Die Lehrer warnen vor «absurden» Schulrankings

Mit dem Lehrplan 21 soll künftig eine Art Pisa-Studie für die Schweiz das Niveau der Schüler mit Stichproben überprüfen. Einige Kantone planen flächendeckende Tests.

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Patrick Feuz@patrick_feuz

Die USA sind das Schreckgespenst. Die dortigen Leistungsvergleiche hätten verheerende Folgen, sagt Beat Zemp, Präsident der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Den Schülern werde nur noch beigebracht, was Inhalt der landesweiten Tests sei. Lehrer schickten am Tag der Prüfung die schwächsten Schüler nach Hause. «Und andere helfen den Schülern beim Spicken und verlieren dann die Stelle.» Dieses System führe zu absurden Auszeichnungen wie «die beste Lehrerin der USA».

Solches soll mit dem «Bildungsmonitoring», das mit dem neuen Lehrplan eingeführt wird, nicht vorkommen. Dies gelobte gestern Regine Aeppli, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). Zwar ist vorgesehen, künftig schweizweit die Grundkompetenzen der Schülerinnen und Schüler einheitlich zu überprüfen – allerdings nur mit Stichproben. Pro Kanton, Fach und Schulstufe ist eine repräsentative Stichprobe von 1000 Schülern geplant.

In Kantonen mit weniger als 1000 Schülern pro Jahrgang sind zwar Vollerhebungen erlaubt, denkbar ist laut EDK aber auch, dass sich kleinere Kantone zusammenschliessen. Die ersten Tests finden 2016 für Neuntklässler in Mathematik statt und im Jahr darauf für Sechstklässler in der Unterrichtssprache und der ersten Fremdsprache.

«Wir müssen wachsam bleiben»

Das vorgeschlagene System verunmöglicht laut EDK Schulrankings, wie sie die Lehrer kritisieren: «Aussagen zu individuellen Leistungen von Lehrpersonen oder Schülern können damit nicht gemacht werden», heisst es im Bericht zum neuen Lehrplan, der gestern veröffentlich wurde.

Lehrerpräsident Beat Zemp beurteilt es gleich, der Verband stehe deshalb hinter der vorgeschlagenen Lösung. Trotzdem bleibt in der Lehrerschaft ein Unbehagen spürbar. «Wenn die Stichprobe plötzlich zu breit wird, ist es keine Stichprobe mehr», warnt Bernard Gertsch, Präsident des Verbandes der Schulleiterinnen und Schulleiter. «Wir müssen wachsam bleiben.»

Es ist die Entwicklung in der Nordwestschweiz, die das Misstrauen der Lehrerschaft nährt. Die Kantone Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Solothurn und Aargau wollen weiter gehen als das EDK-Bildungsmonitoring. Die vier Kantone planen, ab 2016 zusammen einheitliche Tests durchzuführen, die an allen Schulen gleichzeitig stattfinden sollen. Die Nordwestschweiz, so die Befürchtung vieler Lehrer, könnte zum Vorbild für weitere Kantone in der Deutschschweiz werden.

Gutachten soll Klarheit schaffen

Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler sagt zwar, es sei eine «stufengerechte» Verteilung der Informationen über die Testergebnisse vorgesehen: «Die einzelnen Lehrer werden über die Ergebnisse ihrer Klassen orientiert.» Die Bildungsdirektion erhalte die Resultate nur im Überblick, erfahre also nicht, welche Klasse oder welches Schulhaus wie gut abgeschnitten habe. Doch Lehrerpräsident Zemp ist skeptisch: «Wenn einheitliche Daten vorliegen, ist die Gefahr real, dass Schulrankings entstehen, selbst wenn die Bildungsbehörden dies nicht wollen.»

Konkret befürchtet der Lehrerverband, dass Aussenstehende gestützt auf das Öffentlichkeitsprinzip Zugriff auf die Testergebnisse erhalten und so ein Ranking erstellen. Um rechtliche Klarheit zu bekommen, hat Zemp ein Gutachten in Auftrag gegeben, das im kommenden September vorliegen soll.

Kein Problem, sondern grossen Nutzen sieht Zemp dagegen in den individuellen Tests, die von EDK, Lehrervertretern und dem Schweizerischen Gewerbeverband gegenwärtig gemeinsam entwickelt werden: Schüler sollen dabei in der achten Klasse die Gelegenheit bekommen, sich für einen bestimmten Beruf testen zu lassen. So erfahren sie, ob sie für ihren Wunschberuf tatsächlich geeignet sind, und wenn ja, wo sie im neunten Schuljahr noch zulegen müssen, damit der Start in die Berufswelt optimal gelingt.

Der Bund

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