken freihält. Dass die Frau dann aber bei einer Trennung oder im Alter finanziell sehr schlecht dasteht, das bedenken die wenigsten.

«Frauen sind viel öfter Anfeindungen ausgesetzt als Männer.»

Was tun Sie, damit sich Ihre Befürchtung nicht bewahr­heitet und der Frauenanteil nach den Wahlen sinkt?
Alliance F wird unter anderem in jedem Kanton für jede Partei ein Rating durchführen. Wir werden genau beobachten, welche Parteien ihre demokratische Verantwortung wahrnehmen und Frauen auf gute Listenplätze setzen. Die Ergebnisse werden wir im nächsten Sommer in einem Rating veröffentlichen. So wollen wir einen positiven Wettbewerb entfachen. Nur wenn Frauen ebenso viele und ebenso gute Plätze auf den Listen erhalten wie Männer, haben sie auch die gleich guten Chancen, gewählt zu werden.


Video: Polit-Köpfe zur Frage, wer Zuhause das Sagen hat


Auf der anderen Seite berichten Parteien, dass sie auf der Suche nach Kandidatinnen reihenweise Absagen bekommen. Sind Frauen selber schuld, wenn sie untervertreten sind?
Die Parteien können natürlich nicht ein halbes Jahr vor den Wahlen auf eine Frau zugehen und sie fragen: Würdest du für uns kandidieren? Es braucht eine solide Aufbauarbeit. Die Parteien müssen wirklich wollen, dass Frauen mitbestimmen und ihre Kandidaturen genauso unterstützen wie jene der Männer.

Scheuen Frauen auch öffentliche Ämter, weil sie sehen, wie gnadenlos vor allem Politikerinnen attackiert werden?
Frauen sind tatsächlich viel öfter Anfeindungen ausgesetzt als Männer. Acht von zehn abschätzigen Kommentaren zielen auf Frauen – der Rest auf dunkelhäutige oder schwule Männer. Das hat eine Erhebung des «Guardian» ergeben, der die Leserkommentare der letzten zehn Jahre ausgewertet hat. Viele Frauen überlegen sich zu Recht, ob sie sich das antun wollen. So können diese Attacken im Netz dazu beitragen, dass viele Frauen ihre Stimme erst gar nicht erheben und aus der öffentlichen Debatte gedrängt werden. Paradoxerweise kommt es genau deswegen zu solchen Hassreden – weil es eben nicht der Normalfall ist, dass Frauen politisieren.

Nachdem in den USA ein Mann zum Präsidenten gewählt wurde, der sich frauenverachtend geäussert hatte, gingen die Frauen auf die Strasse – und in die Politik. Kann diese Bewegung auch in der Schweiz etwas bewirken?
Das hoffe ich. Wir wollen Frauen für die Politik begeistern. Sie sollen sich gegenseitig motivieren und darin bestärken, selber zu politisieren. Dass diese Art von Unterstützung funktionieren kann, zeigt sich in den USA: Dort gibt es mit Emily’s List eine Organisation, die Frauen mit guten Wahlchancen unterstützt.

Gerade bei bürgerlichen Parteien kommt es vor, dass Frauen gute Listenplätze belegen, aber doch nicht gewählt werden. Sie können die Wähler nicht zwingen, Frauen zu wählen.
Nein, das können wir nicht. Wir können aber jenen Wählerinnen und Wählern, die Frauen wählen wollen, zeigen, wie sie deren Erfolgschancen erhöhen können. Wenn sie eine Liste einlegen, auf der nur Männer auf guten Plätzen kandidieren, verhelfen sie letztlich nur einem weiteren Mann zur Wahl.

Welches Ziel haben Sie sich gesetzt, wie hoch soll der Frauenanteil nach den Wahlen sein?
Unser Ziel ist halbe-halbe: Das Parlament soll zu 50 Prozent aus Frauen und zu 50 Prozent aus Männern bestehen. Dabei stehen die Parteien in der Verantwortung: Sie müssten Listen erstellen, auf denen Frauen gleich gut vertreten sind wie Männer, und ihnen gleich gute Plätze anbieten. Und sie müssen ihren Wahlkampf finanziell gleich gut un­ter­stützen.

Das kommt einer Quote gleich.
Unser Bundesstaat beruht auf Quoten – wir nennen es nur nicht Quote, sondern Konkordanz. Der Ständerat ist ein Quotenrat der Kantone, der Nationalrat der Bevölkerung. Und im Bundesrat sitzt mit Ignazio Cassis ein Quotentessiner. Warum also keine Frauenquote? Das Problem ist: Die Frauen mussten nach Einführung des Frauenstimmrechts 1971 mit einem Riesenrückstand auf die Männer starten. Man hätte damals auch einfach die Zahl der Sitze im Parlament für eine Übergangszeit verdoppeln können – die eine Hälfte wäre für die Frauen reserviert gewesen. So hätten sie dieselben Chancen gehabt. Aber nein, man hat sie gegen alle Bisherigen antreten lassen, und so starteten sie mit einem Rückstand, den sie kaum aufholen können.

Das dürfte schwierig bleiben.
Ja. Die Männer werden aber auch lernen müssen, die Macht zu teilen. Im Parlament sitzen viele, deren grösster Traum es ist, in den Bundesrat gewählt zu werden. Sie müssen sich von diesen Bundesratsträumen lösen. Das mag für einzelne bitter sein, für die Qualität der Demokratie jedoch ist es wichtig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 20:07 Uhr

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