Die Enkeltrickbetrüger haben eine neue Masche

Die Telefonbetrüger haben auf die Präventionsarbeit der Polizei reagiert – und ihre Lügengeschichten weiterentwickelt.

Eine Studie der Pro Senectute Schweiz zeigt, dass landesweit alleine in den Monaten Februar und März mehr als 21’000 Senioren Ziel von Telefon-Betrügern wurden: Ein Senior am Telefon. (Symbolbild: AFP)

Eine Studie der Pro Senectute Schweiz zeigt, dass landesweit alleine in den Monaten Februar und März mehr als 21’000 Senioren Ziel von Telefon-Betrügern wurden: Ein Senior am Telefon. (Symbolbild: AFP)

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Agnes* schreckt auf als das Telefon mitten in der Nacht klingelt. Ein Polizist meldet sich. Es laufe eine Beschattungs- und Verhaftungsaktion im Quartier, die Polizei knöpfe sich Einbrecher vor. Der Mann will von der 82-Jährigen wissen, ob ihr zwei schwarze Wagen an der Strasse aufgefallen seien. «Nein.» Er fährt fort: Ob sie Wertsachen zu Hause aufbewahre? «Wollen Sie mich verarschen?», entfährt es der Seniorin aus Aesch. Sie legt auf – und entgeht damit gerade noch einem Verbrecher.

Nicht nur in der Zürcher Gemeinde treiben Telefonbetrüger derzeit ihr Unwesen. Am vergangenen Donnerstagabend haben sich zig Personen bei der Stadtpolizei St.Gallen gemeldet, weil sie von angeblichen Polizisten kontaktiert worden sind. Diese hätten sich nach vorhandenen Wertgegenständen erkundigt. Die Kriminellen nehmen gezielt Senioren ins Visier. «Häufig Frauen mit altklingenden Namen», beobachtet Rolf Decker von der Kantonspolizei Zürich. So hiessen die «perfekten Opfer» etwa Rosmarie, Johanna – oder eben Agnes.

Falsche Polizisten sprechen reines Hochdeutsch

Anders als die Enkeltrick-Banden, die häufig aus Polen stammen, führen die Spuren bei dieser Masche in die Türkei. «Wir gehen davon aus, dass wir es oft mit deutschstämmigen Türken zu tun haben», sagt Rolf Decker, der für die Präventionsarbeit zuständig ist.

Auffällig sei nämlich, dass die falschen Polizisten reines Hochdeutsch sprechen. Sie fabulieren von Überfällen, von Verhaftungen und von Übeltätern, die noch auf freiem Fuss seien. Sie geben an, bei Verhafteten habe man ein Notizbuch gefunden, worin der Name des Opfers mit «wohlhabend» vermerkt sei. Dann die Befürchtung, der Angerufene sei der nächste auf der Liste der Räuber. Die falschen Polizisten fragen, ob die Senioren Wertsachen zu Hause aufbewahren und drängen sie, diese «in Sicherheit zu bringen» – in dem sie ihre Habe den Ermittlern zur Aufbewahrung übergeben.

Rund zwei Millionen Franken erbeutet

Das tat kürzlich auch ein 80-jähriger Zürcher: Die Betrüger knöpften ihm auf diese Weise 60’000 Franken ab. Er ist dieses Jahr bereits das 41. Opfer der Telefonbetrüger im Kanton Zürich, die bisher rund zwei Millionen Franken erbeutet haben – und damit mehr als im gesamten Jahr 2017.

Die Banden haben 2018 in der Schweiz so oft zugeschlagen wie noch nie. Seit Jahresbeginn meldeten alleine im Kanton Zürich 1493 Betroffene, dass Gauner versucht hätten, sie per Telefon übers Ohr zu hauen. «Noch ist das Jahr nicht um, und die Fälle von Betrugsversuchen haben sich gegenüber 2017 bereits verdreifacht», sagt Decker. Er geht davon aus, dass wie im vergangenen Jahr der grosse Teil dieser Betrugsfälle in der Schweiz auf Zürich entfallen.

Doch auch in anderen Kantonen ist die Anzahl Fälle markant angestiegen: Die Aargauer Polizei vermeldet seit Jahresbeginn rund 350 Versuche und damit doppelt so viele wie im Vorjahr. Im Kanton Thurgau hat sich diese Zahl gar mehr als verdreifacht: 111 Personen waren bis anhin betroffen. Wie eine vergangene Woche publizierte Studie von Pro Senectute Schweiz zeigt, wurden landesweit alleine in den Monaten Februar und März mehr als 21’000 Senioren Ziel von Betrügern, die sich per Telefon als Polizisten ausgaben.

