Die Ausbildungsoffensive beim Medizinstudium steht in der Kritik

In der ganzen Schweiz entstehen neue Medizinstudienplätze. Auch der Bund unterstützt die Universitäten – doch den Hausärztemangel löse er damit nicht, wird nun beanstandet.

Erlernen von Operationstechniken: Medizinstudenten arbeiten an einem Schweineherz. Foto: Matthias Rietschel (AP)

Erlernen von Operationstechniken: Medizinstudenten arbeiten an einem Schweineherz. Foto: Matthias Rietschel (AP)

Raphaela Birrer@raphaelabirrer

Fast ein Drittel aller Ärzte in der Schweiz hat ein ausländisches Diplom. Der Anteil ist bei den Assistenzärzten sogar noch höher. Jeder zweite Mediziner, der 2016 einen Facharzttitel erwarb, hatte zuvor im Ausland studiert. Das zeigt die aktuelle Statistik des Ärzteverbands FMH. Kein Wunder: Schweizer Universitäten bilden laut Gesundheitsminister Alain Berset nur ein Drittel der benötigten medizinischen Fachkräfte aus. Deshalb hat der Bundesrat vor einem Jahr eine Anschubfinanzierung von 100 Millionen Franken für 2017 bis 2020 beschlossen, damit die Universitäten mehr Medizinstudienplätze schaffen. Mit dem Geld unterstützt der Bund die Kantone, die als Träger der Hochschulen die Hauptlast der Kapazitätserweiterung tragen. Ziel ist es, bis 2025 die Zahl der Absolventen auf jährlich 1300 zu erhöhen – nur so kann gemäss Berechnungen des Bundes die Abhängigkeit von ausländischen Ärzten reduziert werden. Gegenwärtig schliessen pro Jahr rund 900 Studenten ab.

Doch jetzt wird Kritik an diesem Vorgehen laut. Die Finanzspritze aus Bern und die Anstrengungen der Universitäten reichten nicht aus, sagt Christine Bulliard-Marbach, Vizepräsidentin der nationalrätlichen Bildungskommission. Die CVP-Nationalrätin ortet drei Probleme: Die Finanzierung sei nicht nachhaltig – ab 2021 müssten die Kantone selbst für die neuen Studienplätze aufkommen. Zudem fehle ein Masterplan für die Medizinausbildung: Wie muss das Studium reformiert werden, damit künftig ein Ärztemangel in gewissen Fachgebieten verhindert werden kann? Und schliesslich vermisst Buillard-Marbach gezielte Investitionen in die dringend benötigte Hausarztmedizin.

Hausärzte befürchten Engpass

Parlamentarier von links bis rechts teilen ihre Skepsis. «Mir fehlt die Transparenz: Ist die Finanzierung über das Jahr 2020 hinaus sichergestellt?», fragt etwa FDP-Bildungspolitiker Christian Wasserfallen. Der Berner erinnert daran, dass das Gesetz beim Medizinstudium ein koordiniertes Vorgehen von Bund und Kantonen vorschreibe. «Davon spüre ich bis heute wenig bis gar nichts.» Und SP-Nationalrat Matthias Aebischer sagt: «Mit den 100Millionen ist es nicht getan. Wir müssen überlegen, wie es nach 2020 weitergehen soll.»

Die Situation nach 2020 bereitet auch dem Haus- und Kinderärzteverband MFE Sorgen. Die neuen Studienplätze entsprächen nur dem Minimum des Bedarfs. «Wir haben keinen Spielraum. Es darf darum nicht bei einer Anschubfinanzierung bleiben», sagt Präsident Philippe Luchsinger. Auch die Hausärzte befürchten, dass ohne gezielte Massnahmen zu wenige Absolventen in der Grundversorgung tätig sein werden. Denn dort ist der Mangel im Vergleich zu den stattlichen Zuwachsraten bei den Spezialisten akut: In den nächsten Jahren wird jeder zweite Hausarzt pensioniert. Es reiche «bei weitem» nicht, dass die Universität Freiburg ein Institut für Hausarztmedizin schaffen wird und auch die Hochschulen St.Gallen und Luzern mit einem neuen Masterstudium Hausärzte fördern wollen. Bestätigt sehen sich die Kritiker wegen der Pläne der ETH Zürich. Dort werden ab Herbst 2017 erstmals 90Bachelorplätze angeboten. ETH-Präsident Lino Guzzella hat bereits die Absicht geäussert, einen Teil dieser Studenten für die Forschung zu gewinnen.

