Die Lehre im Sack – was nun?

Studieren, reisen oder weiterarbeiten? Zwei LAP-Absolventen erzählen von ihren Träumen.

«Ich lasse mich treiben»: Arianita (22) hat eben ihre Lehre abgeschlossen. Foto: Urs Jaudas

«Ich lasse mich treiben»: Arianita (22) hat eben ihre Lehre abgeschlossen. Foto: Urs Jaudas

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Er trägt ein glänzendes, faltenloses Hemd, als käme er zu einer Bewerbung. Gerader Gang, direkter Blick, kräftiger Händedruck. «Sorry, dass ich nicht ­früher abmachen konnte», sagt Luca, «ich musste meine Lehre abschliessen.» Ende Juli ging sie für ihn zu Ende, zeitgleich mit weiteren 50'000 Lernenden in der Schweiz. Die meisten sind 18 bis 19 Jahre alt – das beste Alter, um Party zu machen. Was machen sie ab dem ­August? Und danach?

Jedenfalls gehen die wenigsten «chillen». Etwa zwei Drittel der Absolventen «bügeln» nahtlos weiter. Davon bleibt rund die Hälfte beim bisherigen Arbeitgeber. Nur eine Minderheit geht studieren, und die wenigsten machen blau. Dies geht aus einer Langzeitstudie über Lehrabgänger hervor, die das Bundesamt für Statistik Mitte Juli publizierte.

Dass so viele der jungen Menschen erst einmal weiterarbeiten, liegt auch am Geld. Betrug der Lohn zuletzt vielleicht 1100 Franken, je nach Branche, Region und Betrieb, sind jetzt 4000 Franken oder mehr normal – dank Abschluss. «Vielen geht es nach der Lehre zuerst einmal ums Geldverdienen», sagt Thomas Luzzi von der Laufbahnberatung der Stadt Zürich. «Einfach jobben» sei keine schlechte Sache. «Vielleicht kann man noch etwas reisen und ein Jahr später wieder einsteigen, ob im Beruf oder in ein Studium», so Luzzi, der in seiner Laufbahn bisher ungefähr 8000 Leute beraten hat.

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Gegen diesen Trend arbeitet Peter Heiniger. Er berät Firmen darin, wie sie gute Lehrabsolventen an den Betrieb binden können. Viele Firmen verstünden davon zu wenig, sie hätten keine Strategie, und etliche Lehrlingsbetreuer seien schlichtweg ungeeignet. So würden den Betrieben gute Fachkräfte entgehen. Doch auch er macht sich um Luca keine Sorgen. «Ein Lehrabsolvent, der will, findet eine Stelle.»

Luca, der Kleinunternehmer

Luca will aber lieber studieren. Ihn lockt die Fachhochschule für Wirtschaft. Konzerne wie Roche interessieren ihn. Um dort aufgenommen zu werden, benötigt er eine Berufsmatur. Idealerweise hätte Luca sie gleich angehängt. Doch ihm misslang die Aufnahmeprüfung, weil sein Französisch zu schlecht ist.

Luca ist einer von 50'000 jungen Menschen, die dieses Jahr eine Lehre abgeschlossen haben. Seine Aussichten: rosig. Fotos: Christian Pfander

Daran sei auch der Lehrplan schuld. Als Hochbauzeichnerlehrling hat man – etwa im Gegensatz zur kaufmännischen Lehre (KV) – weder Englisch noch Französisch an der Berufsschule. «Vier Jahre lang keinen Sprachunterricht, das rächt sich», sagt Luca.

Seine Lehre lief nicht immer ganz rund. Luca verspürte im zweiten Jahr Mühe mit der Motivation. Dennoch biss er sich durch. «Einen Abschluss zu haben, ist in der Schweiz wichtig.» Jetzt hat er ihn, und doch ist alles offen. «Nicht so schlimm, ich will sowieso in eine andere Richtung gehen.»

Wie erreicht man Jobsicherheit?

Lucas Vorbild ist einer seiner Kollegen, der schon während der Lehre die Berufsmatur absolvierte. Sie verschafft den Direktzugang zur Fachhochschule (FH). «Er studiert schon International Business Management an der FH Nordwestschweiz», sagt Luca anerkennend.

Luca versteht vieles und weiss doch nicht, was für ihn das Beste wäre. Wie erreicht man Jobsicherheit? Soll man Fachspezialist werden oder Generalist bleiben? Verdient man in zehn Jahren mehr, wenn man im Lehrjob arbeitet – wie es zwei Kollegen, ein Informatiker und ein Autospengler, tun – oder geht man besser studieren, um einst die grosse Kohle zu verdienen? Luca schaut in eine Südsee voller Möglichkeiten.

Mit 15 kam Luca aus dem Iran als politischer Flüchtling hierher, musste Deutsch lernen und den hiesigen Schulstoff büffeln. Später absolvierte er Praktika in der Bauleitung und als Plättli­leger. Er war sich für nichts zu schade, obwohl seine Mutter ihn im Gymnasium haben wollte. Mit 18 trat er die Lehre an und hatte immer einen Plan B.