Der Irrglaube vor dem Telefonbetrug gefeit zu sein

Rolf Decker ist sich sicher, dass die bei der Polizei gemeldeten Fälle nur «die Spitze des Eisbergs» darstellen. «Wir rechnen in Zürich mit einer Dunkelziffer, die mindestens fünfmal so hoch ist.» Denn viele Senioren würden sich nicht bei der Polizei melden – aus Scham, den Gaunern auf den Leim gekrochen zu sein. «Den Opfern, ist es immer unglaublich peinlich. Viele von ihnen tun sich sogar schwer, sich ihren Angehörigen anzuvertrauen.»

Das belegt die Studie von Pro Senectute, bei der mehr als 1200 Betagte befragt wurden: 61 Prozent Betroffene behielten den Vorfall für sich, lediglich 39 Prozent erzählten einem Familienmitglied und nur gerade 16 Prozent ihrem Lebenspartner davon. 11 Prozent wandten sich an die Polizei. Kantonspolizist Decker führt dies darauf zurück, dass die Masche der Telefonbetrüger nach landläufiger Meinung vermeintlich so leicht zu durchschauen sei. «Kaum jemand hat Angst davor, einem Telefonbetrüger zum Opfer zu fallen. Es ist jedoch ein Irrglaube, davor gefeit zu sein.»

«Häufig schwerwiegende psychische Folgen»

Aus den Befragungen für die Studie von Pro Senectute geht hervor, dass nicht nur der finanzielle Schaden beträchtlich ist. Schon die Betrugsversuche hätten für ältere Menschen «häufig schwerwiegende psychische Folgen», heisst es im Papier.

Neben Nervosität und Schlafstörungen plagen die Senior Ängste in ganz alltäglichen Situationen. Etwa wenn das Telefon klingelt. «Sie können nach einem solchen Vorfall nicht mehr unbeschwert ran gehen, weil sie befürchten, wieder einen Betrüger am Draht zu haben», sagt Judith Bucher von Pro Senectute Schweiz. Misstrauen gegenüber Mitmenschen drohe betroffene Senioren zudem zu isolieren.

Rolf Decker weiss aus Opferbefragungen, dass die Verbrecher die Betagten auch extrem unter Druck setzen. «Sind die Senioren mal an der Angel, kommen die Anrufe mit Anweisungen im Fünfminuten-Takt», sagt Decker. Ein Betroffener sagte den Zürcher Ermittlern, er habe den Kontakt mal abbrechen wollen. «Aber dann hat er mich wieder rumgekriegt. Ich habe am Telefon geheult, ich hatte einfach keine Kraft mehr.» Ein anderes Opfer sagte aus: «Ich war einfach nur froh, das Geld endlich übergeben zu können, damit alles ein Ende hat.»

Dreiste Betrüger rufen den Polizeistützpunkt an

Die Polizeien haben auch, um mit dem Tabu zu brechen, ihre Präventionsanstrengungen intensiviert. Doch die Kriminellen lernen mit. Laut Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei Aargau, verwenden die Kriminellen oft Namen von existierenden Polizei-Mitarbeitern. Um diese in Erfahrung zu bringen, scheuen sie nicht davor zurück, etwa beim Aarauer Stützpunkt der Polizei anzurufen. In den Betrugsanrufen nutzen sie dann den Namen des Angestellten, der im Schalterdienst das Telefon beantwortet hatte.

Neuerdings kombinieren die Betrüger zudem zwei bisher bekannte Maschen. Sie wenden erst den Enkeltrick an und greifen auf den «falschen Polizisten» zurück, falls die Senioren sie entlarven. So rufen angebliche Polizisten an, kurz nachdem das Opfer den Enkeltrick durchschaut hat. Laut Decker loben die Betrüger die Angerufenen, dass sie nicht in die Enkeltrick-Falle getappt sind, um gleich die nächste aufzustellen: Die Polizei höre die Telefone der Enkeltrickbetrüger ab und brauche die Hilfe des Angerufenen, um diese dingfest zu machen. Die falschen Polizisten fordern die Senioren auf, das Spiel der Betrüger mitzuspielen. Sie versprechen, die Gespräche abzuhören, die Opfer zu beschatten und bei der Geldübergabe die Täter zu verhaften. Sie legen auf und ihre Komplizen übernehmen als Enkeltrickbetrüger.

Warum die Städte stärker betroffen sind

Eine Auswertung der Kantonspolizei Zürich hat ergeben, dass urbane Gebiete stärker von den Telefonbetrügern ins Visier genommen werden als ländliche Regionen. «Wir gehen davon aus, dass die Täter die Anonymität in den Städten bevorzugt», sagt Decker. Diese nütze ihnen vor allem dann, wenn es um die persönliche Geldübergabe gehe. «Die Kriminellen fallen im städtischen Gebiet weniger auf und können unerkannt untertauchen. Zudem können sie sich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sehr flexibel und unerkannt bewegen.»

