Die Asylhysterie nützt niemandem

Die Aufregung um das «Badi-Verbot» im aargauischen Bremgarten zeigt: Geht es um Asylbewerber, verlieren alle den Kopf.

Das neu eröffnete Asylzentrum in Bremgarten.

Das neu eröffnete Asylzentrum in Bremgarten.

(Bild: Keystone)

Patrick Feuz@patrick_feuz

Am Montag hat das Bundesamt für Migration im aargauischen Städtchen Bremgarten seine erste Asylunterkunft nach neuem Regime eröffnet. Am Freitag reiste ein ZDF-Journalist an, um über die angeblich unmenschliche Behandlung von Asylbewerbern in der Schweiz zu berichten. Spiegel online sieht in Bremgarten «Freibad-Rassisten» am Werk, der digitale «Independent» fühlt sich an Apartheid-Praktiken erinnert, und auf al-Jazeera online erklärt ein Menschenrechtsexperte: «shocking». Die Ironie ist augenfällig: Der Schweiz passiert das, was sonst häufig Asylbewerber erleben - man begegnet ihr mit Pauschalurteilen.

Wenn ein Badi-Verbot, das keines ist, so viel Aufsehen erregt, ist einiges schiefgelaufen. Die Asylbewerber dürfen das lokale Freibad besuchen, aber nicht zu viele auf einmal. Dies haben der Bund und die Gemeinde vereinbart, aber der Öffentlichkeit nicht früh genug und genügend klar gesagt. Selbst die zuständigen Behörden unterschätzen offenbar immer noch, wie emotional und politisch aufgeladen das Thema Asyl ist. Da muss jedes Wort abgesprochen sein. Situationspläne, die nebst Schulhausarealen irrtümlicherweise gleich noch Kirchenvorplätze und Bibliotheken als angebliche Sperrzonen markieren, liegen schon gar nicht drin.

Was am meisten beunruhigt, ist aber, wie die schweizerische Öffentlichkeit auf den Fall Bremgarten reagiert: Nämlich so wie immer - die Diskussion rund um Asylweber und Asylunterkünfte dreht sich im Kreis.

Soldaten stören auch

Auf der einen Seite wird kritisiert, hinter der Einschränkung der Bewegungsfreiheit verberge sich ein Menschenbild, das von den Asylbewerbern nur Böses erwarte und fälschlicherweise davon ausgehe, ohne Regeln breche das Chaos aus. Auf der anderen Seite möchten viele am liebsten Elektrozäune um Asylzentren bauen, um die Fremden von der Bevölkerung fernzuhalten.Wer so tut, als wären Asylunterkünfte für die Anwohner kein Problem, lebt in einer eigenen Welt. Und hilft ausgerechnet jenen, die das Problem grösser machen, als es ist. Die können dann sagen, es werde immer noch verharmlost und schöngeredet.

Die asylpolitische Hysterie sollte auf beiden Seiten endlich aufhören. Selbstverständliches oder Unabänderliches ständig zu skandalisieren, bringt nichts. Dass Asylbewerber auf dem Schulhof erst dann Fussball spielen, wenn die Schule aus ist, verletzt keine Menschenrechte. Auch rassistisch sind solche Zutrittsregeln nicht: Soldaten sind in kleineren Ortschaften im Ausgang auch nicht überall zugelassen. Weil man findet, dass sie in grösseren Gruppen stören können.

Anzuprangern, dass die Mehrheit der Asylbewerber keine echten Flüchtlinge sind, hilft hingegen auch nicht weiter. Sie kommen trotzdem. Weil sie hoffen, vielleicht doch in der wohlhabenden Schweiz bleiben zu dürfen und eine Arbeit zu finden.

Effizient, aber humanitär

Jährlich rund 20'000 Menschen haben im Schnitt des letzten Jahrzehnts bei uns Asyl beantragt, die Mehrheit muss wieder gehen. Künftig früher als bisher, wie Bundesrätin Simonetta Sommaruga verspricht. Doch für beschleunigte Verfahren braucht sie geeignete Unterkünfte. Wenn Zutrittsregeln für sensible Areale helfen, Standortgemeinden zu finden, ist dagegen nichts einzuwenden. Solange die sozialdemokratische Justizministerin dafür sorgt, dass alles rechtens ist.

Eigentlich müsste unsere Asylpolitik genau so sein, wie wir die Schweiz gerne sehen: nüchtern, effizient, rechtsstaatlich, humanitär. Ein hoher Anspruch. Im Alltag ist er nur einzulösen, wenn alle einen kühlen Kopf bewahren.

Der Bund

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