Dies gilt auch jetzt. Er skizziert drei Varianten: erstens auf dem Bau jobben, um gut Geld zu verdienen, und abends Sprachen aufbessern, zweitens ein KV-Praktikum finden, um sich aufs Wirtschaftsstudium vorzubereiten, und drittens eine Kleinfirma auftun, «um zu verstehen, was ein Unternehmer ist», sagt Luca und grinst. An der dritten Variante übt er sich bereits jetzt. Zusammen mit Freunden kauft er gebrauchte Töggelikasten im Internet und vermietet sie an Restaurants und Events.

Arianita, die Befreite

Der Händedruck zur Begrüssung in einem Zürcher Café ist federleicht. Was hast du vor? «Ich lasse mich treiben», sagt Arianita (22) und lacht entwaffnend. Ende Juli hat sie die dreijährige Lehre als Detailhandelsfachfrau in der Parfümerie abgeschlossen und fand nahtlos einen Job bei ihrem bisherigen Arbeitgeber Manor. «Ich werde zur Support-Manager-Assistentin.» In dieser Rolle hat sie Zugang zum Tresor, begleitet Ein- und Austritte, hilft in der Personalplanung, in der Buchhaltung oder bei Promotionen – ein begehrter Querschnitts-Job. War sie ehrgeizig? «Ich war jedenfalls nicht faul», sagt sie und lacht. Sie habe darauf hingearbeitet, «einen überdurchschnittlich guten Lehrabschluss zu schaffen».

«Es ist zu früh, dass Jugendliche mit 15 Jahren in eine Lehre geschubst werden.» Arianita, Lehrabgängerin. Foto: Urs Jaudas

Eine erste Ausbildung, die KV-Lehre bei einem KMU, brach sie mit 17 ab. «Sie entsprach nicht meiner Idee einer guten Lehre.» Der Abbruch war für sie die Befreiung. Zuerst ging sie in die Hauswirtschaft eines Pflegeheims. Dann warb sie auf der Strasse um Spender für Greenpeace und fürs Rote Kreuz. «All das hat mir gefallen, selbst wenn ich im Pflegeheim nicht viel verdiente.» Mit 19 fühlte sie sich reif für die zweite Lehre. Das ist ihre Kritik am System, die viele unterschreiben würden: «Es ist zu früh, dass Jugendliche mit 15 Jahren in eine Lehre geschubst werden. Man weiss dann gar nicht, was man werden will.»

Wird sie Karriere machen? «Es bleibt noch viel Zeit, um bis 65 zu arbeiten.» Sie lacht wieder. Sie wolle tun, was immer ihr gerade einfalle. Den Assistenten-Job mache sie «jetzt sicher ein Jahr lang», dann sehe sie weiter. «Ich lasse mich vom Hier und Jetzt inspirieren.»

Fachkräfte von morgen

Sollten Arianitas Eltern sich jetzt um sie sorgen? Was ist nach der Lehre typisch, was abnormal? Hilfreich ist die BFS-Langzeitstudie. Sie verfolgte vier Jahre lang Lehrabsolventen des Jahres 2012. Das Fazit? 85 Prozent arbeiten nach der Lehre wie Arianita gleich weiter. Von diesen wechseln jährlich 11 Prozent in eine zweite Lehre, ins Berufsmaturjahr, absolvieren eine Spezialisierung oder gehen an eine Fachhochschule. Drei Jahre nach Abschluss studiert ein Fünftel auf Tertiärstufe.

Sollte Lucas Mutter beunruhigt sein, weil er keinen Anschluss fand? Die Statistik spricht dagegen. Die allermeisten Absolventen finden innert drei bis sechs Monaten eine Stelle. Die Zahl derer, die weder studieren noch eine Arbeit finden, ist klein und nach vier Jahren noch kleiner, unter drei Prozent. Gymischüler, die nach der Matur nicht studieren gehen, haben ein ungleich höheres Risiko, arbeitslos zu bleiben.

Schwieriger Übergang

Was die Statistik aber auch zeigt: Der Übergang von einer Lehre über die Berufsmatur zum Hochschulstudium ist nach wie vor schwierig, obwohl es heisst, die Bildungswege seien durchlässig. Bloss 492 von 50'000 Lehrabsolventen eines Jahres schafften die Passe­relle, die zur Gymnasium-Matur führt.

Für Luca und Arianita ist die klassische Matur vorderhand kein Thema. Lehrberater Heiniger ist froh, dass eine Minderheit der Lehrabsolventen studieren geht. «Diese Leute sind für die Wirtschaft von grosser Bedeutung.» Es sind die Fachkräfte von morgen. Ohne dass es sie selber gross kümmert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2018, 09:11 Uhr

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