Wie Recherchen zeigen, werden nicht alle Kantone von denselben Trick-Banden heimgesucht. Während in Zürich die falschen Polizisten derzeit am aktivsten sind, schlagen im Kanton St. Gallen am häufigsten Anrufer zu, die sich als Microsoftmitarbeiter ausgeben. Die Anrufer sprechen in diesen Fällen meist Englisch und weisen ihre Opfer auf vermeintliche Fehlermeldungen hin, die von deren Computern an Microsoft übermittelt worden seien. Sie versuchen die Angerufenen dazu zu bewegen, Programme aus dem Netz herunterzuladen, die den Angreifern Zugriff auf das System verschaffen. Wie eine Sprecherin der Waadtländer Polizei sagt, agieren diese Microsoft-Betrüger hauptsächlich aus Indien, verwenden aber durch Manipulationen meist Schweizer Telefonnummern.

Die Strohmänner sind schwer zu fassen

Eine Umfrage bei den Polizeikorps hat ergeben, dass sich die Betrüger an die Sprachgrenze halten. Weil die falschen Polizisten deutschsprachig sind, sehen sich die Westschweizer und Tessiner Ordnungshüter kaum mit dieser Masche konfrontiert. «Wir sind davon nicht betroffen», sagt etwa die Waadtländer Polizei-Sprecherin. Die Enkeltrick- und Microsoftbetrüger treiben ihr Unwesen hingegen in allen Landesteilen.

In der Schweiz selbst agieren allerdings fast ausschliesslich die «Logistiker» und die «Abholer». Erstere kundschaften die Örtlichkeiten jeweils vor der Geldübergabe aus, letztere holen die Beute. Die sogenannten «Keiler», die Drahtzieher, sitzen in der Regel im Ausland. Was es für die Ermittler schwierig macht, den Kriminellen das Handwerk zu legen. Deshalb ist es bisher nur in wenigen Fällen gelungen, die Verantwortlichen zu schnappen und zu Rechenschaft zu ziehen.

Schlag gegen eine überregional agierende Bande

In Deutschland ist der Polizei im Bundesland Niedersachsen vor wenigen Tagen ein Schlag gegen eine überregional agierende Betrügerbande gelungen. Seither sitzen drei Männer im Alter zwischen 22 und 33 Jahren in Untersuchungshaft. Gegen acht weitere Verdächtige in Deutschland und im Ausland ermittelt die Polizei. Zudem hat sie zahlreiche Datenträger sichergestellt.

Wie Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover mitteilt, flog die Gruppierung im Zuge einer anderen, verdeckten Ermittlung auf. Die Kriminellen gaben sich als Polizisten aus. «Es ist das erste Mal, dass es uns gelungen ist, gleich eine ganze Betrügerbande hoch zu nehmen.» Ob die Hintermänner dieser Gruppierung auch in der Schweiz agierte, ist laut Klinge noch unklar.

*Vollständiger Name der Redaktion bekannt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2018, 20:11 Uhr

So schützt man sich vor Telefonbetrug

Misstrauisch sein: Ruft jemand an und lässt raten, wer am Apparat ist, empfiehlt die Polizei Kontrollfragen zu stellen, die nicht jedermann beantworten kann. Etwa: Wie heisst meine Schwester oder wann habe ich geheiratet?
Gibt sich der Anrufer als Polizist aus, ist es ratsam ihn nach seinem Namen und seiner Personalnummer zu fragen. Dann: Auflegen und erst bei der Polizei nachprüfen, ob es den Angestellten tatsächlich gibt und beide Angaben stimmen.

Nicht unter Druck setzen lassen: Ein Indiz für Telefonbetrug ist, dass die Anrufer ihre Opfer unter Druck setzen. Ist das der Fall, rät die Polizei sofort aufzulegen.

Nicht auf Geldforderungen eingehen: Telefonische Forderungen nach Geld oder Wertsachen sind suspekt, auch von vermeintlich bekannten Personen. Es ist ratsam, sich in diesen Fällen für die Entscheidung Zeit zu lassen und diese mit nahestehenden Menschen zu besprechen. Beim kleinsten Verdacht, die Polizei informieren.

Warnungen ernst nehmen: Bankangestellte sind sensibilisiert und reagieren meist, wenn sie den Verdacht schöpfen. Ihre Warnungen sollten ernstgenommen werden. Die Polizei empfiehlt die Unterstützung dieser Fachleute anzunehmen, auch wenn die Kriminellen mit Drohungen ihre Opfer davon abbringen wollen.

Kein Geld an Unbekannte: Bargeld sollte niemals an Unbekannte übergeben werden, auch wenn sich diese als Polizisten ausgeben.

Vorfall immer melden: Für die Ermittlungen der Polizei ist es wichtig, dass möglichst alle Fälle gemeldet werden - auch wenn es sich nur um einen Versuch gehandelt hat. (pia)

Weitere Infos: www.telefonbetrug.ch

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