Kosten werden unterschätzt

Doch die Vorwürfe verlieren sich im komplizierten Geflecht aus kantonalen und universitären Zuständigkeiten. Recherchen zeigen, dass selbst direkt involvierte Institutionen bezweifeln, dass die Finanzierung der neuen Studienplätze sowie der Hausärzte-Nachwuchs gesichert seien. Die Fäden der Ausbildungsoffensive laufen bei Swissuniversities, der Rektorenkonferenz der Hochschulen, zusammen. Sogar deren Präsident Michael Hengartner zeigt sich kritisch. Der Rektor der Universität Zürich sagt zwar, die Bundesgelder seien nie als nachhaltige Finanzierung, sondern als Katalysator für ein verstärktes Engagement der Kantone deklariert gewesen. Aber: «Die 100Millionen Franken werden wohl nicht einmal für vier Jahre reichen. Die Kantone werden massiv investieren müssen, um die neuen Studienplätze erhalten zu können. Sonst müssen sie die Universitäten mit Sparmassnahmen in anderen Bereichen finanzieren.» In manchen Kantonen fehle auch das Bewusstsein, wie teuer eine Medizinausbildung ist. Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten pro Student auf 500'000 bis 750'000Franken. Hengartner spricht an, wovor die etablierten Medizinfakultäten warnen: dass die neuen Angebote längerfristig nicht überleben könnten, weil die Trägerkantone die Kosten unterschätzten.

«Die 100 Millionen Franken werden wohl nicht einmal für vier Jahre reichen.»Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich

Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Bund die Sonderfinanzierung verlängern werde, sagt Valérie Clerc, Geschäftsführerin der Hochschulkonferenz, die sich aus Vertretern des Bundes und der Kantone zusammensetzt. «Klar ist aber: Das Geld würde dann wohl in anderen Bildungsbereichen fehlen.» Die Hochschulen hätten in ihren Finanzplanungen jedoch offengelegt, dass die Studienplätze über 2025 hinaus finanziert werden könnten. Zudem seien sie bereit, die Hausarztmedizin stärker zu berücksichtigen. «Doch sie können die Absolventen nicht in die Grundversorgung zwingen», sagt Clerc.

Kantone wollen Verlängerung

Skeptisch war auch die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). In einem offenen Brief an Bildungsminister Johann Schneider-Ammann forderte sie «ein koordiniertes Vorgehen», damit die Bundesgelder nachhaltig eingesetzt würden. Der Ausbau der Studienplätze müsse nach 2020 finanzierbar bleiben. Heute ist EDK-Präsidentin Silvia Steiner (CVP) optimistischer: «Swissuniversities stimmt die Massnahmen aufeinander ab. Zudem werden nicht die Projekte der Universitäten, sondern die Zahl der zusätzlichen Absolventen vergütet. Das ist im Sinn der EDK.» Gleichwohl sieht Steiner den Bund in der «gesundheitspolitischen Verantwortung»: «Auch wir würden es begrüssen, wenn die Finanzierung verlängert würde. Das dürfte aber nicht zulasten anderer Bildungsbereiche gehen.»

Trotz der Beteuerungen: Für Bulliard-Marbach bestätigen sich die Bedenken. «Halbherzige Bekenntnisse zur Hausarztmedizin und finanzielle Absichten reichen nicht. Der Masterplan fehlt.» Sie wird Ende Jahr das Präsidium der Bildungskommission übernehmen und den Fokus auf die Aus- und Weiterbildung der Ärzte legen. So will sie die Idee der Medical Schools vorantreiben – ein System, in dem auch Bachelorabsolventen anderer Studiengänge zum Medizinmaster zugelassen würden. Obwohl eine solche Reform im Parlament breit gestützt wird, dürfte ihr der Widerstand der Ärzte und Kantone entgegenschlagen. Und so bleibt das Medizinstudium bis auf weiteres politisch vor allem eines: konfliktträchtig.

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